OLDENBURG - OLDENBURG - Sitzenbleiben soll in Schleswig-Holstein auf Dauer der Vergangenheit angehören. Bildungsministerin Ute Erdsiek-Rave (SPD) will, dass die Ehrenrunden „für oft nur vermeintliche Schulversager“ vermieden werden. Auch für Niedersachsen wäre das eine gute Sache, findet die Oldenburger Wissenschaftlerin Prof. Dr. Astrid Kaiser, Direktorin des Instituts für Pädagogik an der Carl-von-Ossietzky-Universität.

Gegenüber der NWZ sagte sie gestern: „Kinder bleiben nicht fachspezifisch sitzen, sondern aus einem sozialen Kontext heraus.“ Zumal sich die altersgemäße Kontaktsituation durch die Ehrenrunde verschlechtere.

Aber auch ökonomisch sei die zusätzliche Beschulung für ein ganzes Jahr quer durch alle Fächer – obwohl die Probleme vielleicht nur in Mathe und Physik oder Englisch und Deutsch auftauchten – „eine Katastrophe“. Viel zu wenig wird aus Sicht der Pädagogin berücksichtigt, dass es lediglich einen fachspezifischen Nachholbedarf gebe – insofern sei Sitzenbleiben „sehr uneffektiv“. Auch die Tatsache, dass Sitzenbleiben in einem bestimmten Alter mit Abstand am häufigsten vorkomme – nämlich parallel mit dem Hormonausstoß – stimme bedenklich. Jungen seien genauso intelligent wie Mädchen, blieben aber häufiger sitzen. Denn auf pubertäre Entwicklungsprobleme werde oft simpel mit Sanktionierung reagiert.

Die Alternative: „Sobald Defizite auftauchen spezifisch fördern und nicht erst nach der ,5’“. Das Selbstwertgefühl habe starken Einfluss auf die Leistungsfähigkeit. Schweden beschreite den Weg rechtzeitiger individueller Förderung mit Erfolg – etwa in Ganztagsschulen, die entsprechend ausgestattet seien, auch in sozialpädagogischer und psychologischer Sicht. Angesichts der immensen Kosten fürs Sitzenbleiben – geschätzt werden 1,2 Milliarden Euro – sei dieser Weg nicht nur effektiv, sondern auch sehr billig.

Heiner Hoffmeister, Sprecher des Kultusministers, sagte dazu: „Wir werden das Sitzenbleiben nicht einfach abschaffen. Wir wollen aber, dass gezielt und stark gefördert und die Zahl der Sitzenbleiber reduziert wird. Möglichst alle sollen das Klassenziel erreichen.“