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NWZonline.de Region Stadt Oldenburg Politik

Keine normale Gedenkstätte

06.12.2014

Oldenburg /Guthmannshausen Die Berichte über die Teilnahme von Imke Barnstedt („Berliner Zimmer“) an einer Veranstaltung Anfang August in Guthmannshausen haben ein lebhaftes Echo ausgelöst. Zahlreiche Leser äußerten ihre Empörung über den Schulterschluss der Oldenburger Schauspielerin (71) mit Holocaust-Leugnern.

Feldmanns Recherche, dass es bei der „Gedächtnisstätte“ im thüringischen Guthmannshausen keinesfalls um ein herkömmliches Vertriebenendenkmal handelt, werden von Stephan Scholz bestätigt. Der Oldenburger Historiker hat sich in einem Forschungsprojekt der Deutschen Forschungsgemeinschaft an der Universität Oldenburg mit Vertriebenendenkmälern befasst.

Vertriebene auf Distanz

„Nicht nur die öffentliche Hand, auch der Bund der Vertriebenen (BdV) war an der Errichtung der Gedenkstätte nicht beteiligt“, teilt Scholz, der seine Forschungsergebnisse in Kürze als Buch veröffentlicht, mit. Vorstandsmitglied des „Vereins Gedächtnisstätte“ sei das frühere BdV-Präsidiumsmitglied Paul Latussek. Latussek habe 2011 nach Relativierungen des Holocaust das BdV-Präsidium wegen verbandsschädigendem Verhalten verlassen und sei 2005 wegen Volksverhetzung verurteilt worden, berichtet Scholz. Nur geladene Gäste hätten an der Einweihung der rechtsextremen Pilgerstätte teilnehmen können. „Der politische Hintergrund dürfte keinem dieser Gäste unbekannt (...) gewesen sein.“

Falsche Opferzahlen

In Guthmannshausen werde die Geschichte der Vertriebenen umgedeutet, erklärt der Wissenschaftler. Opferzahlen auf den Gedenksteinen seien überzogen: So würden aus maximal 30 000 Toten während der Aussiedlung aus der Tschechoslowakei 273 000. Hintergründe der deutschen Kriegs- und Nachkriegsopfer würden ausgeblendet.

Die Warnungen vor einer Verharmlosung von Guthmannshausen finden allerdings nicht überall Gehör. In einer Reihe von Zuschriften an die NWZ wird die Veranstaltung als normales Vertriebenen-Treffen beschönigt. Von ihnen musste sich der Autor des NWZ-Berichts, Julian Feldmann, nicht nur Beschimpfungen anhören. In einer Mail, die der NWZ  vorliegt, werden „werte Freunde“ sogar aufgefordert, „diese Schmeißfliege mit handfesten Argumenten von der Widerlichkeit seines Tuns“ zu überzeugen.

Absender dieser Rundmail ist Robert Steinert aus Mengerskirchen (Hessen). Seinem Aufruf zur Gewalt fügt Steinert Foto und Anschrift des NWZ -Autors bei. Feldmann beobachtet als freier Journalist vor allem rechtsextreme Aktivitäten in Deutschland.

Steinert hängt in der Öffentlichkeit ein bürgerliches Mäntelchen um. In einem „Leserbrief“ an die NWZ  äußert er sich „bestürzt“ über die Berichte, die ihm ein „Theaterfreund“ übermittelt habe.

Aufruf zur Gewalt

Bei der „würdigen Andacht“ in Guthmannshausen sei „kein einziges Wort über politische Themen gefallen“, schreibt Steinert. Existenz und Lebenswerk einer „einmaligen Schauspielerin“ seien leichtfertig vernichtet worden. Von seinem Aufruf zur Gewalt gegen den NWZ -Autor an „werte Freunde“ findet sich in diesem sogenannten Leserbrief indes kein Wort. Weil sich die NWZ -Redaktion nicht auf derart plumpe Art instrumentalisieren lassen möchte, verzichten wir auf den Abdruck.

Christoph Kiefer Redaktionsleitung / Redaktion Oldenburg
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