• Jobs
  • Immo
  • Auto
  • Kleinanzeigen
  • Trauer
  • Hochzeit
  • Guide
  • Shop
  • Tickets
  • nordbuzz
  • Fußball
  • Werben
  • Kontakt
 
NWZonline.de Region Stadt Oldenburg

„Die Kirche ist wie ein Wohnzimmer“

12.03.2019

Oldenburg Tausende Menschen fahren tagein, tagaus an ihr vorbei: der evangelisch-lutherischen Dreifaltigkeitskirche an der Cloppenburger Straße in Oldenburg. Viele Passanten nehmen das Gotteshaus aus roten Ziegelsteinen und den darum liegenden Friedhof, der von einer Mauer umgeben wird, vermutlich gar nicht richtig wahr.

Wiebke Look geht das anders. Seit rund fünf Jahren ist die Cloppenburgerin Kirchenführerin. „Wir haben damals eine Kirche gesucht, wo wir Heiligabend sein können“, sagt die 43-Jährige, die aus Königslutter am Elm stammt. „Die Kirche ist wie ein Wohnzimmer, in dem man sich wohlfühlen kann. Ich habe selbst eine Beziehung zu der Kirche aufgebaut.“

Nun steht sie mit Michael Winkel, einem der damaligen Ausbildungsleiter, zwischen den Grabsteinen auf der Südseite der Kirche. „Was ist typisch evangelisch?“, fragt sie. Gemeinsam mit Interessierten möchte sie sich auf Spurensuche begeben. „Die Dreifaltigkeitskirche wurde 1616 erbaut und war eine der ersten Neugründungen nach der Reformation im Oldenburger Land. Neben der Lambertikirche ist sie die älteste existierende Kirche in Oldenburg.“ Osternburg wurde damals ein eigenes Kirchspiel und erlangte somit politische Rechte.

Wiebke Look hält zwei C 4-Briefumschläge in der Hand. „Zuerst brauchen wir den mit der roten Schrift“, sagt sie. Die Fragen darauf: Was können Sie selbst schon von außen über den Bau der Kirche berichten? Dabei sollen Baumaterial, Bauweise, Bauherr, An- und Umbauten, Fenster, Türen und Maße beachtet werden. Außerdem soll versucht werden, einen Grundriss zu erstellen. „Ich möchte, dass sich die Interessierten persönlich in der Kirche verorten und dass sie etwas eigenes aus der Erkundung mitnehmen.“

Gang um das Gebäude

Neben roten Ziegeln und der schlichten Bauweise fallen die vier Fensterachsen auf. „Und es gibt einen Bruch nach der dritten Fensterachse“, erklärt Wiebke Look. „Bis hierher ging der ursprüngliche Teil – ohne Turm. Zuerst stand ein hölzerner Glockenträger neben dem Gebäude. Zwar war die Kirche schnell zu klein für die vielen Gemeindemitglieder, doch erst 1734 wurde angebaut.“ An den Seitenwänden sind die unterschiedlichen Bauabschnitte noch deutlich zu sehen. Im Sockelbereich wurden hier zunächst die alten Steine des Giebels verwendet und erst darüber wurden mit neuen Backsteinen weitergebaut. „Damals wurde auch der neue Eingang an der Ostseite unter dem Kirchturm gebaut und die vierte Fensterachse entstand“, sagt Wiebke Look.

Über der ursprünglichen Tür an der Südseite prangt ein Wappen aus Stein. „Das ist das Wappen von Graf Anton Günther“, sagt die Kirchenführerin. „Er hat den Bau der Kirche aus christlichen Beweggründen initiiert und einen Großteil der Kosten selbst übernommen.“ Osternburg war zu der Zeit eher arm.

An der Nordseite fällt ein Anbau auf. Über einen überdachten Treppeneingang geht es zur Empore hinauf. Werfen die Besucher einen Blick nach oben zum Turm, kommt man auf die dritte wichtige Zahl der Kirche: „1927 wurden bei einer Restauration ein neues Kupferdach sowie ein verziertes Doppelkreuz und die Wetterfahne mit dieser Jahreszahl hinzugefügt“, sagt Wiebke Look und deutet auf die zweite Aufgabe, den Grundriss. Das Gotteshaus ist schlicht – und einschiffig.

Die 43-Jährige lenkt den Blick erneut nach oben. „Mit dem Bau der Kirche wurde auch die erste Glocke gegossen, die jedoch durch die Fahrlässigkeit des Küsters beschädigt wurde.“ 1650 wurde dann die heute noch bestehende Glocke gegossen. „Sie gibt in ihrer Inschrift erstmals den Kirchennamen der Dreifaltigkeit preis. Dieser ist jenseits der Heiligenbezeichnung typisch evangelisch“, sagt Wiebke Look.

Fast 300 Jahre gab es nur diese einzige Glocke, bis 1935 eine zweite angeschafft wurde. Doch diese Glocke wurde während des Zweiten Weltkriegs für die Waffenproduktion eingeschmolzen. Ersatz dafür bildet seit 1951 eine kleinere Glocke vom Hamburger Glockenfriedhof, die 1474 gegossen wurde und somit Oldenburgs älteste Glocke ist.

Die Kirchenführerin weist auf eine kleine orangefarbene Karte hin, die ebenfalls in dem Briefumschlag steckt. Wie ist der Eindruck von außen? „In einem Wort“, betont sie. Heimat. Schlicht.

Wiebke Look öffnet die schwere Eingangstür und bleibt im Vorraum stehen. Die Tür fällt zu und plötzlich ist es ruhig. „Hier kann man die Straße und den Alltag hinter sich lassen“, sagt sie und zündet Teelichter an. Erst dann öffnet sie die Tür, die ins Kirchenschiff führt. Türkisgrüne Bänke, viel Holz und warme Erdtöne verleihen der Kirche gleich eine gemütliche Atmosphäre. Die Kerzen werden auf dem Altar abgestellt.

Auf einer weiteren kleinen Karte wird nach dem Eindruck des Kircheninneren gefragt. Ruhe. Geborgenheit. „Die Proportionen stimmen“, sagt Pfarrer Michael Winkel von der Evangelischen Erwachsenenbildung Oldenburg, die gemeinsam mit der Katholischen Erwachsenenbildung Oldenburg die Ausbildung der Kirchenführer organisiert, zu der Kirche im frühbarocken Stil. Er sitzt in der dritten Reihe. 290 Besucher haben insgesamt Platz. „Hier ist es hell, ich sehe besser und bin mittendrin.“

Nun gibt Wiebke Look laminierte Fotos mit Ausschnitten der Kirche aus. Passend dazu gibt es eine weitere Karte aus dem Briefumschlag: Wozu gehört der Fotoausschnitt? Wann beziehungsweise woraus ist der Gegenstand hergestellt? Was gefällt besonders gut daran – oder überhaupt nicht? Die Kirche soll weiter erkundet werden – nun auch von innen.

Decke voller Symbolik

Wiebke Look weist auf die hölzernen Balustraden links und rechts vom Altar hin, die Bilder von Martin Luther und Philipp Melanchthon aufweist. „Die Gemälde waren mit brauner Farbe übermalt und wurden erst 1935 entdeckt.“ Auch die Balkendecke ist voller Symbolik. Tugenden wie der Glaube – dargestellt durch Kelch und Kreuz – und die Liebe werden gezeigt. „Es ist eine Himmelsleiter.“ Der Glaube ist der Dreh- und Angelpunkt. Christus wird als guter Hirte gezeigt. Maria als Himmelskönigin ist noch vom katholischen Glauben vererbt worden.

Ein weiteres Deckenbild zeigt die Taufe von Christus mit Wasser und Taube – direkt darunter befindet sich das Taufbecken. Eine leicht abgewandelte Lutherrose ist auf den Balken direkt über der Stelle aufgemalt, an der der Pfarrer steht und von Gott erzählt. Und über dem Altar, an dem das Abendmahl ausgegeben wird, ist ein Bild zu sehen, dass das Mannawunder zeigt. „Das alles wurde von dem Künstler Johann Kirchring der Jüngere gefertigt – er war Schreibmeister beim Grafen.“

Das nächste Kapitel der Kirchenentdeckung ist die Empore mit ihren 24 Bogennischen. Auch hier war Johann Kirchring der Jüngere zu Werke, malte zahlreiche Bibelverse in goldener, verschnörkelter Schrift auf schwarze Tafeln. Die Sprüche stehen unter dem biblischen Leitgedanken: „Aus der Sünde führt der Weg durch den Glauben zum christlichen Tun.“ Der ehemalige Oldenburger Bischof Wilhelm Stählin habe die Bibelsprüche ausgelegt und ein Buch „Der Weg der Wahrheit“ darüber veröffentlicht.

Wiebke Look hat die Sprüche abgeschrieben, jeder darf sich einen suchen, der ihn anspricht, und dann sehen, wie er an der Empore gestaltet wurde und, um sich die Bedeutung bewusst zu machen. Anschließend darf jeder den Spruch selbst aufmalen, um sich der Arbeit des Schreibmeisters bewusst zu werden. Und: „So hat man etwas, das einen mit nach Hause begleitet“, sagt die Kirchenführerin.

„Die Kirche ist mit Sprüchen ausgefüllt, um sich auf den Glauben einlassen zu können“, sagt Wiebke Look. Und: „Die Sprüche sind nicht in lateinischer Schrift, sondern in besonders verzierter Frakturschrift angebracht – so waren sie für jeden verständlich. Das ist sehr evangelisch.“

Mit dem Teelicht in der Hand verlässt die Kirchenführerin das Gotteshaus schließlich wieder und geht durch die schweren Holztüren zurück nach draußen. Dort gewinnt der zuvor gedämpfte Straßenlärm wieder die Oberhand.

Ellen Kranz Redakteurin / Regionalredaktion
Rufen Sie mich an:
0441 9988 2051
Meine Themen: Verpassen Sie keine für Sie wichtige Meldung mehr!

So erstellen Sie sich Ihre persönliche Nachrichtenseite:

  1. Registrieren Sie sich auf NWZonline bzw. melden Sie sich an, wenn Sie schon einen Zugang haben.
  2. Unter jedem Artikel finden Sie ausgewählte Themen, denen Sie folgen können.
  3. Per Klick aktivieren Sie ein Thema, die Auswahl färbt sich blau. Sie können es jederzeit auch wieder per Klick deaktivieren.
  4. Nun finden Sie auf Ihrer persönlichen Übersichtsseite alle passenden Artikel zu Ihrer Auswahl.

Ihre Meinung über 

Hinweis: Unsere Kommentarfunktion nutzt das Plug-In „DISQUS“ vom Betreiber DISQUS Inc., 717 Market St., San Francisco, CA 94103, USA, die für die Verarbeitung der Kommentare verantwortlich sind. Wir greifen nur bei Nutzerbeschwerden über Verstöße der Netiquette in den Dialog ein, können aber keine personenbezogenen Informationen des Nutzers einsehen oder verarbeiten.