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NWZonline.de Region Stadt Oldenburg Politik

Behörde verbaut Abiturient die Zukunft

21.05.2015

Oldenburg Er wollte sich eigentlich auf die schriftliche Abiturprüfung konzentrieren. Doch einen Tag vorher öffnete er diesen Brief, in dem stand: „Wir verbauen Ihnen Ihre Zukunft.“ Natürlich waren diese Worte nicht wirklich so dort zu lesen. Aber Martin Qassemi hat den Inhalt so aufgefasst. Nach mehr als einem Jahr Kampf mit bürokratischen Windmühlen (NWZ  berichtete) ist sein Antrag auf Einbürgerung durch die Stadt Oldenburg abgelehnt worden.

Einbürgerung: Ein Leben zwischen zwei Welten

„Ich war enttäuscht und fassungslos“, so der 22-jährige gebürtige Afghane. Dies ist noch die harmlose Beschreibung seiner Gefühlslage. Viel Druck und Ärger hat sich aufgestaut. Das hört man heraus, wenn Qassemi von den Tagen nach der bitteren Nachricht berichtet. Die Menschlichkeit bleibe auf der Strecke, hat er das Gefühl, stattdessen demonstriere die Behörde ihre Macht. Für deren Mitarbeiter „ist es sehr einfach, solche Briefe zu schreiben, aber sie denken nicht darüber nach, wie es den Menschen damit geht“.

Flucht nach Oldenburg: „Ich wollte nur Frieden und Freiheit“

Dabei hatte der junge Mann einen beispiellosen Willen zur Integration an den Tag gelegt. In wenigen Jahren hat er Deutsch gelernt und seine riesigen Wissenslücken in allen schulischen Bereichen von Naturwissenschaft bis Geschichte geschlossen. Er steckt mitten im Abitur am Herbartgymnasium. All das nach einer jahrelangen Flucht ohne Familie aus Afghanistan, inklusive Abschiebungen, Gerichtsverfahren und Gefängnisaufenthalten – obwohl Qassemi noch ein Kind war (die NWZ  berichtete).

Im Einbürgerungsamt zählen solche Erfahrungen nichts. Die Behörde beharrt darauf, dass Qassemi seine Identität nicht eindeutig nachweisen kann. Auf seiner Geburtsurkunde fehlt der Nachname. Er solle doch in seiner früheren Heimat per Anwalt nach seinen Wurzeln fahnden lassen, so das Amt. Für Qassemi ist es völlig unrealistisch, Spuren oder gar Menschen zu finden, die seine Identität beweisen könnten. Schließlich habe er bereits mit sechs Jahren sein Dorf verlassen müssen, mit zwölf flüchtete er aus Afghanistan.

„Ich hatte für die Zeit nach dem Abi viele Pläne.“ Dafür sieht er nun Schwarz. Er wollte vielleicht zum BKA, im Ausland studieren, später mal heiraten und ein Haus kaufen, mit allen Rechten und Pflichten am demokratischen Leben teilnehmen – alles schwierig bis unmöglich, wenn er statt der Staatsbürgerschaft bloß einen Flüchtlingsausweis besitzt.

„Wenn ich meine Mutter und meine Geschwister hier nicht hätte, dann würde ich das nicht so überstehen“, sagt der 22-Jährige. Seine Oldenburger Familie, die ihn bereits vor Jahren aufgenommen und auf seinem Weg stets unterstützt hat, steht ihm auch in dieser schweren Zeit zur Seite. Sie will nicht aufgeben und kämpft weiter für einen positiven Bescheid. Mit einer Petition im Internet appelliert sie an die Landesregierung, sich einzuschalten. Fast 2500 Unterstützer haben diesen Aufruf bereits unterschrieben.


Mehr Infos unter   www.change.org/martin 
Patrick Buck
Redakteur
Redaktion Oldenburg
Tel:
0441 9988 2114

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