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Pflegefamilie In Oldenburg Nicht verwandt und doch eine richtige Familie

Oldenburg - Einen kleinen Spruch gegenüber seiner Mutter kann sich David nicht verkneifen. Wie das so ist mit 15, wenn man sich für viel schlauer hält als die Eltern. Sein Bruder Jadon ist mit seinen zwölf Jahren noch etwas zurückhaltender. Ein ganz normales Familienleben eben. Nur dass die Kinder nicht dieselben Nachnamen tragen wie ihre Eltern – und dass es aus biologischer Sicht gar nicht ihre Eltern sind.

David und Jadon sind Pflegekinder. Eigentlich heißen sie anders, für den Bericht hat die NWZ ihre Namen geändert. Nicht weil sie sich aufgrund ihrer Familienverhältnisse schämen würden. Die Jungs gehen damit ganz offen um, hätten sich auch mit Namen und Foto in der Zeitung präsentiert. Es sind vielmehr die Pflegeeltern und vor allem das Jugendamt, die ihre schützenden Hände über die Heranwachsenden halten.

Alternative zur Adoption

Die beiden (Halb-)Brüder leben seit fast zwölf Jahren bei Michaela Dittmar-Wübbold und Ralf Dittmar. Das Ehepaar kann selbst keine Kinder bekommen und hatte zunächst eine Adoption ins Auge gefasst, was „ziemlich aussichtslos“ war, wie sich die 50-Jährige erinnert. Die Bewerbung als Pflegefamilie war da die Alternative.

Der Kinderwunsch allein reicht allerdings nicht als Kriterium, um als Pflegeeltern in Betracht zu kommen. „Es geht nicht darum, ein eigenes Kind zu ersetzen“, sagt Meike Bruns. Sie leitet den Pflegekinderdienst im Amt für Jugend und Familie der Stadt Oldenburg. Hinter dem Interesse sollte vor allem die Motivation stehen, „einem Kind aus einer schwierigen Situation zu helfen und ihm einen Platz in einer Familie zu geben“, sagt sie. Flexibilität, Offenheit und auch Humor wären auch nicht verkehrt.

„Humor macht vieles einfacher“, bestätigt auch Ralf Dittmar. Denn Pflegekinder aufzunehmen, ist nicht immer ein Zuckerschlecken. Die Kinder führen nicht umsonst ein Leben mit Abstand zu ihren leiblichen Eltern. Vernachlässigung, Drogen, Gewalt – die Hintergründe sind vielfältig. Jedes vermittelte Kind hat sein Päckchen zu tragen und es ist die Aufgabe der Pflegeeltern, sie dabei zu unterstützen. „Wenn ein Einjähriger nicht laufen kann aber weiß, wie die Fernbedienung funktioniert, dann sieht man, dass etwas schiefgelaufen ist“, sagt Dittmar-Wübbold.

„Die Chemie stimmte“

Mit seinen Jungs hatte das Ehepaar allerdings schon bei den ersten Kennenlernbesuchen das Gefühl, dass sie als Familie zusammenpassen. „Die Chemie stimmte“, erzählt Dittmar. Wenn das nicht gewesen wäre, „hätte ich das nicht gemacht“, so der 51-Jährige. Und das Jugendamt auch nicht. „Unsere Aufgabe ist es, für das Kind die beste Familie zu finden“, sagt Bruns. Nicht umgekehrt.

Die Rolle der leiblichen Eltern

Bei der Suche nach der passenden Familie dürfen die leiblichen Eltern nicht vergessen werden. Denn der Kontakt zwischen ihnen und den Kinder bleibt in der Regel bestehen, gerade zu Beginn unter Aufsicht des Jugendamtes. Rund die Hälfte der Anträge auf Aufnahme des Kindes in eine Pflegefamilie werden von den biologischen Eltern selbst gestellt, heißt es im Oldenburger Jugendamt. Insofern ist das Bild von aggressiven Eltern, die gegen alle Widerstände ihr Kind wiederhaben wollen, eher eine Ausnahme. „Die leiblichen Eltern spielen eine wichtige Rolle“, erklärt Bruns. Das müssten die Pflegeeltern auch akzeptieren, sie dürfen diesen Teil der Familie nicht einfach ausschließen. Eine Rückkehr von Kindern in ihr ursprüngliches Elternhaus gibt es eher selten. Wenn alle gemeinsam einen Weg finden, gut miteinander auszukommen und sehen, dass es den Kindern in dieser Konstellation gut geht, wird das auch nicht so schnell zum Thema.

Zu ihrer leiblichen Mutter haben David und Jadon inzwischen kaum noch Kontakt. Vor allem weil sie selbst wenig Drang danach verspüren. „Früher habe ich vor allem geschaut: Vertragen die Kinder den Kontakt. Später habe ich die Jungs immer selbst entscheiden lassen“, sagt Dittmar-Wübbold.

Ohnehin haben die beiden viel Mitspracherecht. „Ich möchte gerne adoptiert werden“, sagt Jadon. Sein älterer Bruder will das nicht. Beide Meinungen akzeptieren die Pflegeeltern. Auch wie sie nach außen mit ihrem Familienstatus umgehen, entscheiden die Jungs selbst. Wer fragt, bekommt von ihnen in den meisten Fällen eine offene Antwort.

„Mutterloses Kind“

Das kann auch zu Problemen führen. Manche Jugendliche nutzen solche vermeintlichen Schwachpunkte gerne aus. Als mutterloses Kind sei er mal in der Schule beschimpft worden, berichtete David. „Das hat mich schon getroffen.“ Die richtige Antwort darauf hat sich der 15-Jährige allerdings selbst gegeben. „Ich habe sogar zwei Mütter.“

Wie wird man Pflegefamilie?

1. Vorinformation: durch Telefonate, Broschüren und ein Gespräch; auch Alleinstehende, gleichgeschlechtliche und unverheiratete Paare können Pflegekinder aufnehmen

2. Seminar: dreitätige Veranstaltung mit allen Infos

3. Kennenlerngespräche: Kennenlernen durch das Amt, Prüfung von Unterlagen und Hausbesuche

4. Vereinbarung: Festlegung der Pflegart (dauerhafte, befristete, mit Förderbedarf) und des Alters (passend zur Familienstruktur)

5. Anonymes Kennenlernen: Pflegekind wird beobachtet (z.B. auf einem Spielplatz), um Grundsympathie festzustellen.

6. Erstes Treffen: in der Regel gemeinsam mit den leiblichen Eltern

7. Anbahnungszeit: regelmäßige Kennenlerntreffen über rund sechs Wochen. Wenn alles passt, kann das Kind einziehen. Der Pflegekinderdienst hält den Kontakt, macht Hausbesuche.

Pflegegeld: Pflegeeltern können Elternzeit nehmen, erhalten aber kein Elterngeld. Stattdessen zahlt das Jugendamt Pflegegeld, je nach Alter zwischen 749 und 995 Euro monatlich bei der allgemeinen Vollzeitpflege; Zuschläge bei sozialpädagogischem Bedarf oder Behinderung und bei unbegleiteten Flüchtlingen

140 vermittelte Kinder werden vom Pflegekinderdienst der Stadt aktuell betreut.

Patrick Buck
Patrick Buck Redaktion Oldenburg (Stv. Leitung)
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