• Jobs
  • Immo
  • Auto
  • Kleinanzeigen
  • Trauer
  • Hochzeit
  • Guide
  • Shop
  • Tickets
  • nordbuzz
  • Fußball
  • Werben
  • Kontakt
 
NWZonline.de Region Stadt Oldenburg Politik

Jahrzehnte Frauengeschichte geschrieben

24.07.2018

Eversten Die Nummer 473 wird dieser Tage aus dem Vereinsregister des Amtsgerichts Oldenburg gelöscht. Und das stimmt Eva Herrmann-Lejeune traurig. Seit dem 28. April 1949 war der „Überparteiliche Oldenburger Frauenring“ dort eingetragen und zeugte amtlich davon, dass sich in dieser Stadt in der jungen Bundesrepublik Deutschland Frauen aller Parteien und Professionen für ihre Belange einsetzen wollten.

Und nicht nur das, sie wollten sich auch in die Stadtpolitik einmischen. Eva Herrmann-Lejeune, früher Leitende Direktorin bei der Landwirtschaftskammer, stand als Vorsitzende von 1996 bis 2000 an der Spitze des Frauenrings. Damals engagierten sich in dem Verein mehr als 500 Frauen, die sich regelmäßig trafen, Bildungsreisen unternahmen, eigene Seminare, Wahldiskussionen und Veranstaltungen anboten. „Alles ehrenamtlich, versteht sich“, sagt Eva Herrmann Lejeune. Die heute 91-Jährige blickte während der Auflösungsversammlung auf die Geschichte des Frauenrings zurück, der sich am 5. September 1947 gegründet hatte.

Erste Frau Im Stadtrat

Als Frau der ersten Stunde zählte auch Margarete Gramberg (1895-1968) dazu. Die engagierte Demokratin und Donnerschweerin saß schon vor 1933 im Oldenburger Stadtrat, war jedoch von den Nazis mundtot gemacht worden. Sie gehörte zu den Mitbegründerinnen der FDP und wurde im Nachkriegs-Oldenburg im Herbst 1946 als erste Frau in den Stadtrat gewählt. Außer ihr unterschrieben neun Gründungsfrauen: Liselotte Wilhelm, Elisabeth Junack, Elfriede Hartung, Marga Hilbers, Frieda Rudolph, Erna Grosselar, Else Doemelt, Charlotte Korte und Eva Mücke. Zu den Vorbereitungen traf man sich damals übrigens regelmäßig bei den Quäkern am Theaterwall 48.

Nach der öffentlichen Gründungsversammlung in der Aula des Alten Gymnasiums tragen sich am Abend des 5. September 1947 insgesamt 70 Frauen in die Mitgliederliste ein und zahlen 50 Pfennig Beitrag pro Monat. Auf der Versammlung hatte übrigens auch Willa Thorade (1871-1962) für den Frauenring gesprochen, die aus dem Kreis um die Oldenburger Frauenrechtlerin Helene Lange (1848-1930) kam.

„Am Anfang ging es natürlich vor allem darum, auch die soziale Not zu lindern“, erinnert sich Eva Herrmann-Lejeune an die Erzählungen der Gründungsfrauen. Sie selbst sei damals noch nicht dabei gewesen. Als Beispiel nennt sie die Altwarenverkaufsstelle nach der Währungsreform nach dem Motto „Der eine bringt’s, der andere kauft’s“. Die Stadt verzichtete auf Miete, und der Frauenring durfte diesen Laden im Rathaus II einrichten.

Zum ersten Deutschen Frauenkongress nach dem Zweiten Weltkrieg und der Gründung des Deutschen Frauenrings am 9. Oktober 1949 entsandten die Oldenburgerinnen 20 Frauen, die – wie die anderen auch – die Niedersächsische Regierungspräsidentin Theanolte Bähnisch (1899-1973) in Bad Pyrmont zur ersten Vorsitzenden wählten.

In der Satzung des Frauenrings waren auch die Themen Gleichstellung der Frau, Erziehung und Bildung, Arbeitswelt sowie die Bedeutung von Familienarbeit verankert. Sie verurteilten Gewalt gegen Frauen und Kinder, forderten verbesserte Lebensbedingungen für Familien. In Oldenburg wurden in den 50er und 60er Jahren von den Frauen viele Päckchen und Pakete gepackt und in die damalige sowjetisch besetzte Zone, später dann in die DDR versandt.

20 Jahre lang – von 1960 bis 1980 – lenkte Anneliese Spörel als erste Vorsitzende die Geschicke der Ortsgruppe Oldenburg des Frauenringes. „Mit den veränderten Zeiten veränderten sich auch die Themen“, erklärt Eva Herrmann-Lejeune. Gesellschaftspolitische Themen wurden etwa auch im Jahr 1968 im sogenannten „Mittwochs-Klub“ diskutiert. Eine der Leiterinnen war die langjährige Oldenburger SPD-Ratsfrau Friedel Oelrichs. „Das staatsbürgerliche Engagement, das Mitdenken und Informiert-Sein war uns immer wichtig“, erzählt die 91-Jährige. Diskutiert wurde über Änderungen des Ehescheidungsgesetzes, Paragraf 218, Gesundheitsreformen, EU-Entwicklung und vieles mehr. Eingeladen wurde während der Jahre auch zu zahlreichen öffentlichen Podiumsdiskussionen vor den Wahlen. Doch auch das Einmischen in stadtgesellschaftliche Themen, ob es nun um Frauentaxis, Kinderbetreuung oder die Pflasterung auf dem Marktplatz ging. Literatur- und Kunstkreise, das Singen oder Kegeln, und auch das Wandern und Reisen bereicherten das Programm.

1980 wurde Ilse Barkhau zur Vorsitzenden gewählt, der Verein wuchs und gedieh: 1986 unterschreibt eine Frau als 400. Mitglied den Aufnahmeantrag. Neue Themen kommen auf die Agenda: Die EU und ihre Aufgaben, Energieversorgung, Umweltschutz und künstliche Intelligenz. Dazu werden auch Reisen mit Bildungsprogramm unternommen. „Das war ein schöner sozialer Zusammenhalt“, erinnert sich Eva Herrmann-Lejeune, „über die Jahre entwickelten sich ja auch zahlreiche Freundschaften.“

Alleinstehenden älteren Frauen hilft man ganz unbürokratisch und selbstverständlich, wenn sie erkranken, nicht mehr einkaufen können oder Unterstützung brauchen.

Gemeinsam mit der Universität entwickelte man die ersten Berufsrückkehrerinnen-Kurse mit dem Titel „Neuer Start ab 35“, um Frauen nach der Babypause oder Kindererziehungsphase die Rückkehr ins Berufsleben zu ermöglichen. Nach dem Fall der Mauer rückt die Wiedervereinigung in den Blick, in thematischen Diskussionen über Wirtschafts- und Sozialpolitik, aber auch ganz real bei Studienfahrten nach Leipzig und Dresden.

Eva Herrmann-Lejeune übernimmt den Vorsitz 1996, ein Jahr darauf wird das 50-jährige Bestehen gefeiert. Mehr als 500 Frauen treffen sich nun regelmäßig. Vier Frauen aus den Reihen des Frauenrings sind bis dahin für ihren Einsatz mit dem Bundesverdienstkreuz geehrt worden: Anneliese Spörel (1978), Gertrud Nitzsche (1982), Annemarie Merten (1983) und Ilse Barkhau.

Team an der Spitze

Noch zwei Jahrzehnte diskutieren sie mit, engagieren sich sozial, politisch und kulturell. Als Vorsitzende folgen Sigrid Ramsauer und Dr. Inge Bussenius, ehe sich dann keine Vorsitzende mehr findet und sich ein Team die Arbeit an der Spitze teilt. Sie alle im Frauenring werden nicht jünger. Junge Frauen rücken kaum nach. 2018 fällt der Beschluss, die Ortsgruppe Oldenburg des Frauenrings aufzulösen. Sie treffen sich ein letztes Mal. Ohne Tagesordnung. Spontan steht Eva Herrmann-Lejeune auf und improvisiert, wer sie sind und woher sie einst kamen. „Mit Leidenschaft etwas aufzubauen ist immer leichter als etwas zu halten und weiterzubringen“, räsoniert sie. Die Löschung der Nummer 473 beim Amtsgericht dauert etwas. Aber dann ist die Ortsgruppe Oldenburg des Frauenrings Geschichte. Allein Archive und das Internet bewahren die Erinnerung.


     www.dfr-oldenburg.de 
Sabine Schicke stv. Redaktionsleitung / Redaktion Oldenburg
Rufen Sie mich an:
0441 9988 2103
Meine Themen: Verpassen Sie keine für Sie wichtige Meldung mehr!

So erstellen Sie sich Ihre persönliche Nachrichtenseite:

  1. Registrieren Sie sich auf NWZonline bzw. melden Sie sich an, wenn Sie schon einen Zugang haben.
  2. Unter jedem Artikel finden Sie ausgewählte Themen, denen Sie folgen können.
  3. Per Klick aktivieren Sie ein Thema, die Auswahl färbt sich blau. Sie können es jederzeit auch wieder per Klick deaktivieren.
  4. Nun finden Sie auf Ihrer persönlichen Übersichtsseite alle passenden Artikel zu Ihrer Auswahl.

Ihre Meinung über 

Hinweis: Unsere Kommentarfunktion nutzt das Plug-In „DISQUS“ vom Betreiber DISQUS Inc., 717 Market St., San Francisco, CA 94103, USA, die für die Verarbeitung der Kommentare verantwortlich sind. Wir greifen nur bei Nutzerbeschwerden über Verstöße der Netiquette in den Dialog ein, können aber keine personenbezogenen Informationen des Nutzers einsehen oder verarbeiten.