Oldenburg - Vor dem Polizeipräsidium am Theodor-Tantzen-Platz ist es um 11.15 Uhr noch ruhig. Doch während viele Landwirte auf dem Schlossplatz demonstrieren, beziehen Felix Müller, Arno Oeltjen und Michael Hinrichs mit weiteren Landwirten Stellung. Sie stehen mit dem zurzeit nötigen Abstand im Kreis, unterhalten sich, machen ein paar Scherze, halten Ausschau nach den Kollegen, die jeden Moment mit Treckern angefahren kommen.
Gegen 11:30 Uhr ist es soweit: Acht Trecker kommen angefahren, einer hat ein Pfluggerät angekoppelt. Oeltjen lotst ihn zu einer Wiese rechts vom Gebäude. Über das Gras und zwischen den Bäumen hindurch fährt er an der Schranke vorbei, die verhindern soll, dass unbefugte Fahrzeuge auf das Gelände fahren. Die anderen sieben Trecker positionieren sich links und rechts der Zufahrt und sperren somit die Hindenburgstraße.
Pflug angesetzt und Saatgut verstreut
Müller und Hinrichs und weitere Kollegen laufen mit einem Eimer voll Saatgut hinterher. Der Kollege mit dem Trecker setzt den Pflug an und pflügt ein etwa sechs mal sechs Meter großes Feld um. Alle anderen fangen an, das Saatgut zu verstreuen. Kurz darauf fahren die Trecker wieder weg, die Kollegen streuen weiter Saatgut aus.
Die Aktion bleibt nicht unbemerkt: Fünf Polizisten kommen aus dem Gebäude und laufen auf die Landwirte zu. Sie setzen ihre Arbeit unbeirrt fort, einer der Polizisten fragt nach einem Ansprechpartner, die Beamten nehmen Personalien auf. Die Situation bleibt ruhig, die Polizisten lassen die Landwirte ihre Arbeit zu Ende führen, weisen dabei auf den Abstand hin, den alle zueinander halten sollen. Um 11.50 befindet sich eine abgesperrte Blühwiese neben einer vom Nabu angelegten Sandwiese, die ebenfalls vielen Insekten ein Zuhause bieten soll.
Sinn der Aktion: Die Landwirte wollen auf sich aufmerksam machen und zeigen, dass Naturschutz nur mit ihnen funktioniert: „Uns stört die Pauschalkritik an der Landwirtschaft, wir sollen allein am Verlust der Biodiversität schuld sein“, sagt Felix Müller, der in Rastede einen Schweine- und Bullenmastbetrieb betreibt. Nicht berücksichtigt würde beispielsweise, dass die Versiegelung von Flächen zunehme. Er merkt jedoch auch selbstkritisch an: „Sicherlich tragen wir unseren Teil dazu bei, wir sind jedoch nicht allein Schuld.“
Zustimmung aus Hannover
Dieser Aussage stimmt auch Niedersachsen Umweltminister Olaf Lies zu: „Dabei liegt die Verantwortung für Probleme bei Artenschutz und Biodiversität keineswegs allein bei den Bauern. Die Bandbreite ist viel größer: Industrie, Verkehr und überbaute Flächen steuern ebenso viel bei – neben der Landwirtschaft“, sagte er am Donnerstag vor wütenden Landwirten in Hannover. Er fordert das Bundesumweltministerium und das Bundeslandwirtschaftsministerium dazu auf, miteinander zu sprechen, wie dies in Niedersachsen bereits passiert.
Die Landwirte fordern ebenfalls, in den Dialog mit einbezogen zu werden. Dies ist auch der Tenor auf dem Oldenburger Schlossplatz, wo sich laut Polizeiangaben rund 430 Landwirte zu einer Demonstration zusammengefunden haben. Die 318 Trecker haben sie auf dem Schlossplatz und rund um den Stau geparkt, die Polizei leitete den Verkehr um. Der Hubschrauber half der Polizei dabei, den Überblick zu behalten.
45 Landwirte aus Friesland tuckerten am Donnerstagmorgen nach Oldenburg – hier die Abordnungen aus dem Jeverland.
Chihuahua Schombel
Los geht’s: Mit einem Hupkonzert startete der Trecker-Konvoi in Jever.
Chihuahua Schombel
Bei der Treckerdemo sind die Friesen auf dem Schlossplatz Oldenburg nicht zu übersehen.
Tobias Frick
Auf dem Schlossplatz verteilen Kurt und Anneke Metzner aus Bockhorn im Landkreis Friesland gegen 12.15 Uhr Flugblätter an Passanten. Den 35-Jährigen Landwirt, der einen Milchviehbetrieb mit Deichschäferei unterhält, treibt wie seine Kollegen vor allem der Bericht von Bundesumweltministerin Svenja Schulze um, in dem der Landwirtschaft die alleinige Schuld am Verlust der Artenvielfalt zugeschrieben wird: „Die Aussage, dass die Artenvielfalt in den Städten besser ist, ist eine absolute Provokation. Der Nabu fährt eine Kampagne nach der anderen. Wenn es so weitergeht, müssen wir andere Maßnahmen ergreifen und es ist nicht gesagt, dass wir immer friedlich bleiben“, sagte er im Gespräch mit der NWZ.
Diskussionen beim Nabu
Harte Worte, denen einige Landwirte bereits kurze Zeit später Taten folgen ließen: Gegen 13 Uhr drangen einige Landwirte in die Zentrale des Nabu ein, brüllten dort laut herum, wie Nabu-Funktionär Rüdiger Wohlers, der zu dem Zeitpunkt mit Oliver Kraatz in der Geschäftsstelle telefoniert hat, berichtet. Zweimal habe Kraatz die Polizei zu Hilfe gerufen, da er sich bedroht gefühlt habe. Gegen 14 Uhr hätten einige Landwirte versucht, die Tür zu manipulieren.
Die Polizei schreibt in ihrem Bericht, dass es zwischen zwei Mitarbeitern des Nabu und zwei Landwirten zu Diskussionen kam. Die Landwirte hätten vor den Geschäftsstellen des Nabu, der Partei Bündnis 90/Die Grünen sowie der SPD Säcke mit Saatgut sowie Holzkreuze aufgestellt. Insgesamt beschreibt die Polizeiinspektion Oldenburg-Stadt/Ammerland den Verlauf der spontanen und unangemeldeten Versammlung als friedlich. Die Aufforderung, einen Mundschutz zu tragen, hätten die Teilnehmer größtenteils befolgt.
