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NWZonline.de Region Stadt Oldenburg Politik

Ein Leben zwischen zwei Welten

14.04.2015

Oldenburg Martin Qassemi blättert in einem dicken roten Aktenordner. Der beinhaltet sein deutsches Leben. Persönlichkeit, Gedanken und Erinnerungen lassen sich nicht einfach auf Papier bannen. Doch aus der Sicht des Staates ist eine Person das, was auf genormten DIN-A4-Bögen, ordentlich abgeheftet, ausgedruckt wurde. Martin Qassemi, Flüchtling aus Afghanistan, wäre gerne ein Teil dieses Staates. Doch das entscheidende Schriftstück fehlt: Seit einem Jahr wartet er auf die Erteilung der deutschen Staatsbürgerschaft. „Ich lebe gerne hier“, sagt Qassemi. „Ich habe hier so viele nette und liebe Menschen kennengelernt und ich fühle mich inzwischen wie ein Deutscher und wie ein Teil der Gesellschaft.“ Glück hatte er, von der Oldenburgerin Ruth Bensmail und ihrer Familie wie ein Sohn aufgenommen worden zu sein. Ganz selbstverständlich nennt der 22-Jährige sie Mama. Doch dass der bürokratische Teil seiner neuen Heimat es ihm nun so schwer macht, endgültig zu Hause zu sein, enttäuscht ihn.

Bildungslücken gefüllt

Dabei hatte er nach einer ungeheuren Leidenszeit einen beispielhaften Integrationsweg eingeschlagen (die NWZ  berichtete). Mit 13 Jahren verlor Qassemi seine Familie und musste aus Afghanistan fliehen. Es folgte eine Odyssee durch zahlreiche europäische Länder mit Gefängnisaufenthalten, Abschiebungen und unfassbaren Qualen. Erst mit 15 Jahren kam das Glück zurück, als ihn ein Anwalt aus dem Gefängnis in Hannover holte und ein Asylverfahren eingeleitet werden konnte. Über das damalige Asylbewerberheim Blankenburg gelangte Qassemi dann an seine heutige Familie. In wenigen Jahren füllte der junge Mann seine Bildungslücken auf und steht heute kurz vor dem Abitur am Herbartgymnasium. In einer Gesellschaft, die Menschen der Einfachheit halber gern in Schubladen verortet, ist Qassemi also auf dem besten Weg, ein so genannter Leistungsträger zu werden, die Deutschland doch so dringend benötige.

Doch auf seinen beantragten Pass wartet er bis heute. Ohne ihn muss er seine Zukunftsträume, wie ein Studium im Ausland oder die Ausbildung bei der Polizei, begraben. Dabei versichern Qassemi und seine Familie, stets alle Papiere schnell und vollständig bei der Stadt eingereicht zu haben. Bewegung in den Fall kam aber immer nur dann, wenn gezielt und mehrfach nachgefragt wurde.

Kontakt zur Botschaft

Im Moment hakt es vor allem an einer Stelle: In der afghanischen Abstammungsurkunde, dem einzigen Stück Papier, mit dem Qassemi vor rund zehn Jahren aus seinem Geburtsland floh, ist sein Nachname nicht verzeichnet. Es fehlt somit der eindeutige Identitätsnachweis. Eine eidesstattliche Versicherung wurde nicht anerkannt. Stattdessen kamen wenig hilfreiche Tipps: So solle er doch nach Afghanistan reisen, um Menschen zu finden, die Qassemi identifizieren könnten.

Inzwischen dümpelt der Antrag irgendwo im Beziehungsgeflecht zwischen der Stadt, der Landesaufnahmebehörde und der afghanischen Botschaft. Martin Qassemis Familie versteht nicht, warum es bei so viel Integrationswillen und so viel Unrecht, welches dem jungen Mann in der Vergangenheit (auch in Deutschland) widerfahren ist, keinen Ermessensspielraum bei der Bearbeitung gibt. „Dabei möchte Martin ja auch die Pflichten und nicht nur die Vorteile der Staatsbürgerschaft“, meint Schwester Nasira. Stadtsprecher Reinhard Schenke bestätigt, dass man in Kontakt mit der afghanischen Botschaft stehe. Einen Zeitpunkt, bis zu dem der Antrag abschließend bearbeitet werde, könne er allerdings nicht nennen. „Eine zügige Entscheidung ist das, was wir anstreben“, verspricht er. Für die Familie Bensmail wäre dies ein Segen. Denn das Thema drückt bei jeder Zusammenkunft am Küchentisch die Stimmung.

Qassemi, der sich auf seine Abiturprüfungen konzentrieren muss, hat die Frage, ob er für immer in Deutschland bleiben darf, stets im Hinterkopf. Es fehlt das entscheidende Schriftstück, um seinen roten Aktenordner – und damit sein Leben – endlich zu komplettieren.

Patrick Buck Redakteur / Redaktion Oldenburg
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