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NWZonline.de Region Stadt Oldenburg Politik

Filme und Fotos als Balsam für die Seele

04.03.2017

Oldenburg Um Muhanad Mhisens Mundwinkel spielt sich ein freundliches Lächeln. Der 35-jährige Syrer behält diese positive Mimik, selbst wenn er davon erzählt, dass es seine Mutter und seine Brüder nach Großbritannien, Irland und in die Niederlande verschlagen hat. Nur sein 80 Jahre alter Vater lebt noch im Heimatort der Familie vor den Toren der syrischen Hauptstadt Damaskus. Muhanad Mhisen, ein Gegner des Assad-Regimes, war drei Jahre auf der Flucht. Seit 18 Monaten ist er in Oldenburg, seine erste Station war die Gemeinschaftsunterkunft auf dem Fliegerhorst, dann wurde er zum Schützenweg umquartiert. Seit ein paar Tagen hat er eine eigene Wohnung, berichtet er stolz. „Die Menschen sind sehr nett zu mir, es ist toll hier“, lächelt Mhisen.

Man merkt ihm nicht an, wie viel Leid und Zerstörung er gesehen hat. Mhisen lässt Bilder sprechen. Er hat mit seiner Digitalkamera das dramatisch Erlebte dokumentiert. Es sind verwackelte Videoaufnahmen aus Azaz, einer Stadt in der Nähe von Aleppo im Norden Syriens. Muhanad Mhisen war mittendrin in einem Luftangriff der syrischen Armee, die ein belebtes Wohnviertel bombardierte. Man hört den Einschlag, sieht die Rauchsäule. „Bleib an der Wand!“, zischt ihm ein Begleiter zu.

Chaos nach Luftangriff

Auf der schützenden Mauer haben Regime-Anhänger „Assad oder niemand“ gesprüht. Mhisen filmt das Chaos: hektisch hupende Autos, schreiende Menschen, schwelende Trümmer. Man sieht im grauen Dunst Helfer, die Kinder aus einem zerstörten Haus tragen. Man erkennt mit Tüchern bedeckte Leichen. Mhisen wird beschimpft: „Die Menschen sterben – und Du nimmst sie auf!“

Doch er filmt weiter. „Ich musste das festhalten. Ich wollte die Geschichte weitererzählen.“ Auch auf weiteren Stationen der Flucht lässt er die Kamera laufen und geschundene Menschen sprechen. Über unwürdige Zustände in einem in Matsch und Dreck versinkenden Flüchtlingscamp an der türkisch-syrischen Grenze. Er zeigt demoralisierte Landsleute, die sich von der Welt vergessen und im Stich gelassen fühlen, und Kinder, die schildern, wie in ihrer Heimat direkt neben ihnen Granaten einschlugen. Nun spielen sie in der überfüllten Zeltstadt mit aus Lehmklumpen geformten Panzern.

Sein Videomaterial brachte der 35-Jährige, der in Syrien Geschichte studiert hat, mit nach Oldenburg. Dass daraus nun ein echter Dokumentarfilm geworden ist, ist Farschid Ali Zahedi zu verdanken. Der Vorsitzende des Vereins „Werkstattfilm“ hatte eine 30 Veranstaltungen umfassende Reihe unter dem Titel „Meine Stimme hat keine Heimat“ zu den Themen Flucht, Verantwortung und Heimat initiiert. Dazu gehörte auch ein Workshop, in dem Muhanad Mhisen die Möglichkeit bekam, seine Aufnahmen zu bearbeiten.

Mhisens Film, der den Titel „Für diesen Baum wurde sich viel Mühe gegeben” trägt, wird an diesem Sonntag, 5. März, ab 18 Uhr im Kinoladen (Wallstraße 24) gezeigt. Außerdem werden beeindruckende Fotos ausgestellt, mit denen der Syrer den Alltag in den Oldenburger Gemeinschaftsunterkünften dokumentiert hat. Weitere Workshop-Ergebnisse, die bis zum 19. März gezeigt werden, sind Fotos, die Ali Azad und Ali-Adel Yusfi mit ihren Smartphones während ihrer Flucht gemacht haben. „Die kreative Auseinandersetzung ist für die Betroffenen wichtig, um die Erlebnisse zu verarbeiten und Ängste zu überwinden“, sagt Werkstattfilm-Macher Zahedi. Und für Oldenburger eine Hilfe, um Verständnis für Flüchtlingsschicksale zu entwickeln.

Angst vor Assads Rache

Wie es mit Muhanad Mhisen weitergeht, ist offen. Er hat erfolgreich einen Deutsch-Kurs und eine Weiterbildungsmaßnahme in Sachen Mediengestaltung absolviert. Er hofft auf die Anerkennung seines Asylantrags, über den noch nicht entschieden wurde: „Dann bekäme mein Leben wieder eine Perspektive.“ Wenn er seinen eigenen Film sieht, spürt er „Wut“ in sich aufsteigen. Zurück nach Syrien will er auf keinen Fall: „Das Assad-Regime würde sich an mir rächen.“ Als er das sagt, verschwindet das Lächeln aus seinem Gesicht.


Mehr Infos unter   www.werkstattfilm.de 
Stephan Onnen Redakteur / Redaktion Oldenburg
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