Oldenburg - Am Schaufenster klebt eine Nase. Sie gehört einer, die draußen steht. Vor der Tür. Hofft. Wünscht. Wartet. Sie ist nicht allein: Es ist zwölf Uhr mittags und die Kaiserstraße im Bahnhofsviertel ist voller Menschen mit leeren Taschen. Noch.
In einer Stunde öffnet die Oldenburger Tafel ihre Pforten. Gedrängelt wird nicht. Geschnackt schon. „Ob’s wohl Melone gibt?“, will eine Dame mit Rollator wissen. Die junge Mutter hinter ihr hätte lieber Streuselkuchen. Oder Mohnschnecken für die Kleinen zu Hause. Zwei würden ihr zustehen, das steht auf der Ausgabeliste. „Hängt immer davon ab, was wir ergattern“, sagt Inka Ibendahl. Heute sieht’s gut aus. Sogar Ananas gibt es. Und Schoko-Croissants. Eine ganze Kiste voll stellt Helge Eberhardt neben ihr ab.
Geheime Schatzkammer
Helge Eberhardt ist fürs Einsortieren zuständig, was der Fahrdienst aus den Restbeständen von über 70 Firmen und Märkten aus der Region mitbringt, wird an die Abholer verteilt, im Kühlschrank gelagert oder kommt in die Schatzkammer. So nennt Inka Ibendahl ihre Vorratskammer, in der Haltbares und Seltenes auf glückliche Abnehmer wartet. Schön der Reihe nach. Inka Ibendahl, 56, freiberufliche Übersetzerin, mag es pragmatisch. Lebensmittel, die Supermärkte auf den Müll werfen, weil sie nicht den Idealvorstellungen der Kunden entsprechen, an Menschen verteilen, denen das Geld fehlt, sei eine handfeste Idee. Recht neu war die, als sie vor 19 Jahren die Oldenburger Tafel gegründet hat. Mittlerweile werden 4500 sozial benachteiligte Menschen wöchentlich in der Kaiserstraße mit Obst und Backwaren, Joghurt und Salat, Pudding und Salami versorgt. Je nachdem, was die Supermärkte aus ihren Regalen räumen, füllt sich das Sortiment der Oldenburger Tafel.
„Viel zu wenig“, sagt Inka Ibendahl. Was von Montag bis Freitag zwischen sieben und 17 Uhr in beiden Kühltransportern der Tafel landet, stillt längst nicht mehr den Hunger aller Bedürftigen. „Wir können keine weiteren Nutzer aufnehmen“, sagt die Oldenburgerin und blickt durchs Schaufenster auf die Straße, wo die geduldige Warteschlange stetig wächst. Trotz Wegwerfmentalität – in Deutschland landen jährlich nach aktuellen Studien elf Millionen Tonnen Lebensmittel im Abfall – sind die Kisten mit Überschussware für die Tafel nicht mehr so voll wie einst. „Die Zeiten des maßlosen Rumaasens sind vorbei“, sagt Inka Ibendahl.
Stadt ist reich an Armut
In den Anfängen, nachdem sie alle Klinken der Händler auf Hochglanz geputzt und der Verein zur begehrten Gelegenheit, karitatives Image aufzupolieren, geworden war, ging das Konzept satt auf. Lange ist nicht jeder, der Anspruch auf einen Oldenburg-Pass – und damit die Voraussetzung erfüllt, kostenlose Lebensmittel zu erhalten – hat, auch zur Ausgabestelle der Tafel gekommen. „Stolze, bescheidene Senioren, die ihr Leben lang hart gearbeitet haben und keine Hilfe annehmen mögen, sterben aus“, sagt Inka Ibendahl. Sie spricht von wachsender Altersarmut, der Masse an Hartz IV-Empfängern in der Stadt – und den Flüchtlingen. Die nämlich, kann die Tafelleiterin gar nicht glücklich machen.
Abgesehen von personeller und materieller Kapazitätsgrenze fehle es an geeigneten Lebensmitteln: Moslems, die kein Schweinefleisch essen, können mit Schinken nichts anfangen, wer karibische Küche gewohnt ist, wird sich keinen Kohlrabischmortopf zubereiten. Mit Reis, Kichererbsen, Currypulver, Bohnen, Kokosmilch, Ingwer und Maniok können die rund 100 Oldenburger Tafel-Mitarbeiter selten dienen, trotz Schatzkammervorrat. „Gewürze, Konserven, Trockenprodukte bekommen wir kaum zu sehen. Die gehen vom Markt für eine Gutschrift zurück an den Hersteller – und werden da vernichtet“, sagt Inka Ibendahl. Dieses sinnlose System zu knacken sei eines ihrer Ziele.
Erreichen will sie in erster Etappe aber spendenwillige Helfer, die die Tafel mit Lebensmitteln unterstützen. Geld darf der Verein zwar annehmen, aber kein Essen davon kaufen. Inka Ibendahl hat eine Wunschliste auf die Homepage der Tafel gestellt. Sie kann in jedem Asia-Shop oder beim orientalischen Einzelhändler abgearbeitet werden. Aber wer im Keller eine noch nicht abgelaufene Dose Mais, ein Glas Peperoni oder unangebrochene Nudelpakete herumliegen hat, kann schon helfen.
„Viele kleine Mengen machen eine große Menge auch glücklich“, sagt Inka Ibendahl und guckt zur Uhr. In einer halben Stunde hat das Warten vor der Tür ein Ende. Kollege Helge stellt schon einige Paletten Fruchtgrütze bereit.
Nichts ist für die Tonne
Was an drei Ausgabetagen nicht über den Tafel-Tresen wandert, weil es ungeeignet für den menschlichen Verzehr ist, landet im Futtertrog von einem Bauern oder in der Biogasanlage – Übriggebliebenes auf der Kaffeetafel der Ehrenamtlichen. Von denen kann die Chefin Nachschlag gebrauchen. „Ich würde gerne einen weiteren Tag öffnen für Flüchtlinge“, sagt Inka Ibendahl. Neben landestypischen Lebensmitteln benötigt sie für ihren Plan weitere Helfer im Fahrdienst und der Ausgabe.
„Vorsicht“, sagt Helge und schleppt einen Kuchen heran. Mohnschnecken sind auch dabei. Das ist vor der Tür schon in aller Munde. Am Schaufenster kleben inzwischen ein Dutzend Nasen. Inka Ibendahl macht die Tür auf – keiner soll lange draußen stehen.
