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NWZonline.de Region Stadt Oldenburg Politik

„Sie haben aus dem Dreck gefressen“

20.12.2017

Bohlenberge Das Schreiben, mit dem der Familie Franz ein Ende gesetzt werden sollte, ist gerade mal drei Sätze lang: „Auf Befehl des Reichsführers SS vom 16.12.42 – Tgb. Nr. I 2652/42 Ad./RF/V. – sind Zigeunermischlinge, Rom-Zigeuner und nicht deutschblütige Angehörige zigeunerischer Sippen balkanischer Herkunft nach bestimmten Richtlinien auszuwählen und in einer Aktion von wenigen Wochen in ein Konzentrationslager einzuweisen. Dieser Personenkreis wird im nachstehenden kurz als ‘zigeunerische Personen’ bezeichnet. Die Einweisung erfolgt ohne Rücksicht auf den Mischlingsgrad familienweise in das Konzentrationslager (Zigeunerlager) Auschwitz.“ So stand es im sogenannten „Auschwitz-Erlass“ von Heinrich Himmler. Margot Anita Schwarz, geb. Franz, überlebte das Konzentrationslager. Mit Ausnahme ihrer Brüder Anton und Erwin wurde ihre ganze Familie ausgelöscht.

Häftlinge im KZ Auschwitz-Birkenau BILD: DPA

Der Auschwitz-Erlass

Der Auschwitz-Erlass wurde vom Reichsführer SS Heinrich Himmler am 16. Dezember 1942 ausgegeben. Damit wurde die Deportation der im Deutschen Reich lebenden Sinti und Roma angeordnet, die komplett vernichtet werden sollten.

Ein erster Transport traf in Auschwitz am 26. Februar 1943 ein. Bis Ende Juli 1944 waren es etwa 23 000 Menschen, die entsprechend dem Erlass vom 29. Januar 1943 als Familien „möglichst geschlossen“ in das „Familienlager“ verbracht worden waren.

An die 15 000 Menschen aus Deutschland wurden zwischen 1938 und 1945 als „Zigeuner“ oder „Zigeunermischlinge“ umgebracht, davon ca. 10 500 in Auschwitz-Birkenau.

Die Familie Franz war eine Schaustellerfamilie, die zu Beginn des Krieges in Wilhelmshaven lebte. Sie gehörten den Sinti an. Weil Wilhelmshaven im Krieg angegriffen wurde, zog die Familie 1939 nach Bohlenberge um. Dort, im kleinen Dorf, wähnte sie sich in Sicherheit. Der Vater arbeitete in der Kiesgrube, der Bruder bei einem Bauern, Margot Schwarz fing in der Schuhfabrik in Varel an.

„Und dann wurde mein Vater zum Militär eingezogen“, erzählte Margot Schwarz 1992. Und kaum war der Vater in Frankreich, stand die Polizei in Bohlenberge vor der Tür der Familie. „Alles einpacken und mitkommen. Ihr werdet angesiedelt im Osten“, habe es da geheißen. „Wir mussten unsere Sachen zusammen packen, weil sie ja mit Gewehr vor uns standen“, sagte Margot Schwarz.

Es ging nach Bremen in ein Sammellager. Dort traf die Familie auch den Vater wieder. „Da waren wir nur zwei Nächte, dann sind wir auf Transport gekommen, nach Auschwitz, zusammengepfercht in den Waggons.“ Zu essen und zu trinken gab es nichts.

Angst hatte Margot Schwarz damals nicht. Im Gegenteil. Sie war sogar hoffnungsvoll: „Ich war jung, war damals 18 Jahre alt und habe mir keine Vorstellung gemacht von Auschwitz. Wir Kinder haben auch gesungen und gelacht unterwegs, wir wussten ja nicht, was auf uns zukommt. Wir haben gedacht, uns geht es gut, wenn wir dahin kommen.“ In Auschwitz angekommen gingen sie unter dem Torbogen mit dem Schriftzug „Arbeit macht frei“ durch. „Naja, haben wir gedacht, arbeiten ist ja nicht schlimm, wir können ja arbeiten. Wir waren jung und kräftig.“

Erst als sie nach Birkenau ins Zigeunerlager kam und das Krematorium sah, bekam sie eine Ahnung von dem, was ihnen bevorstand. Nach der ersten Nacht in einem alten Pferdestall konnte „unsere Mutter die Läuse von uns nur so abschippen“. Zu essen gab es für die Gefangenen kaum etwas: „Dann kriegte jeder von uns fünf Pellkartoffeln, davon waren drei schlecht. Und die ersten paar Tage hatten wir auch noch gar nicht so einen großen Hunger. Wir hatten ja noch was am Körper. Deshalb haben wir die Kartoffeln noch abgepellt, was wir nachher überhaupt nicht mehr gemacht haben. Ich habe die Schalen rausgeschmissen, da sind die Juden über die Schalen hergefallen. Sie lagen in Kot, in Dreck, und haben sie aus dem Dreck heraus gefressen.“

Nach wenigen Tagen kam die Familie in den Militär-Block, weil Margot Schwarz’ Vater Soldat war. Kurz darauf starb als erste ihre kleine Schwester. Sie war keine fünf Jahre alt.

Auch Margot Schwarz’ Mutter wurde krank. Sie konnte nicht mehr aufstehen und zur Arbeit antreten. Die SS-Leute schlugen sie mit ihren Gewehren zu Tode. Als die Tochter dazwischen gehen wollte, wurde sie bewusstlos geprügelt. In den offiziellen Unterlagen wird als Todesursache eine „Nierenentzündung“ genannt.

Der Familienvater kam in den Krankenbau. Besucht werden durften die Kranken dort nicht. „Ich habe mich aber doch reingeschlichen, er war tot. Er hatte den Mund auf und ich dachte, was hat er da für Schwarzes im Mund? Und ich bin nah rangegangen, da kamen viele kleine Fliegen heraus. Jetzt war ich mit meinen Geschwistern alleine.“ Aber auch ihre Geschwister starben einer nach dem anderen.

Schließlich wurde Margot Schwarz wieder in einen Zug verfrachtet. Es ging ins Durchgangslager Ravensbrück, von dort weiter nach Flossenbürg, wo sie in einer Munitionsfabrik arbeiten musste. Ihre übrigen beiden Geschwister blieben in Auschwitz.

Der Krieg neigte sich dem Ende zu: „Als es brenzlig wurde, haben sie uns alle aus dem Arbeitslager rausgenommen und wollten uns nach Flossenbürg bringen zur Vernichtung. Aber das haben sie nicht mehr geschafft, weil der Amerikaner sie überrascht hat.“ Das war am 24. April 1945.

Margot Schwarz konnte sich aber schon beim Todesmarsch absetzen und unter die Flüchtlinge mischen. Nach der Befreiung machte sie sich zu Fuß auf den Weg nach Oldenburg. Im heutigen Ziegelhofviertel lernte sie Friedrich Schwarz kennen, den sie 1946 heiratete. Das Ehepaar zog in den 1950er Jahren wieder in den Landkreis Friesland.

Von ihren überlebenden Brüdern wusste sie da noch nichts. Dass Anton und Erwin noch am Leben waren, erfuhr sie erst Jahrzehnte später.

2002 – 60 Jahre nach Himmlers „Auschwitz-Erlass“ – starb Margot Schwarz in Oldenburg.


Mehr Infos unter   www.groeschlerhaus.eu 
Christopher Hanraets
Varel
Redaktion Friesland
Tel:
04451 9988 2504

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