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NWZonline.de Region Stadt Oldenburg Politik

Schüler fassen Tabuthema mutig an

27.01.2015

Oldenburg Die Verbrechen geschahen am Stadtrand von Oldenburg, in der sogenannten Pflegeanstalt auf dem Gelände des ehemaligen Klosters Blankenburg. Als behindert und „lebensunwert“ abgestempelt, wurden viele Insassen gequält, hungerten und starben eines qualvollen Todes. Und nicht nur das: Die Opfer wurden zudem in einem anonymen Massengrab unwürdig verscharrt. „Dieses Kapitel der Stadtgeschichte darf man nicht einfach zuschlagen“, sagt Levke Gimbel.

Die Blankenburger Krankenmorde während des Nationalsozialismus haben die 15-Jährige und ihre Mitschüler berührt. Seit vergangenem Sommer beschäftigt sich die 10. Klasse der Freien Waldorfschule in einem Projekt mit dem lange tabuisierten Thema. Dabei gelang es, 85 Personen, die zwischen 1937 und 1941 in der Pflegeanstalt starben, mit Namen zu identifizieren. Das sei gar nicht so schwierig gewesen, berichten die Schüler, denn die Namen tauchten in Archiven und Kirchenbüchern auf.

„Es ist aber erschreckend, dass sich bisher fast niemand dafür interessiert hat“, meint Nike Stolz (16). Den meisten Opfern sei eine natürliche Todesursache wie Lungenentzündung oder Durchfall bescheinigt worden. „Dass dies aber oft nicht stimmt oder durch die unwürdigen Lebensumstände herbeigeführt wurde, steht nirgendwo“, berichtet Jonas-Carl Weber (15). „Man muss bedenken, dass einige Opfer so alt waren wie wir“, erinnert Rasmus Helwig (16).

Im Geschichtsunterricht hatten sich die Zehntklässler mit der sogenannten Euthanasie, den von den Nazis begangenen Krankenmorden, beschäftigt. Nachdem sie im Staatstheater das Stück „Blankenburg“ gesehen hatten, beschlossen sie, mit Geschichtslehrer Christian Hauck-Hahmann und mit Unterstützung des Medizinhistorikers Dr. Ingo Harms, vor der eigenen Haustür zu forschen.

„Erschreckend war die unwürdige Bestattung der Toten“, sagt Rasmus. Laut Archivakten wurden 52 Leichen vom provisorischen Friedhof in Blankenburg auf den Neuen Friedhof umgebettet. Auf dem ehemaligen Gräberfeld sei dann das noch immer existierende Kesselhaus errichtet worden. An beiden Orten fehlt jeglicher Hinweis auf die Verbrechen, beklagen die Schüler. Das wollen sie ändern und setzen sich für Gedenktafeln ein. Kontakte zur Friedhofsverwaltung knüpften sie bereits. In der Vorwoche stellten die Oldenburger ihr Projekt bei der Stiftung niedersächsische Gedenkstätten in Hannover vor.

„Wir hoffen, dass wir finanzielle Unterstützung für die Fortsetzung bekommen“, sagt Hauck-Hahmann, der seinen Schülern ein großes Lob ausspricht: „Sie haben das Gefühl entwickelt, in ihrer Stadt etwas für einen besseren Umgang mit der Vergangenheit tun zu können.“ Zudem hoffen die Schüler, dass sich Angehörige bei ihnen melden. Auch wollen sie die Namen weiterer vergessener Opfer herausfinden und Stolpersteine verlegen, um an sie zu erinnern.

An diesem Dienstag gedenkt Deutschland der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz am 27. Januar 1945.

Dass Erinnern auch für Gegenwart und Zukunft wichtig ist, betonen die Schüler ausdrücklich. „Auch heute gibt es noch Diskriminierung zum Beispiel von behinderten Menschen“, sagt Levke: „Die Leute sollen wissen, was damals passiert ist.“ 

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