Oldenburg - Eigentlich ist es toll, zehn zu werden. Aber wenn man ohne Freunde Geburtstag feiert, macht es kaum Spaß älter zu werden. Immerhin gab es heute ein paar nachträgliche Glückwünsche für Matti. Überhaupt gab es viel nachzuholen. Nach sechs Wochen durfte der Grundschüler wieder in den Unterricht.
„Endlich“, finden die neun Viertklässler der Wallschule, die mit der niedersächsischen Öffnung für die Abschlussjahrgänge an diesem Montag mal wieder einen Lehrer in greifbarer Nähe haben. Mit genügend Abstand, versteht sich. Statt 18 Jungen und Mädchen hat Diana Nitschke heute neun Kinder begrüßt – Dienstag ist die andere Hälfte dran. Als Erstes stand Händewaschen auf dem Stundenplan. Zehn Minuten hat das Lehrerkollegium der Wallschule dafür jeden Morgen eingeplant. „Letzte Woche gab es den Hygieneplan von Minister Tonne – wir waren am Wochenende hier, um alles zu planen und zurechtzurücken“, sagt Diana Nitschke. Natürlich freue sie sich, die Kinder wieder zu sehen. An der Tafel steht in bunten Buchstaben „Willkommen“.
Viel zu erzählen
Aber es macht sie auch traurig, wie anders jetzt alles ist. „Das ist kein Unterricht, wie wir es uns vorstellen“, sagt die Grundschullehrerin. Gruppenarbeit, Spiele, zusammen toben, knuddeln – das geht nicht. Gesungen hat sie mit ihrer halben 4b trotzdem. Nicht nur für Matti, der genügend Zeit bekam, von seinen Geschenken zu erzählen: Lego, eine Murmelbahn, ein Experimente-Kasten und ganz viel Schokolade. Von seinen Mitschülern wollte Diana Nitschke wissen, was sie so gemacht haben, die ganzen Wochen zu Hause. „Lego gespielt und Fußball“, sagt Jona. „Und natürlich Hausaufgaben gemacht“, ergänzt der Neunjährige. Dafür gab es Lernpakete, die die Eltern in der Schule abgeholt haben. „Und das hat super funktioniert“, sagt Diana Nitschke. Sie lobt ihre Schüler als wissbegierig und die Elternhäuser als kooperativ.
Für aufkommende Fragen war sie, wie ihre Kollegen, zu festen Sprechzeiten telefonisch erreichbar. „Und Mama und Papa können auch gut erklären“, ist die einhellige Meinung unter den Viertklässlern. Zugegebenermaßen haben sie mehr Fernsehen geschaut als sonst – „und gedaddelt“. Lian erzählt aber auch von Fahrradtouren mit Papa und Meira vom Spielen auf dem Balkon, einige haben ein Trampolin im Garten – und die meisten Geschwister, mit denen man zur Not auch was machen kann. Wenn sie denn wollen: Lians kleiner Bruder mochte nämlich nicht immer, bedauert der Neunjährige.
Aber jetzt sehen sie ihre Freunde ja wieder. Doof nur, dass man immer Abstand halten muss. „Beim Hinke-Pinke-Spielen geht das noch, weil man ja weit auseinander springt“, sagt Lovis. „Und Frau Nitschke guckt ja, was wir machen.“ Die Pausen auf dem Spielplatz finden in Kleinstgruppen statt. Warum, wissen die Kinder. Trotzdem nervt das mit der Kontaktbeschränkung. „Und unter den Masken kriegt man kaum Luft“, sagt Jona. Am Schlimmsten aber war die Langeweile zu Hause. Irgendwann wird Legobauen auch fad. Und der Fernseher erzählt immer dasselbe.
Kein leichter Job
Was all die Einschränkungen am Ende des Schuljahres mit den Kindern gemacht haben, sei erst im Nachhinein abzuschätzen, sagt Diana Nitschke. Fest steht: Für sie und ihre Kollegen war es kein leichtes Halbjahr. Über die komplette Zeit der Schulschließung – und auch weiterhin – stehen die Lehrkräfte für die Notbetreuung zur Verfügung. Kinder von Eltern, die in systemrelevanten Berufen arbeiten oder sogenannte Härtefälle werden gruppenweise betreut. Also auch die ganz Kleinen – „und da muss man schon zusehen, wie man die auseinanderhält“, sagt Diana Nitschke – ein Vorgeschmack auf kommende Zeiten. In zwei Wochen sollen auch Drittklässler wieder beschult werden. In welchen Abständen die Jüngeren folgen, steht noch nicht fest.
„Es gibt ständig neue Anordnungen – erst hieß es: Zwei bis drei Kinder werden zusammen notbetreut, dann vier, jetzt fünf“, sagt Verena Lennartz. Die Schulleiterin spricht von „besonderen Umständen“. Andere wären ihr lieber. Dennoch ist sie guter Hoffnung, „das Beste aus der Situation zu machen“. Sie und ihre Kollegen „wollen Schritt für Schritt gucken“. Sie sei froh, dass es weitergeht. Ihre Schüler auch.
Urlaub in den großen Ferien – ans Meer, zu den Verwandten oder nach Korfu – fällt zwar aus, aber irgendwann darf man wieder wegfahren. Und wenn Matti nächstes Jahr elf wird, kann er bestimmt groß feiern mit allen Freunden.
