Oldenburg - Rosa-Marie Berndt lässt ihre Finger vor ihrem Gesicht tanzen. Sie dreht ihre Hand hin und her, starrt fasziniert auf die fließenden Bewegungen und richtet dann ihren Blick auf die Redakteurin: „Das kann sich kein Mensch vorstellen, wie es für mich ist, dass ich meine Finger wieder sehen kann.“ Noch vor ein paar Tagen war die 71-Jährige quasi blind. In einer komplexen und komplizierten Operation im Pius-Hospital wurde ihr geholfen – 92 Minuten hat es von blind bis sehend gedauert. Ein Glück, das Rosa-Marie Berndt kaum fassen kann.
Zwei Prozent Sehkraft
In einem Behandlungszimmer der Universitätsklinik für Augenheilkunde im Pius erzählt die Patientin aus Etzel im Landkreis Wittmund ihre Geschichte: Sie ist sehend zur Welt gekommen, aber mit einer angeborenen Linsentrübung, die sich schon im Laufe der Kindheit verschlimmerte. 80 Prozent Sehkraft hatte sie als Kind. Mit 13 Jahren war die Linsentrübung durch den Grauen Star schon so weit fortgeschritten, dass sie operiert werden musste und die Linsen entfernt wurden. „Innerhalb kürzester Zeit bildete sich ein Nach-Star und ich wurde in den nächsten sieben, acht Jahren siebenmal operiert“, erzählt Rosa-Marie Berndt. Schon damals konnte sie nur noch „wie durch ein unscharf gestelltes Fernglas sehen“. Als Folgeerkrankung entwickelte sich bei ihr ein Glaukom, der so genannte Grüne Star. Der trübte das rechte Auge vollends ein, zerstörte den Sehnerv. Nur links konnte sie noch etwas sehen, in den vergangenen acht Jahren waren es aber nur noch zwei Prozent Sehkraft, seit letztem Sommer nicht einmal mehr das, da konnte sie nur ein bisschen hell und dunkel wahrnehmen.
Jetzt, ein paar Tage nach der Operation, läuft Rosa-Marie Berndt vorsichtig, sie braucht die führende Hand nur zur Absicherung, kann Hindernisse ausmachen. Sie erkennt, dass die Redakteurin ihr gegenüber dunkle Haare hat, während Schwester Christel blond ist: „Ich konnte heute sogar meine Zimmernummer lesen.“
Gesichter erkennen
92 Minuten hat die komplizierte Operation gedauert, bei der Prof. Dr. Dr. med. Stefan Schrader, Direktor der Universitätsklinik für Augenheilkunde, in das Auge seiner Patienten eine künstliche Linse einsetzte und ihr eine Hornhaut transplantierte. Im Vorfeld des Eingriffs hatte er seiner Patientin nur vorsichtig Hoffnungen gemacht. Umso erfreuter sind jetzt alle Beteiligten. „So ein Eingriff ist schon sehr selten. Wir konnten nicht abschätzen, wie weit der Schaden durch das Glaukom war“, so Assistenzarzt Tim Ahmels. Schrader schaut sich das Auge bei einer Untersuchung an und ist zufrieden. Unter der Vergrößerung sind die feinen Nähte im Auge wie ein zartes Flechtwerk zu erkennen. Erst in anderthalb Jahren werden sie gezogen. Wenn sich die Reizung des Auges nach der Operation gelegt hat, verbessert sich das Sehvermögen der 71-Jährigen vielleicht sogar noch etwas. Sie hofft, alleine einkaufen gehen zu können und selbstständiger im Alltag zu sein: „So gut wie jetzt konnte ich das letzte Mal vor 20 Jahren sehen.“ Und: Sie möchte gerne Gesichter erkennen können. Der Anfang dafür ist gemacht: „Ich sehe, wo ihre Augen sind.“
