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nordwest-zeitung

Verdi-Warnstreik In Oldenburg Sie fordern mehr Geld und Wertschätzung

Chelsy Haß Lea Bernsmann

Oldenburg - Das erste Mal hatte die Gewerkschaft Verdi bei einer Streikaktion explizit die Beschäftigten der Stadt Oldenburg aufgerufen. Bis zum frühen Nachmittag kamen am Dienstag auf dem Oldenburger Schlossplatz rund 100 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zusammen, um ihren Forderungen Druck zu verleihen.

Während es in anderen Teilen Deutschlands zu Beeinträchtigungen im Nahverkehr kam, waren in Oldenburg vor allem die 15 Kindertagesstätten in städtischer Trägerschaft betroffen. Die Kindertagesstätte Eschenplatz im Stadtwesten blieb mit seinen drei Gruppen für einen Tag komplett geschlossen. Einschränkungen gab es unter anderem in der Kita Cloppenburger Straße, Kita Kennedystraße und der Kita Klingenbergstraße. „Bei dem Warnstreik waren nicht explizit die Kindertagesstätten angesprochen. Die Rückmeldung war aber sehr groß“, sagte Heike Boldt, Verdi-Gewerkschaftssekretärin, am Dienstag.

Eigenen Kinder wurden nicht betreut

„Im Lockdown ging bei uns der Betrieb weiter – mit der Notbetreuung“, sagte eine Erzieherin. Sie kritisierte: „Unser Beruf galt nicht als systemrelevant. Deshalb haben wir uns um die Kinder von Eltern mit systemrelevanten Berufen gekümmert. Unsere eigenen Kinder wurden allerdings nicht betreut.“ Die fehlende Wertschätzung sei für viele Erzieher ein wichtiges Streik-Argument. „Wenn es uns nicht geben würde, dann würde vieles andere auch nicht laufen. Dessen sind sich zu wenig Menschen bewusst“, betonte eine Erzieherin der Kita Klingenbergstraße. Mit elf anderen Kolleginnen und Kollegen hatte sie am Dienstag ihre Arbeit niedergelegt. Eine andere Erzieherin ergänzte: „Der Job muss attraktiver werden. Die Politik muss endlich etwas tun.“ Das sei wichtig, um qualifizierte Fachkräfte in die Kitas zu holen.

„In Kitas und auch in der Verwaltung ist es schwierig, guten Nachwuchs zu finden. Die schlechte Bezahlung ist ein Grund“, sagte Mario Bertele vom Jugendamt Oldenburg. Er streikte nicht nur für Erzieher, sondern auch Mitarbeiter der Stadtverwaltung. „Vielen ist, glaube ich, nicht bewusst, wie relevant die Verwaltung ist“, sagte er und freute sich, dass viele seiner Kollegen auf dem Schlossplatz ihre Meinung äußerten. So waren auch Schulverwaltungskräfte sowie Mitarbeiter der Gemeinwesenarbeit und des Allgemeinen Sozialdienstes (ASD) vor Ort.

4,8-prozentige Erhöhung gefordert

„In der Krise haben wir im Schichtdienst gearbeitet – ohne Lockdown. Klatschen reicht da meiner Meinung nach nicht“, sagte Kristina Heyden. Sie arbeitet als Erzieherin in der Stationären Hilfe. In einer Wohngemeinschaft betreut sie junge Mütter und deren Kinder. Sie wolle ein Zeichen setzen: „Wir sind bessere Bedingungen, Anerkennung und angemessene Bezahlung wert.“

Verdi fordert für circa 2500 Beschäftigte der Stadt Oldenburg 4,8 Prozent mehr Geld, mindestens aber 150 Euro, bei einer Laufzeit von 12 Monaten. Die Verhandlungsrunde Mitte September, bei der Verdi und der Beamtenbund dbb mehr Geld für bundesweit 2,3 Millionen Tarifbeschäftigte forderten, war ohne Ergebnis geblieben.

Das sagen Passanten:

Argwöhnische Blicke auf die demonstrierende Gruppe vor dem Schloss gab es am Dienstagvormittag nicht. Im Gegenteil, die befragten Passanten finden die Forderungen der Kita-Kräfte überwiegend berechtigt.

„Definitiv verständlich“ findet Ilka Brake den Streik der Kita-Mitarbeitenden. Ihr Mann nickt: „Corona hat’s gezeigt – von Menschen, die in der Pflege, in sozialen Einrichtungen in Krankenhäusern oder Kitas arbeiten, wird viel abverlangt für wenig Geld“, sagt Claus Brake. „Anstatt Lufthansa und VW Geld in den Rachen zu schmeißen, sollte hier mal was getan werden“, findet der Oldenburger.

Solidarisch mit den Streikenden zeigt sich auch eine junge Oldenburgerin: Die Mutter der 20-Jährigen ist selbst Erzieherin an einer Schule – steigende Belastung ist Dauerthema. Gerade jetzt, in Corona-Zeiten, laste viel Verantwortung auf den Schultern der Branchenmitarbeitenden, findet auch ihre 22-jährige Begleiterin: „An das Gesundheitsrisiko für Kitakräfte denkt scheinbar keiner.“

Dass deutsche Angestellte auf die Straße gehen, findet ein luxemburger Besucher „völlig nachvollziehbar“. Im Heimatland des 66-Jährigen gebe es wesentlich mehr Lohn für Kita-Kräfte. Etwas kritischer sieht es eine Oldenburger Seniorin: „Eigentlich sind die Forderungen richtig. Nur nicht momentan. In der jetzigen Zeit geht es vielen schlecht. Was sollen all die Künstler ohne Einkommen sagen?“, frage sie sich. Kritik am Streiken in Pandemie-Zeiten übt keiner der Passanten: „Die tragen ja alle Mundschutz und halten Abstand“, ist die einhellige Meinung. „Und der Öffentliche Dienst ist mit Sicherheit umsichtiger als gewisse andere Menschen, die derzeit demonstrieren“, sagt Claus Brake.

Außerdem: „Kein Mensch weiß, wie lange Corona noch dauert – sollen die deshalb einfach still aushalten und weitermachen?“, fragt die 22-jährige Oldenburgerin.

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