Oldenburg - Stefan Thate, Leiter des Rettungsdienstes bei der Stadt Oldenburg, bemüht gerne einen Vergleich: Wohin soll das bestausgestattete Rettungsfahrzeug geschickt werden: Zu dem Kind, das etwas verschluckt hat und zu ersticken droht oder zu dem Patienten, den seit drei Tagen Rückenschmerzen quälen? Ist das gut ausgestattete Fahrzeug mit der bestens ausgebildeten Besatzung nämlich unterwegs, kann es im Notfall an anderer Stelle fehlen.
Besatzung: Rettungssanitäter (Transportführer) und Rettungshelfer (Fahrer)
Anzahl: 15 Fahrzeuge tagsüber, 1 Fahrzeug nachts.
Einsatzzweck: Anforderung nach ärztlicher Verordnung, Erkrankungen oder Verletzungen, die der Behandlung in einer Einrichtung bedürfen, kleinere Verletzungen, lokale Beschwerden, Verlegungsfahrten
Dabei war die Aufteilung eigentlich recht eindeutig, zumindest in der Theorie: Ein Rettungswagen (RTW) übernimmt die Notfallrettung, Krankentransportwagen (KTW, im Volksmund auch Krankenwagen) sind für Verlegungsfahrten vorgesehen. „Das war aber gar keine so gute Idee“, sagt Thate. „Alles, was dazwischen liegt, blockiert die Notfallrettung.“ Denn: Im Zweifel wird immer das höhere Rettungsmittel geschickt – auch zu Bagatellen. „Es kann aber nicht sein, dass ein RTW durch die Gegend fährt und gleichzeitig ein Mensch auf qualifizierte Hilfe wartet.“
Notfallkrankenwagen
Besatzung: Rettungssanitäter (Fahrer) und Rettungssanitäter mit Zusatzqualifikation (Transportführer)
Anzahl: 3 Fahrzeuge tagsüber, 1 Fahrzeug nachts.
Einsatzzweck: Erkrankungen oder Verletzungen ohne zu erwartende Verschlechterungen oder Lebensbedrohung
Diese Lücke wurde deshalb gefüllt: Der Notfallkrankenwagen wurde wiederentdeckt, besetzt mit einer höher qualifizierten Besatzung und besser ausgestattet als ein Krankentransportwagen, aber nicht so gut wie die „rollende Intensivstation“ RTW.
Und weil Oldenburg keine Insel ist und auch im Rettungsdienst eng mit den umliegenden Landkreisen zusammenarbeitet, wurde in den vergangenen Jahren an einer Harmonisierung aller Rettungsmittel, wie die Fahrzeuge im Fachjargon heißen, gearbeitet. Dabei ist die Lage und die Situation für Oldenburg Fluch und Segen zugleich: „Wir haben erheblich weniger Schwierigkeiten, Fachpersonal zu bekommen als mancher Leistungserbringer im Umland“, sagt Thate. Benötigt werden Menschen mit hoher Entscheidungskompetenz, Frauen und Männer, die rund um die im Einsatz sind, die Risiken eingehen, die Tod und Sterben erleben und körperliche Belastungen aushalten. Kurz gesagt: Menschen, die andere Institutionen auch haben wollen, etwa in der Pflege oder bei der Polizei. Aber das schafft gleichzeitig auch ein Problem: Der städtische Rettungsdienst muss aufpassen, den umliegenden Institutionen eben dieses Fachpersonal nicht
wegzunehmen.
Gemeinde-Notfallsanitäter
Besatzung: Rettungssanitäter (Fahrer) und Rettungssanitäter mit Zusatzqualifikation (Transportführer)
Anzahl: 3 Fahrzeuge tagsüber, 1 Fahrzeug nachts.
Einsatzzweck: Erkrankungen oder Verletzungen ohne zu erwartende Verschlechterungen oder Lebensbedrohung
Und noch ein recht junges Fahrzeug ist auf Oldenburger Straßen unterwegs. Von außen auf den ersten Blick kaum von einem Notarzteinsatzfahrzeug zu unterscheiden, zeigt nur die Beschriftung an der Tür deutlich, worum es sich handelt: den Gemeinde-Notfallsanitäter. Diese „niederschwellige Angebot“ soll ebenfalls eine Lücke schließen. Häufig seien es Einsätze bei älteren Menschen, für die der Rettungsdienst nicht der richtige sei, der ärztliche Notdienst aber ebenfalls nicht, erläutert Thate. Und da kommt der Gemeinde-Notfallsanitäter ins Spiel. Der Notfallsanitäter mit Zusatzausbildung kann auch einen Urinkatheter legen oder kann bei der Medikamentennahme helfen. „So können wir einen Großteil derartiger Notfälle abdecken“, erklärt Thate.
Notrufabfrage
Eine weitere Ebene, an der der Rettungsdienst als Zukunftsprojekt arbeitet, ist die fachlich medizinische telefonische Beratung. „Jeder Einsatz, der durch eine gute Telefon- oder Video-Beratung gelöst werden kann, ist ein Gewinn.“ Kurzfristiges Ziel ist eine standardisierte und strukturierte Notrufabfrage für die Großleitstelle Oldenburger Land (GOL), an der neben der Stadt Oldenburg die Landkreise Ammerland, Cloppenburg, Oldenburg und Wesermarsch sowie die Stadt Delmenhorst beteiligt sind. Thate: „Ein System mit nur zwei Antworten kann nicht die Lösung sein.“ Am Ende müsse nicht die Antwort auf Frage „Ist es ein Notfall“ stehen, sondern auf die Frage „Was für ein Notfall ist es genau?“
Besatzung: Rettungssanitäter (Fahrer) und Notfallsanitäter (Transportführer)
Anzahl: 7 Fahrzeuge tagsüber, 5 Fahrzeuge nachts.
Einsatzzweck: zeitkritische Notfallrettung ohne feststellbare Lebensbedrohung, etwa bei isolierten Verletzungen der Extremitäten, akut auftretenden Schmerzen im Baubereich, Herzrhythmusstörungen
Der Leiter des Rettungsdienstes weiß, wie heikel das Thema ist. Die Selbsthilfefähigkeit der Bevölkerung hat stetig abgenommen. Zugleich aber wachsen die Ansprüche, immer mit dem optimalen Rettungsmittel bedient zu werden – auch wenn es objektiv nicht das passende ist. Am gestuften Versorgungssystem führe daher kein Weg vorbei, ist Thate sich auch angesichts des Fachkräftemangels und der Kosten sicher. Damit könne jedem Patienten letztlich die am besten geeignete Hilfe zuteil werden. Und dafür müsse man den „Weg der Akzeptanz“ gehen.
Besatzung: Notfallsanitäter (Fahrer) und Notarzt
Anzahl: 2 Fahrzeuge rund um die Uhr
Einsatzzweck: zeitkritische Notfallrettung mit oder ohne Lebensbedrohung, etwa bei Herzinfarkt, Reanimation, Polytrauma. Einsatz in der Regel in Kombination mit einem Rettungswagen.
Und dass man damit nicht so falsch liege, zeigten auch die Zahlen: Es gebe bei der Zuordnung der Rettungsmittel im Nachgang kaum Rückfragen zu Einsätzen von Bürgern, die den Notruf gewählt haben: Auf rund 40 000 Einsätzen im Jahr seien es nur vier bis fünf, denen man sehr akribisch nachgeht.
Träger des Rettungsdienstes ist die Stadt Oldenburg. Diese Aufgabe wir durch die Berufsfeuerwehr wahrgenommen. Unterstützt wird der städtische Rettungsdienst und Krankentransport durch das Deutsche Rote Kreuz, das Klinikum Oldenburg, den Malteser Hilfsdienst und die Johanniter-Unfall-Hilfe.
