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NWZonline.de Region Stadt Oldenburg

Verdachtsmomente auf der Rauchertreppe

23.02.2019

Oldenburg Es gibt da diese Geschichte von der Rauchertreppe, die geht so: Der Krankenpfleger Högel saß rauchend auf der Treppe, aus seiner Kitteltasche ragte eine Spritze, er hatte Kochsalz aufgezogen zum Reinigen eines Venenkatheters. Über ihm auf der Treppe saß der Oberarzt Dr. N., ebenfalls rauchend. Plötzlich griff N. nach unten, zog Högel die Spritze aus dem Kittel, träufelte sich das Kochsalz auf die Brille und putzte sie damit.

Im Prozess gegen Niels Högel, angeklagt wegen hundertfachen Mordes, kehrt diese Geschichte seit Wochen immer wieder. Zuerst hat sie der Angeklagte selbst erzählt am dritten Prozesstag. Er sagte auch, warum der Arzt sich so verhalten habe auf der Rauchertreppe: Wenn nicht Kochsalz in der Spritze gewesen wäre, sondern Kaliumchlorid, hätte N. nach dem Putzen eine verschmierte Brille gehabt. Damals, 2001, gab es im Klinikum Oldenburg Diskussionen wegen ungewöhnlich hoher Kaliumwerte bei Patienten. Heute, 2019, wissen wir, dass Kaliumchlorid eines der Mittel war, mit denen Högel Patienten tötete.

Lesen Sie hier alle Artikel zum Fall Högel

Im Mordprozess gegen Högel haben anschließend mehrere Zeugen die Rauchertreppen-Geschichte bestätigt, meistens hatten sie davon allerdings von Dritten gehört. Manchmal variierte der Schluss der Erzählung: Mal wurde die Brille sauber, mal war sie verschmiert.

Aber stimmt die Geschichte überhaupt?

Es ist Tag 13 im Prozess gegen Niels Högel, und jetzt sitzt endlich besagter Arzt am Zeugentisch: Ehsan N., 53 Jahre alt, er arbeitet mittlerweile in den Niederlanden. Der Richter fragt ihn, wie das denn nun gewesen sei mit der Rauchertreppe.

Die Vernehmung gestaltet sich zäh. „Ich kann mich nicht zu 100 Prozent erinnern an diesen Vorfall“, sagt der Arzt. „Es ist selbstverständlich, dass man als Brillenträger seine Brille auch putzt. Es ist nicht gesagt, dass ich ihn erwischen wollte als Täter.“

Also gab es die Szene?

N. sagt: „Ich kann nicht ausschließen, dass es so war. Ich erinnere mich nicht.“

Könnte die Brille denn verschmiert gewesen sein?

„Wenn es so gewesen wäre, dann hätte ich die Spritze nicht zurückgegeben.“

Interessant ist die Geschichte mit der Rauchertreppe natürlich deshalb, weil sie belegen würde, dass es im Klinikum Oldenburg bereits frühzeitig einen Verdacht gegen den Pfleger Högel gab. Es braucht eine Weile und eine aufgebrachte Oberstaatsanwältin Daniela Schiereck-Bohlmann, bis Dr. N. das auch bestätigt: Damals habe es „zu viele Reanimationen, zu viele unerklärliche Komplikationen“ gegeben auf Station 211, und ja, man habe „im Ärztekreis über Niels Högel gesprochen“, man habe ein Auge auf ihn gehabt.

Und dann?

Dann, sagt N., habe der Chefarzt die Sache übernommen. „Deswegen hat man in Deutschland Hierarchie“, sagt er. Der Chef habe den Fall zur Chefsache gemacht, „und das ist normal in Deutschland“, und irgendwann war Niels Högel weg aus der Abteilung. Thema erledigt.

Auch Dr. N. muss die rechte Hand heben und schwören, dass er die reine Wahrheit gesagt hat und nichts verschwiegen. „Ich schwöre“, sagt er.

Das Stichwort „Chefsache“ könnte die These stützen, dass der Fall Högel im Klinikum abschließend von einem kleinen Kreis von Führungskräften bearbeitet worden ist. Sie hätten demnach vertraulich die berühmte Strichliste erstellt, die beweist, dass der Pfleger sehr viel häufiger als jeder anderer Pfleger an Notfallsituationen beteiligt war. Sie hätten seine Versetzung von der 211 in die Anästhesie betrieben, später die sofortige Freistellung bei Weiterzahlung aller Bezüge, schließlich die endgültige Trennung mit einem guten Zeugnis. Högel ging danach bekanntlich nach Delmenhorst und tötete im dortigen Klinikum nach derzeitigem Ermittlungsstand mindestens 70 Menschen.

Högel-Opfer finden sich aber nicht allein unter Patienten, sondern auch unter ehemaligen Arbeitskollegen. Was die Mordserie mit ihm gemacht hat, schilderte am Freitag eindrucksvoll der Zeuge Stephan K., 48 Jahre alt. K. arbeitete mit Högel zunächst in Oldenburg, dann in Delmenhorst und war auch privat mit ihm befreundet. „Das begleitet mich bis heute“, sagte K. Er habe sich professionelle Hilfe holen müssen, um die Erfahrung psychisch zu verarbeiten. Auch körperlich habe er sich in Behandlung begeben müssen. Seinen Beruf als Krankenpfleger könne er nicht mehr ausüben. „Ich möchte mich dieser Situation nie wieder aussetzen“, sagte er, „diese Vertrauensbasis erlange ich nie wieder.“

Thema erledigt? Noch lange nicht. Vermutlich nie.

Karsten Krogmann Redakteur / Reportage-Redaktion
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