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NWZonline.de Region Stadt Oldenburg Politik

Nach Dem Zweiten Weltkrieg: Enge Bekanntschaft mit einer englischen Dame

27.07.2020

Oldenburg „Zur Kramermarktzeit 1945 muss das gewesen sein.“ Marie-Luise Schmidt erinnert sich noch genau an die Begegnung mit der feinen englischen Dame. Mit ihrer Mutter war die heute 85-Jährige durch die Achternstraße Richtung Lappan gegangen, als sie vor dem Schaufenster einer Fleischerei, „Egert muss das gewesen sein“, eine Frau mit großem Hut entdeckten, die unablässig mit dem Kopf schüttelte. „Was sind das doch für Ferkel“, sagte sie immer wieder. Hanna Schmidt, eine sehr kontaktfreudige Frau, wie sich Tochter Marie-Luise erinnert, blieb stehen und fragte, was denn los sei. „Sie essen Pinkel“, war die Antwort, die Engländerin schüttelte sich vor Ekel. Hanna Schmidt klärte den Irrtum auf, die Wurst, die unabdingbar zum Grünkohl gehört, muss zum ersten Mal in dem Schaufenster wieder ausgestellt worden sein. Harte Zeiten waren das damals, erzählt Marie-Luise Schmidt weiter.

Aus der zufälligen Begegnung entwickelte sich eine Freundschaft, die über Jahre hinweg halten sollte. Die ausgesprochen gebildete Engländerin war mit einem deutschen Bankdirektor verheiratet gewesen und aus Dresden nach Oldenburg gekommen. Den sowjetischen Soldaten hatte es nicht gefallen, dass sie den Garten mit britischen Flaggen geschmückt hatte. Ihr Ehemann war im Krieg gestorben. Vor den Russen „flüchtete“ sie Richtung Oldenburg. Hier war ihr Neffe „Town-Major“. Fischer hieß der Mann und hatte in der Stadt etwas zu sagen. Untergebracht wurde Mrs. Kästner, so hieß die Dame, im Hotel Deus, oder besser in den Resten des Gebäudes, das bei einem Bombenangriff schweren Schaden genommen hatte, offensichtlich aber nicht völlig zerstört gewesen sein musste.

„Frau Kästner fuhr leidenschaftlich gern mit dem Trolleybus. Mittwochnachmittags musst ich mit ihr immer kreuz und quer durch die Stadt fahren – als Ausgleich für den Englischunterricht, den sie mir gab“, erzählt die 85-Jährige. „Die Frau war laut, klein, lief gebeugt, hatte eine krächzende Stimme und trug immer diesen schrecklichen Hut – ich hätte in Grund und Boden versinken mögen.“ Anschließend gab es Weißbrot, Butter und Chesterkäse.

Am Bahnhof holten wir später Flüchtlinge ab, erzählt Marie-Luise Schmidt weiter. „Ich war immer erstaunt, mit wie wenig Habseligkeiten sie in Oldenburg ankamen.“

Und noch ein Erlebnis ist ihr in Erinnerung geblieben. Zwei bis drei Tage nach der Kapitulation Oldenburgs patrouillierten kanadische Soldaten durch die Straßen. „Wir Kinder hatten striktes Verbot, durch die Vorhänge zu schauen. Die Soldaten hatten aus Furcht vor Partisanen, den Wehrwölfen, Befehl auf alles zu schießen, was sich hinter den Fenstern bewegt. „Wir schauten trotzdem, den Soldaten mitten ins Gesicht. Wir haben einen Schreck fürs Leben bekommen.“ Aber überlebt.

Thomas Husmann Redakteur / Redaktion Oldenburg
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