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1945 auf der Flucht vor anrückenden Russen Ukraine-Krieg wühlt schlimme Erinnerungen auf

Bei Gisela Jahn (87) ruft der Ukraine-Krieg schlimmer Erinnerungen wach.

Bei Gisela Jahn (87) ruft der Ukraine-Krieg schlimmer Erinnerungen wach.

Thomas Husmann

Oldenburg - Dass sie nochmals erleben muss, dass in Europa Bomben geworfen und Städte in Schutt und Asche gelegt werden, hätte Gisela Jahn nie für möglich gehalten. Das Schicksal der Menschen in der Ukraine erschüttert sie. Die Mütter, die mit ihren Kindern nach Deutschland flüchten, um zu überleben, erinnert sie sehr an die schlimmen Erlebnisse in ihrer eigenen Kindheit.

In Brand geschossen

Acht Jahre war sie alt, als sie als ältestes von vier Geschwistern mit Mutter und Großmutter am 21. Januar 1945 mittags in Elbing das Nötigste zusammensuchte und sich zunächst noch begleitet vom Vater auf den Weg Richtung Westen machte. Auf der Flucht vor den anrückenden Russen, die noch in der Nacht in den Ort einrückten und mit ihren Panzern die Häuser in Brand schossen, wurde der Familie später berichtet.

Die Flucht der Familie ging weiter auf einem Schiff über den gleichnamigen Fluss Elbing nach Gotenhafen (heute Gdynia). Die Menschen wurden dort im Kino und in einem Theater untergebracht, dann auf Wohnungen verteilt und fanden sich schließlich bei bitterer Kälte im Hafen in einer langen Warteschlange vor der „Wilhelm Gustloff“ wieder. Das Schiff wurde am 30. Januar – mit mehr als 10000 Flüchtlingen völlig überfüllt – von den Russen in der Ostsee versenkt. Die hatten es für ein Kriegsschiff, einen Truppentransporter gehalten. Mehr als 9000 Menschen fanden den Tod.

Aufs Schnellboot

Gisela Jahn, die damals noch Neumann hieß, und ihrer Familie blieb dieses Schicksal erspart. Großmutter, Mutter und die Kinder waren in der Warteschlange vor der „Wilhelm Gustloff“ angesprochen worden: „Junge Frau, merken Sie denn gar nicht, dass Ihnen Ihr Kind auf dem Arm erfriert? Doris wurde in den Schnee gelegt und mit Schnee abgerieben, dann ging es im Eilschritt in eine Wachstube. Dort war es warm und es gab Kaffee und ein Marmeladenbrot. Aber den Platz in der Reihe, um auf die ,Gustloff’ zu kommen, waren wir los. Mutti weinte, Oma weinte, und wir Kinder weinten gleich alle mit. Einem Soldaten oder Offizier taten wir wohl leid, denn er versprach, uns auf ein Schnellboot zu bringen, das noch heute Gotenhafen verlassen sollte.“ Vater Eberhard war zwischenzeitlich zum Volkssturm abkommandiert worden und kehrte erst im Jahr 1946 zu seinen Lieben zurück.

Erstes Ziel Rügen

Ziel des Schnellboots war Saßnitz auf Rügen, wo die Flüchtlinge zunächst auf einem Kriegsschiff und schließlich in der Villa Martha eine vorübergehende Bleibe fanden. Der Ort wurde ständig bombardiert, im März erreichte die russische Front die Insel. Die Flucht ging weiter. Die Familie lief zum Bahnhof und wurde in einen Viehwaggon gesetzt, der sie weiter Richtung Westen brachte. Am nach schweren Bombenangriffen brennenden Bremen vorbei erreichte der Zug schließlich einen kleinen Bahnhof, vermutlich Wüsting, von wo aus es nach Oberlethe bei Wardenburg ging.

Mutter und die drei jüngsten Kinder kamen bei Bauer Stamer unter, die Großmutter mit der acht Jahre alten Gisela bei Bauer Kirchhoff. Die beiden Frauen hielten die Familie mit Strick- und Näharbeiten über Wasser. Gisela sang zunächst den deutschen und wenige Wochen später den kanadischen Soldaten das weltberühmte Lale-Andersen-Lied „Vor der Kaserne, vor dem großen Tor ...“ über Lili Marleen vor, wofür es kleine Stückchen Schokolade gab.

Umzug nach Osternburg

Als der Vater 1946 zurückkehrte, fand er Arbeit in der zwölf Kilometer entfernten Eisenhandlung Hartmann an der Schützenhofstraße und musste sich zu Fuß auf den Weg zur Arbeitsstelle und zurück machen. Die Familie zog 1947 deshalb in die Bremer Straße 29 um und lebte dort in ärmlichsten Verhältnissen. Als die Miete nicht mehr gezahlt werden konnte, war ein altes Haus in der Dedestraße mit Plumpsklo, Brunnen und ohne fließend Wasser ihr neues Zuhause, erzählt Gisela Jahn. Das Geld reichte vorn und hinten nicht. Die Kinder konnten durch Vermittlung der Kirchengemeinde in fremden Familien essen.

Mit 14 in die Lehre

Eine höhere Schulausbildung wurde Gisela Jahn (geb. Neumann) verwehrt. Mit 14 musste sie mit einer Ausnahmegenehmigung auf Druck ihrer Eltern eine Lehre bei der LzO beginnen, die sie mit 17 abschloss. In der Nachbarschaft in der Dedestraße wohnte ein gewisser Heini Heeren, in Oldenburg als Fährmann vom Stau bekannt. Ihm musste Gisela ihren Freund vorstellen. Claus Jahn kam bei „Opa Heini“ gut an, er riet seiner Nachbarstochter mit ihm zusammenzubleiben. Gisela befolgte den Rat, die Verbindung hielt bis zum Tod ihres Mannes im März 2021. Zwei Kinder wurden geboren, eine Tochter und ein Sohn. Für sie und die Enkelkinder hat die 87-Jährige ihre Erlebnisse aufgeschrieben.

Was geblieben sind, sind Erinnerungen an eine schwere Zeit im und nach dem Krieg – aber auch die vielen schönen Erlebnisse, die sie mit ihrer neuen Heimat verbindet.

Thomas Husmann
Thomas Husmann Redaktion Oldenburg
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