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NWZonline.de Region Stadt Oldenburg Politik

Kinder starben beim Bombenangriff

13.12.2018

Oldenburg Den 17. April 1945 hat Rudolf Diepen in seinem Leben nie vergessen. Die schrecklichen Bilder von damals gehen ihm nicht aus dem Kopf. Zehneinhalb Jahre war er damals alt, als der heute 83-Jährige mit seinen Freuden an der Goethestraße/Ecke von-Müller-Straße auf der Straße spielte. Ein Sandweg war das damals, Autos fuhren kaum, erzählt er. Plötzlich donnerten im Tiefflug zwei Kampfbomber über die Jungs hinweg. Kurze Zeit später waren die Detonationen der einschlagenden Bomben zu hören und durch die heftige Druckwelle deutlich zu spüren. In seinem Elternhaus zersplitterten die Fensterscheiben. Die Kinder suchten Schutz im Keller des Hauses. „Als der Angriff vorbei war, kamen wir Jungs wieder raus und rannten neugierig los“, erinnert sich Diepen weiter. Schon an der Kasernenmauer kamen ihnen zwei Soldaten entgegen, die eine Leiter geschultert hatten. Auf der lag leblos der Körper eines Mannes. Diepen: „Das war Lehrer Johann Bülthoff.“

Wir stehen am Haupteingang der ehemaligen Donnerschwee-Kaserne. „Flak-Kaserne nannten wir sie damals“, erzählt Diepen. Rechts neben der Einfahrt gegenüber der ehemaligen Wache ist ein großer Sandhaufen zu sehen. Diepen: „Dort stand ein mehrgeschossiges Wohnhaus. Eine Bombe war ins Treppenhaus eingeschlagen – ein Volltreffer. Rettungskräfte waren damit beschäftigt, die Leichen unter den Trümmern zu bergen. „Kinder waren das“, sagt Diepen. Der Anblick hat ihn schwer erschüttert. Das ist auch heute, mehr als 73 Jahre später noch deutlich zu spüren. Wenige Tage vor Kriegsende fanden sie den Tod.

Kreuze auf Friedhof

Standortwechsel: Wir befinden uns auf dem Friedhof Donnerschwee am Hochheider Weg, nicht weit entfernt von der ehemaligen Kaserne. Vor der Andachtshalle stehen 15 Kreuze. Die Namen von zwei Erwachsenen und 13 Kindern sind darauf zu lesen. Die Kinder waren zwischen fünf und 14 Jahre alt, als sie starben. Einige am 17. April, die anderen vier Tage später am 21. April. Möglicherweise hatten sie lebensgefährlich verletzt noch ein paar Tage überlebt, genau weiß man das nicht. „Wie man sieht, es hat sehr wohl Bombenangriffe auf Oldenburg gegeben, bei denen zahlreiche Menschen starben“, räumt Diepen mit der Mär auf, dass Oldenburg von Angriffen im Zweiten Weltkrieg verschont geblieben ist.

Das verbindet ihn mit Peter Zimmering, dessen Geschwister Inge, Helga und Fritz Zimmering damals zu den Opfern in der Kaserne gehörten. Die Legende des nicht bombardierten Oldenburgs hört der 70-Jährige immer wieder. Und jedes Mal steigt Bitternis in ihm empor. Peter Zimmering hatte seine Familiengeschichte lange verdrängt. Erst vor einigen Jahren machte er sich daran, die Geschehnisse vom 17. April aufzuarbeiten. „Meine Familie lebte in der Donnerschwee-Kaserne. Mein Vater war mit der Wehrmacht in Italien“, erzählt er. Viele Kinder wohnten damals in der Kaserne, alles Angehörige von Offizieren.

Verhängnisvoller Tag

An dem verhängnisvollen 17. April beschlossen die Alliierten den Angriff auf die Kaserne. „Ich weiß nicht einmal genau, ob es Amerikaner oder Engländer waren,“ sagt Zimmering. Nachmittags kamen die Bomber. Die Sirenen heulten. Und aus einem Block rief jemand: „Kommt schnell rein“. So liefen die Kinder in Richtung Keller. Doch genau in diesem Moment fielen die Bomben direkt ins Treppenhaus. 14 Kinder und zwei Erwachsene wurden unter den Trümmern verschüttet.

„Meine Mutter hat mir erzählt, dass die Opfer nur noch an ihrer Kleidung identifiziert werden konnten.“ Schwer verletzt überlebte als einziger Günther Zimmering. Wochenlang lag der Junge im Krankenhaus. Zu den Verletzungen kam der Schmerz über die drei verlorenen Geschwister. Und Peter Zimmerings Mutter Sophie brachte es zunächst nicht übers Herz ihrem Mann die ganze Wahrheit zu schreiben. „Am Anfang teilte sie ihm nur mit, dass die Kinder verletzt worden waren.“ Erst nach Kriegsende schrieb sie ihrem inzwischen in US-Gefangenschaft befindlichen Mann vom Tod der drei Kinder. „Der Lagerkommandant hat ihn dann sofort nach Hause entlassen.“

Vater in Gefangenschaft

Peter Zimmering kennt diese Geschichten und den Bombenangriff nur vom Erzählen. Er ist erst 1948 geboren worden. „Ohne den Bombenangriff hätte es mich wohl nicht gegeben“, sagt er. Doch die Eltern wollten noch ein Kind nach dem Schicksalsschlag. Für ihn keine leichte Jugend. Zum einen die Entbehrungen der Nachkriegszeit. Dann aber besonders immer wieder Geschichten über die toten Geschwister. Vor allem der Erstgeborene, Fritz, sei ein ausgezeichneter Schüler und Musterjunge gewesen. „Das bedeutete für mich einen ganz schönen Druck“, sagt Zimmering heute.

Erinnerung verblasst

Doch wie in so vielen Familien im Nachkriegsdeutschland wurde irgendwann immer weniger über das Leid gesprochen. Der 17. April 1945 rückte in den Hintergrund. Auch für Peter Zimmering.

„Erst im reiferen Alter habe ich mich wieder damit beschäftigt“, sagt er. Und nun bleibt ihm wichtig, dass auch in der Oldenburger Chronik dieser 17. April nicht vergessen wird. „Es wird immer so getan, als habe es in Oldenburg keinen Krieg gegeben. Dabei ist er heute noch sichtbar“, sagt Zimmerung und verweist auf den Friedhof. Dort hat der Volksbund vor einigen Jahren 15 Grabsteine aufgestellt für die Opfer des Bombenangriffs.

Die Angreifer hatten die Bomben übrigens eigentlich zu spät abgeworfen. Einige schlugen noch hinter der Ohmsteder Kirche statt in der Kaserne ein, erzählt Diepen.

Thomas Husmann Redakteur / Redaktion Oldenburg
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Jasper Rittner Redaktionsleitung / Redaktion Westerstede/Oldenburg
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