Oldenburg - Die Pandemie hat unser aller Leben verändert. Besonders bitter trifft es Solo-Selbständige aus dem Kulturbereich: Nicht nur die Einnahmemöglichkeiten sind untersagt, auch der für kreative Menschen so überaus wichtige Kontakt mit dem Publikum fehlt. Klangpol, das Netzwerk Neue Musik Nordwest, organisierte zwei Wandelkonzerte im Freien, eines im Bremer Park Ost und eines im Schlossgarten hier in Oldenburg. Das Wandelkonzert unter dem Motto „Soli für Solo-Selbständige“ ließ, über den ganzen Schlossgarten verteilt, kurze Werke für Solisten hören.
Musik vor Tretbooten
Die zahlreichen Zuhörer flanierten von einem Ambiente zum anderen, hörten sich ein oder zwei Stücke an und spazierten weiter zum nächsten Aufführungsort. Es gab Musik vor der Kulisse von Tretbooten, Musik unter großen Bäumen, Musik vor bienenbevölkerten Blumenbeeten und Musik unter schattenspendenden Vordächern.
Insgesamt zwanzig Solisten nutzten die Gelegenheit, nach Monaten erzwungener Abstinenz wieder einmal auf sich aufmerksam zu machen.
Mireia Vendrell spielte das erste klassische Werk für Toy Piano, die deutlich pentatonisch und immer wieder irgendwie asiatisch klingende „Suite für Toy Piano“, die John Cage 1948 komponierte, getreu seinem Motto „Ruhe durch Beschränkung“ ein Fanal gegen ausufernde Bombastik und gegen die teutonische Ernsthaftigkeit des Konzertbetriebes.
Benjamin Brittens „Metamorphosen“, sechs Oboe-Stücke nach Gestalten aus dem klassischen Werk des Ovid wie etwa Pan und Phaeton, wirkten in der bukolischen Umgebung mit Wasserläufen, Wiesenflächen und ausladenden alten Laubbäumen geradezu authentisch. Neben echten Partituren wurde auch viel Improvisiertes zu Gehör gebracht.
Insgesamt überwog der Spaßfaktor. Schon 1963 komponierte Franz Erhard Walther sein Papierkonzert Nr. 1. Jens Carstensen, Sprachperformance, machte daraus eine interaktive Situation, die die anwesenden Zuhörer einband. Ein Stück Papier, eine Art Programmzettel zum Papierkonzert, wurde von den Anwesenden langsam und genüsslich zerrissen, zerknüllt, geraschelt. Die „Alltagsperkussion“ von Tobias Hamann hatte sich in Muttis Küchenschrank und Besenkammer umgeschaut und mit den verschiedensten mechanischen Gerätschaften des traditionellen Haushaltes ein Schlagwerk der anderen Art zusammengestellt. Es wurde auch mit Kraft und Inbrunst getrommelt, aber neu und unerhört in einem Konzertrahmen waren die Klänge von Bürsten, Schüsseln und anderen Haushaltsgeräten.
Neue Einfachheit
VB Schulte zelebrierte auf dem E-Bass einen schweren und zähen elektrischen Blues mit beigemischtem Schlagzeug. Da nur solo auf der Miniaturbühne – Covid 19 erzwingt eine neue Einfachheit – musste er notgedrungen auch noch singen – von Tannhäuser, der Venus im Hörselberg verlässt, um Maria zu suchen. Tannhäuser, der die schwülstig-üppige, arbeits- und leidlose Dekadenz verlässt, um sein keusches Heil in Maria zu finden: kein unpassendes Bild für eine Welt in vielfachem Umbruch, der auch an der bisherigen Kunst und ihren Künstlern nicht vorbeigehen wird.
