OLDENBURG - 1200 Hektar des Oldenburger Stadtgebiets standen unter Wasser, als in der Nacht vom 16. auf den 17. Februar 1962 die große Flut kam. Bornhorst und Eversten ähnelten einer Seenplatte, und im Bereich von Hafen und Stau ging gar nichts mehr. „Dabei waren Gefahr und Angst an der Weser viel größer“, merkte Almut Kühn an, die damals die Katastrophe hautnah miterlebte und nun in Hessen lebt. Dennoch: Die Lage war auch für die Bevölkerung in Oldenburg alles andere als witzig.
Ruth Hoting, heute Leiterin der städtischen Zeitzeugenbörse, war 1962 im Kaufhaus Merkur (aus dem später Horten und schließlich Galeria Kaufhof wurde) angestellt. Das Gebäude an der Ecke Markt und Mühlenstraße stand urplötzlich unter Wasser, als die Flut auch die Mühlenhunte (floss damals noch an dieser Stelle) erreicht hatte und durch Türen und sogar Außenwände ins Innere drückte. „Wir ahnten ja nicht, wie es sonst in Oldenburg aussah, wir fanden die Sache äußerst aufregend und spaßig.“ Auf jeden Fall drohte das Wasser unter anderem die Bestände im Lebensmittellager zu vernichten, mit vereinten Kräften schleppten die Mitarbeiter die Waren nach draußen.
Besonders schlimm war die Sturmflut für einen Merkur-Lehrling. „Ute“, erzählt Ruth Hoting, „war ein Flüchtling aus dem Osten und hatte Unterschlupf bei einer Familie gefunden, die am Stau wohnte – ausgerechnet. Unser Chef Herr Fuchs bat uns, nach dem Rechten zu sehen, und mit unserem Auto machten wir uns auf den Weg.“ Die kleine BMW Isetta ihres Mannes konnte kaum die Wassermassen durchqueren, „wie ich zum Stau kam, weiß ich nicht“, so Ruth Hoting. Und die Lage vorm Haus des Lehrlings war nicht besser: „Überall schwammen Textilien herum, Schulbücher und andere Habseligkeiten. Ute hatte zum zweiten Mal alles verloren, aber sie lebte“, erinnert sich die 76-Jährige. Das Lehrlingsmädchen habe von „Merkur“ Unterstützung erhalten.
Aufregende Stunden im kalten Nass verlebte auch die Familie Rose in ihrem Haus an der Ecke Stau/Rosenstraße. Am 17. Februar 1962 wurden die Bewohner um 8 Uhr morgens geweckt mit der Warnung, eine Sturmflut sei im Anrollen. Sofort wurden Sandsäcke vor Türen und Fenster gestellt – in nicht ausreichender Zahl, wie man feststellte. Also wurde die elektrische Nähmaschine angeworfen, um zusätzliche Sandsäcke anzufertigen. Der Strom fiel aus, und die Roses nähten mit der Hand weiter, auch zum Schutz der benachbarten Gebäude des Blindenvereins und des Autohauses Büchner. „Es waren dramatische Stunden“, erzählen die Bewohner. „Und während des ganzen Wirrwarrs wurden auch noch Kunden bedient.“ Verkaufsschlager an diesem Tag: Gummistiefel. Am Ende des Tages hätten alle von dem unermüdlichen Einsatz der Familie Rose profitiert, weiß Zeitzeugin Ruth Hoting: Die durch Sandsäcke gesicherten Räume blieben trocken.
Ebenfalls am Stau erlebte Inka Spille, geborene Brandes, die Sturmflut. Ihre Eltern betrieben das „Hotel am Schlachthof“ und konnten jede Hilfe gebrauchen. Nachbarn und Mitarbeiter vom nahen Schlachthof schleppten Eimer voll Wasser aus den Kellern, trieben die Schweine in trockene Bereiche – manchmal aber war auch ihr Einsatz vergebens. „Das kleine Häuschen unserer Nachbarn Tante Else und Onkel Adolf lag niedriger als die Fahrbahn, es soff vollkommen ab“, erinnert sich Inka Spille. „Am Stau war nicht mehr zu sehen, wo die Fahrbahn endete und die Hunte begann.“ Mehr: Hintergrund, Seite 6
