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NWZonline.de Region Stadt Oldenburg Politik

Oldenburger küren ihren Grünkohl-Botschafter in Brüssel

28.02.2018

Oldenburg /Berlin Aufgewärmt schmeckt der Grünkohl bekanntlich am besten. Dementsprechend überschaubar war der Aufwand für den örtlichen Küchenchef, der die im Traditionslokal Bümmersteder Krug vorbereitete Spezialität nur noch auf Temperatur bringen musste. Heikelste Aufgabe blieb daher die Überwachung der Küchentür, die für möglichst viele Menschen verschlossen bleiben sollte. Der Grund: Grippesaison.

Hier finden Sie Videos mit Interviews und Festreden vom Abend

Der Gefahr, mit dem Grünkohl als Wirtsträger die gesamte politische Klasse für Tage ans Bett zu fesseln, wollte man in ohnehin regierungsarmen Zeiten von vorne herein aus dem Weg gehen. Dementsprechend war in der Küche nur gestattet, wer unbedingt dort sein musste, damit der Grünkohl den Weg zu den Gästen finden konnte.

*

Dafür sorgten dann souverän die rund 40 Gastronomie-Fachschüler der BBS III. Mit viel Freundlichkeit und Geschick drapierten sie Kochwurst und Pinkel auf den Tellern der prominenten Gäste. Unerschrocken stellten sie sich der Gefahr, dass die rollfähige Fleischbeilage beim gefürchteten Tablettschiefstand den Weg Richtung Fußboden oder – noch schlimmer – auf Anzughose oder Kostümrock der Gäste nehmen könnte. Dass dieses Szenario ausblieb, ist als Zeichen zu werten, dass die BBS um Ausbilderin Ingrid Tapken die richtigen Kandidaten für die Fahrt nach Berlin ausgewählt hatte. „Ich bin begeistert, das haben alle toll gemacht“, schwärmte sie zu später Stunde. Zumal viele aus ihrer Reisegruppe gerade einmal im ersten Lehrjahr seien. Dann beim Oldenburger Promi-Dinner so fehlerfrei zu arbeiten, bringe viel Selbstbewusstsein. „Die Schüler sind hier gewachsen“, war sich Tapken sicher.

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Das bestätige Lisa-Marie Lecki, die im Cloppenburger Lokal „Bernay’s“ zur Fachkraft im Gastgewerbe ausgebildet wird. Schon bevor die Gäste eintrafen, hatte die 25-Jährige der Aufgabe ganz locker entgegengeblickt. Wenn bei der Kohlmajestät aus Versehen etwas auf der Hose lande, „dann ist das halt so“, hatte sie gescherzt. Dass ihr das nicht passierte, darüber war sie dann doch ganz froh. Sehr erfahrungsreich sei der Abend gewesen, „und gar nicht so stressig, wie ich mir das vorgestellt hatte.“

Ihre Kollegin Feline Logemann, die sich in der Ausbildung bei „Müller & Egerer Konditorei und Bäckerei“ befindet, war der gleichen Meinung und sprach allen Azubis aus ihrer Branche die Empfehlung aus, sich für diesen besonderen Arbeitseinsatz zu bewerben. „Ich würde das noch einmal machen“, sagte die 18-Jährige.

*

Pro

In Berlin

bleiben

Patrick Buck

Wenn das Gröönkohl-Äten nicht erfunden worden wäre, müsste man es erfinden, hat Niedersachsens Umweltminister Olaf Lies am Montag zwischen zwei Gabeln Grünkohl gesagt. Recht hat er. Dass ein im deutschlandweiten Maßstab eher kleines Licht wie Oldenburg sich über Jahrzehnte eine feste Bühne im Herzen des Machtzentrums Berlin erarbeitet hat, ist schließlich ein Pfund.

Natürlich kann man Pech haben wie in diesem Jahr, in dem viel Polit-Prominenz im Groko-Gerangel andere Termine vorgezogen hat. Und dass dem Fest ein paar Veränderungen gut tun könnten, zum Beispiel mehr Otto-Normal-Oldenburger an den Tischen, ist nicht zu bestreiten. Doch deshalb die Fahrt in die Hauptstadt insgesamt infrage zu stellen, wäre falsch. Die Chance auf gute Jahre mit vielen Machern aus dem Berliner Politikbetrieb und damit ebenso vielen wertvollen Kontakten für die lokalen Entscheidungsträger wäre für immer vorbei. Denn mehr als bloß einen prominenten Kohlkönig würde man wohl kaum an die Hunte locken.

Vertan wäre zudem die Chance, durch die für Außenstehende kuriose Tradition deutschlandweit Aufmerksamkeit zu erlangen. Wie am vergangenen Freitag in der „Heute-Show“ im ZDF, in der Peter Altmaier als Kohlmajestät auftauchte. Wer weiß, wie viele Zuschauer danach neugierig googelten und auf den Seiten der Kohltour-Hauptstadt landeten.

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Es ist gute Tradition beim Defftig Ollnborger Gröönkohl-Äten, dass im Sinne des Netzwerk-Gedankens die Tische in ihrer Sitzordnung bunt zusammengewürfelt werden. Jeweils ein Mitglied des Oldenburger Rates tritt an seiner Tafel als Gastgeber auf, begrüßt offiziell die Sitznachbarn und sorgt natürlich dafür, dass jeder seinen Löffeltrunk bekommt – und vor allem austrinkt.

Wer wen umsorgt, das ist stets eine kleine Überraschung. Wie der Everster Ratsherr Hans-Georg Heß (CDU) erzählte, wurden auch diesmal die Umschläge mit den Tischbesetzungen während der gemeinsamen Busreise in die Hauptstadt verteilt. „Dann wird erst mal wild gegoogelt“, berichtete Heß. Denn selbst erfahrene Netzwerker können nicht jedem Namen ein Gesicht und eine Funktion zuordnen. Und die Blöße, als gastgebender Repräsentant der Stadt die Frage „Wer sind Sie denn?“ stellen zu müssen, wollte sich natürlich niemand geben.

*  Neben Diesel-Fahrverboten, CDU-Parteitag und SPD-Mitgliederentscheid gab es im Tischgespräch natürlich noch ein weiteres wichtiges Thema: die neue Oldenburg-Hymne „Kinder des Nordens“. Das Lied entstand bei einer NWZ-Aktion mithilfe vieler Leservorschläge für Melodien und Textzeilen.

Die Endfassung aus der Feder von Oliver Lucas wurde am vergangenen Wochenende bei der Musik-Show „Classic meets Pop“ vorgestellt. „Das Lied gefällt mir sehr gut, das wird am Wochenende bei unserer Kohltour auf jeden Fall gespielt“, lobte CDU-Ratsherr Christoph Baak. Auch CDU-Bundestagsabgeordnete Astrid Grotelüschen konnte sich für das eingängige Lied über das Oldenburger Land begeistern. „Hansi“ Heß konnte sich sogar vorstellen, mit dem neuen Stück beim Gröönkohl-Äten die Traditionshymne „Heil dir, o Oldenburg“ zu ersetzen.

Ob er mit dieser Idee offene Türen einrennt, ist allerdings fraglich. Schon der Versuch einer unangekündigten Neufassung des alten Liedes durch die Sängerin Annie Heger vor zwei Jahren hatte – um es freundlich zu formulieren – für mäßige Begeisterung gesorgt. Als Moderatorin von „Classic meets Pop“ hatte sie am Wochenende noch einmal an diese Episode erinnert. „Aber seit einem halben Jahr redet der Oberbürgermeister wieder mit mir.“

*  Jungen Talenten wird beim Kohlessen eine große Bühne bereitet: Die Formation „Jazz Koalition“ der städtischen Musikschule unterhielt die Gäste in der Landesvertretung mit gepflegten Jazz-Standards, zum Beispiel von Herbie Hancock. Unter der Leitung von Dozent und Schlagzeuglehrer Philipp Pumplün hinterließen Florian Menzel (Trompete), Johannes Claassen (Vibraphon), Tom Berkmann (Bass) und Bastian Kahrs (Klavier) einen hervorragenden Eindruck ihres Könnens. Der Applaus der Gäste war ihnen sicher – wenn gerade mal zwei Hände frei waren.

contra

Mal andere

Kohl-Köpfe

Ick seh Di. Dat freit mi. Ick sup di to. Dat do. Prost!

Wenn der Ammerländer Löffeltrunk in Berlin kreist, wird’s einem warm ums Herz. Dann sind die Oldenburger ganz bei sich – und mittlerweile auch unter sich.

Ich seh’ Dich. Das freut mich. Ich kenn’ Dich. Haben wir uns nicht eben gerade in Oldenburg gesehen?

Grünkohl ist aufgewärmt am besten, wissen wir. Ist das mit Veranstaltungen ebenso? Erreichen sie den Menschen – oder ist Nostalgie nur ein süßes Gift?

Ich seh’ Dich, ich kenn’ Dich, denn ich habe Dich eingeladen.

Die Legende besagt, dass der Kohl-Premiere 1956 eine Abfuhr durch Bundespräsident Theodor Heuss vorausging, der keine Lust hatte, Oldenburg zu besuchen. Stattdessen setzte Oberstadtdirektor Jan Eilers im Rathaus den Marschbefehl nach Bonn ab – das Defftig Ollnborger Gröönkohl-Äten war geboren. Ein ums andere Mal pilgerten heimische Politiker und Wirtschaftsvertreter an den Rhein.

1998 wurde Bonn durch Berlin abgelöst und die Karawane zog weiter. Das ist auch schon wieder 20 Jahre her – und der Kohl ist derselbe.

Ich seh’ Dich. Das freut mich, denn Du tust viel für uns Oldenburger: Du bist jung und bastelst an der Zukunft der Stadt. Oder bist Bürger im Ehrenamt. Ich will Dich kennenlernen. Und Du hast es verdient, dass andere Dich kennenlernen. Ick sup di to. Prost!

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schulzo @infoautor.de

*  Sie waren nicht nur durch ihren Butter-und-Brot-Beruf bestens qualifiziert für den Platz im Kurfürsten-Kollegium, sondern auch, weil sie ihr Amt mit nötiger Würde und mit absoluter Verschwiegenheit ausfüllten – neben Ministerpräsident Stephan Weil als Hausherr empfahlen sich für diesen Job die Vorstände Stefan Dohler (EWE AG), Gerhard Fiand (Landessparkasse zu Oldenburg), Dr. Christian Friege (CEWE Stiftung), Dr. Ulrich Knemeyer (Öffentliche Versicherungen Oldenburg), Patrick Tessmann (Oldenburgische Landesbank AG) und Christian Veit (Norddeutsche Landesbank). Den Vorsitz hatte – unfehlbar in Expertise und Urteilskraft über die heimische Scholle und das regionale Brauchtum – wieder Günther der Treckerfahrer (dargestellt von Dietmar Wischmeyer) inne. Der Name der neuen Kohlmajestät ist zu Jahresbeginn eines der am besten gehüteten Geheimnisse – bis die NWZ es herausbekommt.

*

Wehmütig nahm Andrea Nahles Abschied vom Amt, das, wie sie bekannte, ihr wie auch Oldenburg ans Herz gewachsen sei. In einer Stunde der Selbstbefreiung habe sie sogar daran gedacht, zugunsten der „Kohlkönigin auf Lebenszeit“ auf das Amt der SPD-Vorsitzenden zu verzichten. Aber da sei ja die sachgrundlose Begrenzung der Amtszeit auf ein Jahr vor. Nun müsse es eben ein anderer übernehmen, die integrative Kraft des Grünkohls in Europa zu verbreiten.

*  Ähnlich weit auseinander wie leckerer Kohl und vegane Pinkel sind Andrea Nahles und David McAllister in Politikverständnis und Wortwahl. Am Montag passte allerdings kein Blatt zwischen die pfälzische Dampfplaudertasche und den schottischen Wortverwalter. McAllister lobte seine Vorgängerin in höchsten Tönen und brillierte selbst mit erlesener Rhetorik und feiner Selbstironie.

*  In seiner Antrittsrede sprach David James McAllister, 1971 als Sohn einer Deutschen und eines Briten geboren, über die Kulturpflanze Grünkohl und ihre Rolle in Europa. Und hier scheint der Clan der McAllisters eine nicht unwesentliche Rolle zu spielen. Vater James Buchanan aus Glasgow war seit 1955 als Zivilbeamter der britischen Armee während des Kalten Kriegs in Deutschland stationiert. Ob das „Grüne Gold“ zuerst in den schottischen Highlands oder in der norddeutschen Tiefebene kultiviert wurde, soll eine an der Universität Bad Bederkesa in Auftrag gegebene Studie ermitteln, teilte der neue Regent mit.*  Dass der Genuss frischer Akten dem Juristen und EU-Parlamentarier McAllister aufgestoßen war, zeigte sich in seiner Einlassung, dass auf den 177 Seiten Koalitionsvertrag das Wort Grünkohl nicht einmal erwähnt wurde. Das war nur schwer verdaulich für den neuen Amtsinhaber. Erst in Zeile 6759 tauche „Braunkohl“ als Bestandteil des Wortes „Braunkohlesanierung“ auf – und das meine noch nicht mal seinen geliebten Grünkohl, sondern nur die olle Bremer Variante.

*  Besonders hungrig waren David McAllister, Björn Thümler, Jens Nacke, Astrid Grotelüschen und Enak Ferlemann dem Vernehmen nach wohl nicht, als sie am Montag direkt vom CDU-Sonderparteitag am Schöneberger Ufer in die nahe gelegene Landesvertretung Niedersachsens kamen. Man habe „Muttis Suppe brav ausgelöffelt“, bestätigte der neue Kohlkönig die spöttische Einlassung des SPD-Ministerpräsidentin Stephan Weil. Gemeint war die überwiegende Zustimmung der Christdemokraten zum Koalitionsvertrag, die die Politik von Kanzlerin Angela Merkel bestätigte.

* Natürlich freuten sich die angesprochenen Christdemokraten über die Oldenburger Spezialitäten, die in ansprechendem Umfang aufgetragen wurden. 200 Kilogramm Grünkohl, 60 Kilogramm Fleischpinkel, 95 Kilogramm Kasseler-Kotelett ohne Knochen, 50 Kilogramm Kochmettwurst und 38 Kilogramm geräucherten Speck fanden den Weg auf die Tische und in die Mägen.

*  Dass man mit der Qualität von Grünkohl, Pinkel und Kochwurst, Speck und Kasseler nicht spaßt, dafür bürgen die Oldenburger Fleischerei Bartsch und der „Bümmersteder Krug“. Der berühmte „Löffeltrunk“ war ordentlich gefüllt mit dem Schnaps aus dem Hause Hullmann. Das Pils dazu stammte aus dem Friesischen Brauhaus zu Jever. Die Landesvereinigung der Milchwirtschaft Niedersachsen, die Deutsches Milchkontor GmbH und die Molkerei Ammerland eG versorgten die Gäste mit Käsespezialitäten.

*  In der Stunde wohliger Nahrungsaufnahme und innerer Zufriedenheit öffnet man Herzen und Portemonnaies am leichtesten. Traditionell werden die Gäste des Kohlessens in Berlin um eine Spende gebeten. Die gesammelte Summe werden in diesem Jahr an die Bahnhofsmission Oldenburg sowie an den Verein Elterninitiative krebskranker Kinder Oldenburg gehen. Immer wieder ein schönes Ritual!

Patrick Buck
Redakteur
Redaktion Oldenburg
Tel:
0441 9988 2114

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