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NWZonline.de Region Stadt Oldenburg Politik

Einmarsch der Kanadier hautnah erlebt

12.02.2020

Oldenburg Die Stadt ist im Zweiten Weltkrieg zwar von großen Zerstörungen verschont geblieben, doch gab es kurz vor Kriegsende einige große Angriffe auf strategische Ziele. Getroffen wurden das Bahnhofsviertel, die Umgebung der GEG (heute Alte Fleiwa) und die Hindenburg-Kaserne, woran sich Hella Uven noch genau erinnert. 15 Jahre alt war die 90-Jährige damals und wohnte mit ihrer Familie in der Cloppenburger Straße 397. „In drei Angriffswellen kamen die Bomber aus Richtung Wardenburg“, erzählt sie. Getroffen wurde aber nicht nur die Kaserne, sondern auch Häuser hinter dem Klingenbergplatz, am Alten Postweg, an der Cloppenburger Straße und die Klävemannsiedlung. Fünf Tote forderte der Angriff. Sie selbst überlebte mit ihren Geschwistern im Keller, der mit Balken zusätzlich abgestützt war. Als der Angriff vorbei war, trauten sie sich wieder hinaus. Hella Uven: „Die Mauern unseres Hauses standen noch, aber das Dach war weggeflogen. Im Garten fanden wir einen Blindgänger – eine Luftmine. Auf der Cloppenburger Straße lagen die Drähte der Trolleybusse herum – ein riesiges Durcheinander um uns herum.“ Später flogen Aufklärungsflugzeuge über Kreyenbrück hinweg, um zu kontrollieren, was getroffen worden war. Hella Uven überlebte den Krieg, der wenige Tage später am 3. Mai 1945 zu Ende ging, in Oldenburg. Sie arbeitete später bei der Post.

Nachricht aus dem Radio

Das Kriegsende hat Anne Maurischat (84) als Zehnjährige erlebt. Sie schreibt: „Es war ein ganz normaler Wochentag, es klang aus dem Radio – dies war zu der Zeit die einzige Informationsquelle – dass der ,tausendjährige’ Krieg zu Ende sei. Am besagten Tag standen wir, die gesamte Familie, bestehend aus Opa, Mama, meinem Bruder und mir, vor unserem Haus am Herrenweg. Opa hängte noch schnell ein weißes Laken aus dem Fenster und mit Herzklopfen sahen wir einige Soldaten, es waren Kanadier, mit langen Minensuchgeräten auf uns zukommen. Dahinter kamen sie mit kleinen Panzern, beladen mit Weißbroten, Schokolade usw. Die Besatzer schenkten uns Kindern großzügig von diesen lang entbehrten Schätzen, ein Soldat gab mir sogar sein Maskottchen!

Die Bewohner des Lefferswegs, eine Verbindungsstraße von Herrenweg und Bremer-Heerstraße, mussten ihre Häuser verlassen, weil die Kanadier sie als Quartier nutzen wollten. Um 22 Uhr war Sperrstunde und weil wir Kinder uns dort noch spät herumtrieben, brachten uns zwei Kanadier nach Hause. Ich sehe es noch heute vor mir: Eine lange Reihe Kinder Hand in Hand und am Anfang und am Ende der Schlange je ein Soldat.

Während dieser Zeit fiel im Winter ganz oft die Schule aus, es gab kein Heizmaterial. Deshalb mussten wir später ein ganzes Schuljahr nachholen. Vor jedem Haus befand sich ein Schützengraben, in den wir uns bei Alarm begeben sollten. Wir konnten es kaum glauben, aber in einem solchen Schutzgraben wurde meine Tante Marta von einer Phosphorbombe getötet. Wir Kinder schliefen während dieser Zeit im Keller. Papa hatte das Kartoffellager verlängert, so dass die Matratzen hineinpassten. So brauchten unsere Eltern uns Kinder nachts bei Fliegeralarm nicht zu wecken. Das fand ich natürlich prima, denn Lumpi, unser Hund, durfte dieses Nachtlager mit uns teilen.(...) Ich bin dankbar, dass wir 75 Jahre lang ohne Krieg in Deutschland leben konnten.“

Häuser ohne Keller

„Am Schloßplatz lebten wir in kleinen Häusern, die keine Keller hatten. Bei Fliegeralarm flüchteten wir zum Verwaltungsgericht gegenüber am Schloßplatz. Da gab es einen gassicheren mit einer Stahltür geschützten Keller“, erinnert sich Kurt Döding (84). Der orthopädische Schuhtechniker hilft heute noch im Geschäft aus, das mittlerweile von seinem Sohn geführt wird. Ein alteingesessenes Geschäft, das, 1920 gegründet, also auch schon vor und während des Zweiten Weltkrieges existierte. Die letzten drei Monate vor Kriegsende am 3. Mai haben sie die Nächte in diesem Keller verbracht, in den sich auch die Nachbarn flüchteten.

Im Eversten Holz befand sich laut Döding ein Hochbunker, aus dem die NSDAP-Kreisleitung Oldenburg-Stadt über Rundfunk vor Angriffen warnte. „Achtung, Achtung, wir geben eine Luftlagemeldung heraus. Über Groningen sind Bomberverbände im Anflug“, schallte es aus den Volksempfängern. Für die Oldenburger das Signal, schnell in den Luftschutzkeller zu laufen. „Wir wussten ja nicht, ob Oldenburg das Ziel der Bomber ist – oder doch Bremen oder Hamburg wie sonst immer“, erzählt Döding. Auch an den Angriff auf den Hauptbahnhof vom 21. April 1945 hat er lebhafte Erinnerungen. In den Häusern hatten sie in den Obergeschossen die Oberlichter der Fenster geöffnet, damit die Druckwelle die Scheiben nicht zerstörte: „Als wir aus dem Keller zurückkehrten, waren die Fenster oben unversehrt geblieben, die Scherben des Schaufensters im Erdgeschoss waren aber über den Gehweg verstreut.“ Auch der Artilleriebeschuss am 2. Mai 1945 hat sich eingeprägt. Genauso wie die Luftangriffe, als die Piloten den Schlossplatz beschossen und er mit seinen Freunden in den Eiben spielte. Die wurden erst vor ein paar Jahren für die Neugestaltung des Platzes gefällt.

Das Kriegsende erlebte er hautnah mit, als die kanadischen Soldaten mit vorgehaltenen Gewehren an den Hauswänden entlang Richtung Lambertikirche vordrangen – ohne auf Widerstand zu stoßen. „Einer gab mir einen Marmeladenkeks – ein Genuss“, erinnert sich Döding weiter. Später durchsuchten die Männer die Häuser nach Schnaps und Schmuck. Einmal schütteten sie den Inhalt der Weckgläser aus. Döding: „Meine Mutter und ich hatten die Fläche vor dem Schloss, wo heute die Kanone steht, in einen Gemüsegarten verwandelt und auch Kartoffeln angebaut. Das war in den Notzeiten durchaus erwünscht.“

Im zarten Alter von neun Jahren musste Döding zum Jungvolk und wurde auf dem Schlossplatz militärisch gedrillt. Auch wurden sie zur Cloppenburger Straße/ Ecke Stedinger Straße geführt, um sich die an den Laternen erhängten „Deserteure“ anzuschauen. Döding: „Den Anblick habe ich mein ganzes Leben lang nie vergessen.“

Thomas Husmann Redakteur / Redaktion Oldenburg
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