Nordwesten - Fast drei Jahre hat Christian V. die Oldenburgerin Sofie S. gestalkt: Der inzwischen 53-Jährige hat der damals 19-Jährigen zwischen 2019 und 2022 zu jeder Tages- und Nachtzeit nachgestellt – privat und beruflich, hat ihr Auto manipuliert, die Reifen zerstochen, sie über soziale Plattformen kontaktiert, er hat ihr nach einer wilden Verfolgungsjagd in den Arm gebissen und ins Gesicht geschlagen, sie ungefragt fotografiert, sich ihr genähert, obwohl es mehrere einstweilige Verfügungen gab, die eine Annäherung untersagten.
Am Ende hat das Landgericht Oldenburg Anklage erhoben, im August die Strafe von einem Jahr und neun Monaten zur Bewährung ausgesetzt und dem Angeklagten eine positive Legal- und Sozialprognose bescheinigt, da er derzeit in stabilen Verhältnissen lebe – so zumindest heißt es in der Urteilsverkündung.
Wie geht es dem Opfer heute ?
Sofie S. wird noch immer nachts heimgesucht – nicht physisch, aber psychisch: Albträume von ihrem Peiniger quälen die 24-Jährige, im Dunkeln bekommt sie Panikattacken, vor allem immer dann, wenn sie irgendwo das Fahrzeugmodell des Täters entdeckt. Von ihrem unbeschwerten Leben ist nicht viel übrig geblieben.
Den Wohnort und Arbeitgeber hat die Kfz-Mechanikerin längst gewechselt, beim Einwohnermeldeamt hat sie eine Auskunftssperre veranlasst, damit der Täter sie nicht wieder findet. „Ich hätte mir gewünscht, dass ich als Opfer ernster genommen und mir mehr Verständnis entgegengebracht worden wäre. Andere Betroffene, die nicht diese Kraft und den Mut haben, Jahre lang diese Schritte zu gehen, haben demnach überhaupt keine Aussicht auf Hilfe“, stellt Sofie S. rückblickend fest.
Was weiß man über den Täter ?
Mut, Kraft und sehr viel Energie hat die junge Frau in den vergangenen Jahren immer wieder an den Tag gelegt: Sie hat die Polizei ins Boot geholt, mehrfach Strafanzeige gestellt und das Verhalten ihres Täters akribisch dokumentiert, damit die Staatsanwaltschaft eines Tages ausreichend Beweismittel besitzt, um Christian V. anzuklagen. „Mir war es wichtig, dass alles korrekt verläuft und mir juristisch kein Fehlverhalten vorgeworfen werden kann“, sagt sie. Aus der Anklageschrift erfuhr Sofie S. zudem, dass ihr Peiniger in den vergangenen Jahren schon mehrfach strafrechtlich belangt worden ist. Zuletzt verurteilte ihn das Landgericht Osnabrück 2005 wegen versuchten gefährlichen Eingriffs in den Straßenverkehr in drei Fallen sowie wegen Nötigung, Bedrohung und wegen vorsätzlichen Fahrens ohne Fahrerlaubnis zu einer Gesamtfreiheitsstrafe von zwei Jahren und sechs Monaten. Auch damals belästigte er eine junge Frau bei der Arbeit, lauerte ihr immer wieder auf und löste die Radmuttern vom Fahrzeug der Betroffenen.
Im Zuge der damaligen Verurteilung wurde angeordnet, dass der Angeklagte in einem psychiatrischen Krankenhaus untergebracht werden muss. In den folgenden Jahren arbeitete Christian V. mit psychologischer Unterstützung aus der Karl-Jaspers-Klinik schrittweise daran, wieder in die Gesellschaft zurückzukehren und auf dem ersten Arbeitsmarkt Fuß zu fassen: Das war jener Moment im Jahr 2019, in dem sich Sofie S. als Kfz-Auszubildende und Christian V. als Hilfsarbeiter erstmals in der Werkstatt begegneten und die Stalking-Geschichte ihren Lauf und Sofies Alltag nimmt.
Was sagt Sofie S. zu dem Urteil ?
„Ich bin von dem Urteil mehr als enttäuscht“, stellt die 24-Jährige rückblickend fest. Denn im Nachgang habe sich ihr Leben komplett verändert – dem Täter hingegen werden weiterhin Brücken gebaut, um in der Gesellschaft Fuß zu fassen: „Ich habe entsetzliche Angst, dass ich ihm eines Tages zufällig über den Weg laufe und dann alles wieder von vorn beginnt.“
