Oldenburg - „Du bist nicht allein und aufgeben ist keine Option“. Das ist der erste Satz, der in der Facebook-Gruppe „psychische Erkrankungen in Zeiten von Corona“ zu lesen ist. Er stammt von der Gründerin Sabine Westerwelle aus Oldenburg und richtet sich an all jene, die an einer psychischen Erkrankung leiden, sich einsam fühlen oder denen es einfach nicht gut geht.
„Ich selber leide seit 13 Jahren an einer psychischen Erkrankung“, sagt die 30-jährige gelernte Kosmetikerin. Neben einer Zwangsstörung hatte sie früher auch Depressionen. Der Entschluss, die Facebook-Gruppe ins Leben zu rufen, kam vor einem Jahr. „Weil es mir von meiner Erkrankung her sehr schlecht ging, habe ich mir gedacht, da musst du jetzt etwas machen“, sagt Westerwelle, die aufgrund ihrer Erkrankung seit über einem Jahr nicht mehr arbeitet und zu Hause ist. Angefangen hat alles mit fünf Bekannten, die ebenfalls eine psychische Erkrankung haben. „Irgendwann wurden es immer mehr und jetzt haben wir 661 Mitglieder“, so die 30-Jährige. Das jüngste Mitglied ist erst 16, das älteste 71 Jahre alt.
Wieder mehr Hoffnung
Dabei ist die Corona-Pandemie immer wieder ein Thema. „Es sind vor allem Sorgen-Beiträge, dass zum Beispiel ein Familienangehöriger an Corona erkrankt ist. Viele haben auch soziale Ängste und können gar nicht mehr herausgehen“, sagt Westerwelle. Die Stimmung habe sich aber laut Westerwelle gebessert. „Vor einem halben Jahr sah es noch sehr düster aus, jetzt geht es ein bisschen bergauf.“ Grund sei der Impfstart und die Hoffnung, dass es besser werden wird.
Aber es dreht sich nicht alles um Corona. Von „let’s talk about“-Runden (lasst uns reden über) mit verschiedenen Themen bis hin zu Personen, die sich und ihre Geschichte vorstellen, gibt es viele Angebote. „Wir haben auch Themenwochen, zum Beispiel über Depressionen oder Borderline, wo Leute aus der Gruppe interviewt werden“, so die Oldenburgerin. Besonders beliebt sei ein virtuelles Lagerfeuer. „Viele haben in der Pandemie Schlafstörungen bekommen“, sagt Westerwelle. Deshalb gibt es von 21 bis 7 Uhr einen Beitrag, wo sich Betroffene treffen können.
Familiäre Atmosphäre
Das Besondere an der Gruppe sei der familiäre Umgang. „Zum Beispiel schrieb jemand ,mir geht es heute nicht gut, ich bin nutzlos‘ und am Ende des Tages sind darunter 48 Kommentare mit virtuellen Umarmungen oder aufmunternden Bildern“, sagt Westerwelle. Dabei ist das Ziel der Gruppe, einen Raum zu schaffen, wo sich Menschen austauschen können, und jemanden finden, der ähnliches durchmacht. Auch ihr selbst hat die Gruppe geholfen. „Ich habe Verantwortung übernommen, was mir gefehlt hat, während ich zu Hause bin“, so die Oldenburgerin. Ihr persönliches Ziel sei es, dass sich Menschen weniger einsam fühlen, „dann haben wir alles richtig gemacht“.
