Oldenburg - Anderthalb Millionen Menschen: ohne Job, ohne Einkommen, ohne Perspektive – ohne Lobby.
Kaum eine Branche trifft die Pandemie so hart, wie den Veranstaltungssektor. Deutschlands sechstgrößte – und Niedersachsens drittgrößte – Wirtschaftskraft steht vor den Trümmern.
Team will helfen
Zeit, einander beizustehen, finden Manuela Girgsdies und Sam Vogel. Die beiden Oldenburgerinnen gehören zu einem vierköpfigen Team aus Musikern, Veranstaltungstechnikern, Band-Bookerinnen und Veranstaltungskauffrauen, die die Aktion #Ohneunsistsstill & #Kulturgesichter in ihrer Heimatstadt umgesetzt haben.
Die Aktion #Ohneunsistsstill & #Kulturgesichter ist eine Initiative der deutschlandweiten Veranstaltungsbranche, die seit Mitte März vom bestehenden Veranstaltungsverbot betroffen ist – angestoßen als eine von vielen Initiativen des Bündnisses #AlarmstufeRot.
Nicht wegschauen lautet der Gedanke hinter der Aktion, die Akteure aus dem Veranstaltungssektor unterschiedlichster Berufe auf Fotos abbildet und den Menschen hinter Einzelschicksalen ein Gesicht gibt.
Auch Oldenburg schließt sich nach Bremen, Hannover, Stuttgart und weiteren Städten und Regionen mit „Kulturgesichter0441“ der Aktion an. Offizieller Start ist am 31. Oktober. Dann geht die Internetseite online und soziale Medien werden zugeschaltet. Geplant ist neben Plakaten im Stadtgebiet eine Ausstellung.
Wer sich beteiligen will, kann noch immer mitmachen und Teil der Kampagne werden. Gesucht werden zudem lokale Sponsoren, die eine Ausstellung und Plakataktion mitermöglichen (unter
„Wir sind diejenigen, die gerade nicht rund um die Uhr mit Überleben beschäftigt sind – wir können helfen“, sagt Manuela Girgsdies, die Hauptberuflich als Übersetzerin arbeitet und eher aus Leidenschaft Musiker managt und fördert. Die vergangen Jahre holte die 43-Jährige Indie-Bands aus Skandinavien, Großbritannien und den Niederlanden aufs Stadtfest. In diesem Spätsommer gab es nichts zu feiern. Für niemanden.
100 Fotos exemplarisch
Die Krise der Kulturbranche betrifft nicht nur jeden Winkel des Landes, sondern auch weit mehr Menschen, als jene, die auf den Bühnen sichtbar – oder nun unsichtbar – sind. „Bühnenbildner, Tontechniker, Grafiker, Manager, Servicekräfte, Plakatierer, Kostümschneider – die Liste lässt sich unendlich fortsetzen“, sagt Sam Vogel.
Etliche von ihnen – 100 Oldenburgerinnen und Oldenburger – haben die 48-Jährige und ihr Team in die Aktion #Kulturgesichter0441 miteingebunden. Die Ziffer steht für die Oldenburger Vorwahl und die Beteiligten für ihr jeweiliges Berufsfeld. „Denn es sind weit mehr betroffen“, sagt Sam Vogel – 500 bis 600 Menschen aus dieser Stadt, schätzt sie. Die Mitwirkenden hat Veranstaltungstechniker Volkhard Kulisch fotografiert. Ab Ende Oktober werden ihre Bilder auf einer Homepage zur Aktion veröffentlicht. Sichtbar werden sollen im weiteren Verlauf auch ihre Namen und Berufe. Die anderthalb millionen Betroffenen sollen ein Gesicht bekommen.
„Geh’ doch was richtiges Arbeiten“, „Dann kannst du halt gerade nicht dein Hobby machen“ – solche Sprüche bringen Sam Vogel auf die Palme: „Diese Menschen haben studiert, eine Ausbildung gemacht oder beides – und sie sorgen dafür, dass die Gesellschaft unterhalten wird.“
Existenz gefährdet
Hinzu kämen jene die zwar nicht auf ihre Passion, wohl aber ein dringend benötigtes Einkommen verzichten müssen – Minijobber an Club-Bars, Garderobenmitarbeiterinnen- und -mitarbeiter, Kartenabreißer. Ein großer Mikrofonhersteller hat gerade 300 von 800 Mitarbeitenden entlassen. Und: an jeder großen Veranstaltung verdienen auch noch andere Branchen
Die Initiative möchte nicht anklagen oder jammern, in einer Zeit, in der so viele Menschen auf unterschiedlichste Arten zu kämpfen haben. #Kulturgesichter ist als Appell gedacht – zum Nachdenken. Gefragt sei die Politik, in deren Händen die Verteilung von Hilfsgeldern liege – aber auch die Gesellschaft. Es gelte den Wert der Kultur für jeden einzelnen zu überdenken.
Gemeinsam stark
„Wir müssen weg vom ,jeder für sich’ hin zu einem ,wir gemeinsam“, sagt Manuela Girgsdies – „es geht um anderthalb Millionen Menschen. Und es geht jeden etwas an.“
