Osternburg - In der allergrößten Not schmeckt die Wurst auch ohne Brot. Bei Bäckermeister Reinhard Hinrichs gilt dieser Spruch andersherum: „Ein Brot muss auch ohne Belag schmecken“, sagt der 55-Jährige. Fertigmischungen kommen ihm daher nicht in die Brötchentüte. Ein Prinzip, das viele Kunden zu schätzen wissen. Leider zu wenige. Die Bäckerei an der Bremer Straße /Ecke Schützenhofstraße schließt nach dem 26. Juli.
Die ersten Abschiedsgeschenke von Stammkunden, die jetzt in den Urlaub fahren, wurden schon abgegeben. Gudrun Hinrichs, Ehefrau des Bäckers und für den Verkauf zuständig, ist bereits regelmäßig den Tränen nahe. „Und die Leute heulen mit uns“, erzählt die 53-Jährige.
Vor 20 Jahren hatte das Ehepaar die kleine Bäckerei in Osternburg von Robert Mahlmann übernommen. Nachdem sie zuvor als Angestellte in Westerstede gearbeitet hatten, war dies die Chance auf etwas Eigenes. Die Hinrichs führten eine lange Tradition an diesem Standort fort. Mahlmann selbst hatte die Bäckerei 1968 von Karl Hake übernommen, dessen Name immer noch die Fassade des Hauses ziert. Gebaut worden war es im Jahr 1938.
Als Zugereiste seien sie zwar freundlich aufgenommen, aber natürlich von den Osternburgern auch getestet worden, erzählen die Hinrichs. Doch spätestens als ihr Sohn auf der Welt war und in der Bäckerei herumhüpfte, weil die Familie bis heute im selben Haus wohnt, war das Eis gebrochen. „Er hat das Herz der Kundschaft erobert“, erinnert sich Gudrun Hinrichs. Dazu kam die Offenheit der Familie für das typisch bunte Publikum des Stadtteils, vom Punker bis zum Banker. „Bei mir wird jeder gleich behandelt.“
Früher Karl Hake, dann Mahlmann, zuletzt Hinrichs
Zwölf Bäckereibetriebe sind derzeit noch bei der Handwerkskammer Oldenburg gelistet. Dazu zählen allerdings nicht jene, die ihren Stammsitz außerhalb Oldenburgs haben und in der Stadt lediglich Filialen betreiben. So sitzt Müller&Egerer in Rastede, Bruno in Sandkrug, Behrens-Meyer in Garrel, Janssen in Klein Scharrel und Musswessels in Rhede/Ems. Von den Großen hat lediglich die Stadtbäckerei Jan Schröder ihren Sitz in Oldenburg.
Vor zehn Jahren gab es noch 16 Bäckereibetriebe in Oldenburg, im Jahr 2000 waren es 30.
Die Handwerkskammer spricht von einem anhaltenden Konzentrationsprozess. „Die Unternehmen werden größer, aber weniger“, so Sprecher Torsten Heidemann. Deutschlandweit nahm im Vorjahr trotz einer positiven Umsatzentwicklung die Anzahl der Beschäftigten leicht ab. Ausbildung sei entscheidend. Im Kammerbezirk beginnen demnächst 15 Azubis ihre Lehre, drei mehr als im Vorjahr.
Die menschliche Komponente allein hätte natürlich nicht ausgereicht, wenn die Qualität nicht gestimmt hätte. Reinhard Hinrichs übernahm die bewährte Produktpalette seines Vorgängers und brachte dann Stück für Stück seinen Stil mit ein. Sein Dinkelknust zum Beispiel wurde ein echter Verkaufsschlager. Finger weg von Fertigmischungen, lieber weniger und dafür besser – das war seine Devise.
Der Sohn und außerdem eine Tochter sind inzwischen groß, ins Bäckerhandwerk wollen sie aber nicht einsteigen. Und nicht nur das hat sich geändert. Überall ploppen inzwischen durchgestylte Event-Bäckereien sowie SB-Backshops auf und greifen Kundschaft ab.
Zudem hat das Gewerbe schon lange ein massives Nachwuchsproblem. Seit der Übernahme hat die Familie Hinrichs keinen Urlaub gemacht, weil immer entweder ein Geselle oder ein Azubi fehlte. Der jetzige Geselle hört nun auf, Ersatz war nicht zu finden. Alleine ist die Arbeit für den Bäckermeister aber nicht mehr zu stemmen. Wegen der Corona-Krise, die fehlende Laufkundschaft und weggebrochene Catering-Aufträge mit sich brachte, ziehen die Hinrichs die ohnehin zum Jahresende geplante Schließung nun vor.
Das Ehepaar ist noch zu jung für den Ruhestand. Beide werden bei bisherigen Konkurrenten wieder als Angestellte arbeiten. Auch ihre langjährige Mitarbeiterin ist dort untergekommen. Die Zukunft ist also gesichert. Mit Blick auf die Vergangenheit wird der 26. Juli, der letzte Verkaufstag, trotzdem sehr tränenreich werden.
