• Jobs
  • Immo
  • Auto
  • Kleinanzeigen
  • Trauer
  • Hochzeit
  • Guide
  • Shop
  • Tickets
  • nordbuzz
  • Fußball
  • Werben
  • Kontakt
 
NWZonline.de Region Stadt Oldenburg Politik

Ärztin mit großem Herz für kleine Menschen

31.10.2015

Oldenburg Gertrud Reyersbach war eine couragierte Frau – und zu ihrer Zeit eine der beliebtesten Kinderärztinnen in Boston. Geboren wurde sie allerdings in Oldenburg, am 28. Juli 1907, als Tochter aus gutem Hause: Ihren Eltern gehörte eine Fabrik für Fahrräder und Musikinstrumente am Damm.

Bis die Nazis Juden nach dem Leben trachteten, zählten Reyersbachs in der Stadt zum wohlhabenden Bürgertum. Die Tochter wuchs mit englischer Nanny auf und machte Abitur. Die Eltern legten der jungen Frau keine Steine in den Weg, als sie Medizin studieren wollte, wofür sich in jener Zeit wenige Frauen entschieden. Obwohl sie ihre Examina mit „sehr gut“ abschloss, durfte sie in Deutschland nicht als Medizinerin praktizieren. Denn bereits im Juni 1935 verboten die Nationalsozialisten, Juden als Ärzte zuzulassen.

Ihre Promotionsurkunde in der Tasche, flüchtete Dr. Gertrud Reyersbach 1937 mit dem Schiff nach England ins Ungewisse und entkam so den Nazis.

An das Leben der engagierten Kinderärztin erinnern die Westersteder Mediziner Dr. Ulrike Wendt und Dr. Volker Wendt jetzt in einem Beitrag der Fachpublikation „pädiatrie hautnah“. Im Zuge ihrer Recherchen trafen sie auch Prudence L. Steiner, ein Gründungsmitglied des Jewish Women’s Archive (Archiv Jüdischer Frauen). In der Internetplattform wird an jüdische Frauen erinnert, so auch an Dr. Gertrud Reyersbach.

Den Beitrag hat Prudence L. Steiner verfasst, die Gertrud Reyersbach zunächst als Ärztin ihrer Kinder kennenlernte. Dann freundeten sich die beiden Frauen an, und schließlich kümmerte sich Mrs. Steiner auch um den Reyersbach-Nachlass.

Darunter findet sich ihr Reisepass, ausgestellt von der Stadt Oldenburg. Mit diesem Pass reiste sie 1937 nach England, denn außer dem Berufsverbot hatte ein grausames Ereignis darauf hingewiesen, wie es in Deutschland weitergehen würde.

Der Geschäftspartner ihres Vaters – ihr Onkel Franz Reyersbach – kümmerte sich nicht nur um das Geschäft, sondern war auch politisch aktiv. Gleich nach dem Ersten Weltkrieg war er Mitbegründer der linksliberalen Deutschen Demokratischen Partei (DDP) in Oldenburg und traf die großen Politiker der Weimarer Republik, darunter etwa Gustav Stresemann (1878-1929) und Walther Rathenau (1867-1922).

Den Nationalsozialisten war der liberale Mann früh ein Dorn im Auge, und so standen am 28. September 1936 Beamte der Geheimen Staatspolizei in der Wohnung an der Beethovenstraße mit einem Haftbefehl. Als Vergehen wurden kommunistische Umtriebe angegeben. Der 56-jährige Vater von vier Kindern wurde eingesperrt und vier Wochen später in das Konzentrationslager Sachsenhausen-Oranienburg „entlassen“ (wie es ironischerweise auf dem Papier heißt). Dort starb er nach Misshandlungen am 14. Dezember 1936.

All das bestärkte Gertrud Reyersbach in ihren Fluchtplänen. Es gelang ihr noch, das elterliche Haus an der Roggemannstraße 1 zu verkaufen und ihre verwitwete Mutter nach England zu bringen. Für sich sah sie dort keine Chance als Ärztin, daher reiste sie weiter in die USA.

Wie Flüchtlinge heute auch, musste sie die Behörden von ihren Fähigkeiten als Medizinerin überzeugen. In Deutschland hatte sie in Berlin, Heidelberg und München studiert, u. a. war sie dabei übrigens in Berlin dem Schriftsteller und Dramatiker Bertolt Brecht begegnet, der von ihrer eleganten Erscheinung beeindruckt schien. (Diese Episode erwähnt Prudence L. Steiner in ihrer biografischen Skizze über die Ärztin in dem Internet-Portal.)

Gertrud Reyersbach wurde an der Universität Göttingen promoviert und war Kinderärztin mit Spezialgebiet der Endokrinologie und rheumatischen Erkrankungen. Drei Jahre brauchte sie, um als Kinderärztin in den USA wieder anerkannt zu werden. Sie behandelte Patienten in Hospitälern New Yorks und Cincinnatis, ehe sie 1942 dann an der amerikanischen Ostküste in Boston eine neue Heimat fand und im dortigen Massachusetts General Hospital acht Jahre lang pädiatrisch arbeitete und auch forschte. 1957 würdigte auch die Zeitung „Boston Globe“ ihre Forschungen. Laut Prudence L. Steiner war sie eine der beliebtesten Kinderärztinnen in Boston und arbeitete bis zu ihrem 80. Lebensjahr in ihrer eigenen Praxis, in der sie Tag und Nacht für besorgte Eltern und kleine Patienten da war. Manche Familien habe sie über drei Generationen betreut.

Auch nach Oldenburg kehrte Dr. Gertrud Reyersbach einmal zurück. 1985 hatte der Stadtrat beschlossen, aus Oldenburg vertriebene Bürgerinnen und Bürger, die den Holocaust überlebt hatten, einzuladen und stellte dafür 150 000 DM bereit. Zu den Eingeladenen zählte auch Gertrud Reyersbach. Am 10. Mai 1985 nahm sie mit Cousin Fred Ryersbach, der in seinem Namen das e gestrichen hatte, an der Enthüllung eines Straßenschildes in Kreyenbrück teil, auf dem der Name ihres von den Nazis ermordeten Onkels steht: Franz Reyersbach. Er gilt als erster aus Oldenburg in ein KZ deportierter Jude.

Gertrud Reyersbach starb am 2. April 1999 im Alter von 91 Jahren in Boston. Die Medizinerin hatte sich von einem schweren Schicksal nicht verbittern lassen.


  http://jwa.org/weremember/reyersbach-gertrud 
Sabine Schicke stv. Redaktionsleitung / Redaktion Oldenburg
Rufen Sie mich an:
0441 9988 2103
Meine Themen: Verpassen Sie keine für Sie wichtige Meldung mehr!

So erstellen Sie sich Ihre persönliche Nachrichtenseite:

  1. Registrieren Sie sich auf NWZonline bzw. melden Sie sich an, wenn Sie schon einen Zugang haben.
  2. Unter jedem Artikel finden Sie ausgewählte Themen, denen Sie folgen können.
  3. Per Klick aktivieren Sie ein Thema, die Auswahl färbt sich blau. Sie können es jederzeit auch wieder per Klick deaktivieren.
  4. Nun finden Sie auf Ihrer persönlichen Übersichtsseite alle passenden Artikel zu Ihrer Auswahl.

Ihre Meinung über 

Hinweis: Unsere Kommentarfunktion nutzt das Plug-In „DISQUS“ vom Betreiber DISQUS Inc., 717 Market St., San Francisco, CA 94103, USA, die für die Verarbeitung der Kommentare verantwortlich sind. Wir greifen nur bei Nutzerbeschwerden über Verstöße der Netiquette in den Dialog ein, können aber keine personenbezogenen Informationen des Nutzers einsehen oder verarbeiten.