Oldenburg - Gegensätzlicher hätten die Aussagen zweier ehemaliger Kollegen des verurteilten Patientenmörders Niels Högel vor dem Oldenburger Landgericht wohl kaum sein können. Zumindest, wenn man einen Blick auf den Informationsgehalt der Aussagen wirft. Denn während der eine sich gut an den ehemaligen Pfleger erinnert, sagte der andere aus, sich an Högel im beruflichen Kontext nicht erinnern zu können.
Der Prozess wird gegen insgesamt sieben ehemalige Vorgesetzte des Pflegers, der in den Kliniken Oldenburg und Delmenhorst gearbeitet und gemordet hat, in den Weser-Ems-Hallen geführt. Dabei geht es insbesondere um die Frage, ob die Vorgesetzten sich der Beihilfe zur Tötung durch Unterlassen schuldig gemacht haben. In diesem Zusammenhang sind am Montag, dem 24. Verhandlungstag des Prozesses, weitere Zeugen vernommen worden.
Viele Informationen
Als Pfleger, der sein Handwerk sehr gut beherrscht, hat ein Kollege Niels Högel in Erinnerung. Bei seiner Befragung beschrieb der heute 62-Jährige, dass Högel sehr motiviert gearbeitet hätte, zum Teil sogar übermotiviert und ein lustiger, aufgeweckter Typ gewesen sei.
Nach einiger Zeit hätte es dann aber Gerüchte gegeben, weil die Anzahl der Reanimationen auf der Station gestiegen sei. Beweise dafür, dass Högel dafür verantwortlich gewesen sei, habe es aber nicht gegeben. Es sei auffällig gewesen, dass die Häufung der Reanimationen in Högels Schichten aufgetreten sei. „Häufungen können aber vorkommen“, so der ehemalige Kollege, der sich in diesem Zusammenhang auch an keine bösartigen Gerüchte erinnern kann.
Nach einiger Zeit sei Högel von einem Tag auf den anderen dann nicht mehr da gewesen. „Ich habe mich damals schlecht dabei gefühlt“, erinnert sich der Pfleger zurück. Das sei allerdings darauf zurückzuführen, dass es keine Informationen gegeben habe, warum Högel nicht mehr für das Klinikum gearbeitet habe. „Das war das erste Mal, dass ich sowas erlebt habe.“ Fragen in der Sache habe ein Vorgesetzter lediglich mit den Worten „Das ist so“ beantwortet. Das hätte viel Unverständnis hervorgerufen.
Keine Erinnerung
Ein weiterer Kollege, der an diesem Verhandlungstag befragt worden ist, lieferte dagegen kaum Informationen. Obwohl er als leitender Pfleger im Klinikum Oldenburg beschäftigt war, konnte sich der mittlerweile 77-Jährige nicht an Högel im beruflichen Kontext erinnern. „Ich habe ihn nicht wahrgenommen“, lautete die Antwort auf die Frage des Vorsitzenden Richters Sebastian Bührmann.
„Ich kann das kaum glauben“, entgegnete der Jurist, der dem Zeugen daraufhin mehrfach verdeutlichte, dass eine Falschaussage Konsequenzen nach sich ziehe und den Mann auch fragte, ob er eine neurologische Beeinträchtigung habe. Er habe bereits bei der Vernehmung angegeben, von Högel erst durch die Berichterstattung in den Medien erfahren zu haben, so der Zeuge. Auch zu diesem Zeitpunkt habe er sich nicht an den Pfleger erinnern können.
Ähnlich ernüchternd verlief die Befragung einer Zeugin, die als Pflegedirektorin in der Delmenhorster Klinik gearbeitet hat. Die heute 72-Jährige gab an, in Bezug auf Högel wenig mitbekommen zu haben. „Ich war sicher dabei, wenn Gespräche in dem Fall geführt worden sind, kann mich aber nicht konkret daran erinnern“, sagte die Rentnerin, der mehrere Protokolle von Sitzungen gezeigt wurden, an denen sie laut der Aufzeichnungen teilgenommen haben soll. Es habe damals eine Vielzahl von Gesprächen gegeben, das sei aber alles schon sehr lange her, so die ehemalige Pflegedirektorin.
Die Fortsetzung
Der Prozess wird erst in knapp drei Wochen fortgesetzt. Der Vorsitzende Richter Sebastian Bührmann verkündete, dass die kommenden drei bereits angesetzten Verhandlungstage für den weiteren Verlauf des Verfahrens nicht notwendig sind. Die Fortsetzung des Prozesses erfolgt deshalb erst am Freitag, 9. September.
