Garrel/Wardenburg - Die neue Corona-Verordnung, die ab 1. Oktober gilt, sorgt bei Pflegediensten für Verdruss. „Wir stehen ohnehin mit dem Rücken zur Wand und müssen jetzt zusätzliche Belastungen schultern – das geht nicht mehr lange gut“, warnt Melanie Marks. Die 42-Jährige betreibt mit Geschäftspartnerin Brigitte Lahmer zwei ambulante Pflegedienste in Garrel (Landkreis Cloppenburg) und Wardenburg (Landkreis Oldenburg).
Ungerecht behandelt
Schon mit der Impfpflicht für Pflegekräfte sieht sich die Branche ungerecht behandelt. Ab 1. Oktober gelten nun zudem zweifach geimpfte Beschäftigte als „nicht geimpft“. Sie müssen bis Ende September über das Portal „Mebi“ gemeldet werden. „Diese Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sollen ab 1. Oktober nur noch patientenfern eingesetzt werden, also beispielsweise im Büro“, ärgert sich Melanie Marks. Die meisten Dienste hätten für diese Tätigkeiten keine Kapazitäten, verdienen damit zudem kein Geld. „Hinzu kommt, dass Pflegepersonal so dringend am Menschen gebraucht wird.“ Stattdessen sieht sich das Pflegeteam gezwungen, die nur zweifach geimpften Pflegekräfte vom Dienst am Menschen freizustellen. Denn die Verantwortung „wenn etwas passiert“ liege ab Oktober allein beim Pflegedienstträger.
Melanie Marks berichtet, bei Telefonaten mit Gesundheitsämtern komme ihr zwar Verständnis entgehen. „Ich weiß, dass Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in Ämtern selbst nicht hinter diesen Vorgaben stehen. Aber sie haben keinen Einfluss auf die Vorgaben.“ Die Pflegedienst-Inhaberin betont, sie sei selbst dreimal geimpft.
Aber sie sei überzeugt, dass die Impfpflicht angesichts der hohen Hygiene-Standards in den Diensten nicht erforderlich ist. „Wir alle haben viel Zeit und Geld in Schutzausrüstung und Hygienekonzepte gesteckt – das schützt mehr als Impfen.“
Meldepflicht ignoriert?
Aus Gesprächen im Kollegenkreis wisse sie, dass nicht jede ungeimpfte Kraft den Behörden gemeldet wird. „Einfach, weil jede Hand gebraucht wird.“ Der Mangel an Pflegefachkräften sei dramatisch. „Und weil die Belastung so hoch ist, geben immer wieder Kolleginnen und Kollegen auf und wechseln in andere Berufe.“
Wobei die Bezahlung aus Sicht von Melanie Marks nicht das Hauptproblem bei der Nachwuchsgewinnung ist. „Die Arbeitszeiten sind die größte Hürde.“ Geregelte Freizeit sei gefragt; die in Pflegeberufen erforderliche Bereitschaft zum Schichtdienst sei für viele Interessenten ein Ausschlussgrund. Ein weiteres Problem: Der Pflegeberuf leide unter einem schlechten Image.
Finanzielle Probleme
Zu den personellen Problemen kommen finanzielle: „Der Pflegerettungsschirm ist im Juni ausgelaufen, derzeit ist nicht mit Hilfen zu rechnen“, sagt Melanie Marks. Dabei verursachten Schutzhandschuhe und -kittel, Schnelltests und ähnliches Material hohe Kosten – die sich in der Zeit der Pandemie massiv verteuert hätten. Dazu kämen die explodierten Spritpreise, die bei täglichen Pflege-Touren von 50 bis 70 Kilometern eine riesige Belastung seien. Am Donnerstag summierten sich die acht Touren der beiden Dienste auf rund 400 Kilometer. Hinzu kommen ebenso viele Einsätze der Hauswirtschafts- und Betreuungskräfte.
Nach Rücksprache mit Kollegen wisse sie, dass andere Einrichtungen – sowohl ambulant wie stationär – mit den gleichen Problemen kämpfen. „Wir können derzeit nicht sagen, wie lange diese Belastungen noch zu tragen sind.“
