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Oldenburger Hilft Flüchtlingen Ohne Arztköfferchen – aber mit Tipps und Muße

Oldenburg - Nicht mit dem Arztköfferchen, dafür aber mit reichlich guten Tipps und noch mehr Muße läuft Dr. Hermann Klasen immer wieder donnerstags durch Oldenburger Flüchtlingsunterkünfte. Der frühere Leiter der Abteilung für Internistische Onkologie am Pius-Hospital ist einer von bislang nur wenigen Medizinern, die sich ehrenamtlich um Asylsuchende bemühen. „Medizinischer Dolmetscher“ nennt er sich selbst. Aktiv Patienten behandeln darf er nicht mehr, dafür kann er aber ihre Ängste nehmen, Medikationen prüfen und Erkrankte nachbetreuen.

Idealismus gehört dazu

Klasen ist zugleich Integrationslotse, einer von über 200 in der Stadt. Die meisten von ihnen begleiten Patienten in die Praxen, übersetzen dort die unterschiedlichsten Sprachen und Dialekte ins Deutsche und wieder zurück. Klasen aber übersetzt vom Medizinischen Fachchinesisch ins Deutsche. Eine ebenfalls pensionierte Kollegin war einst Hausärztin. Aktuell bietet sie wöchentlich in den Einrichtungen Sprechstunden für Frauen und Kinder an. Angebote, die von Herzen gern angenommen werden. Und angenommen werden müssen.

Denn oft genug federn Klasen und Co bereits am Fliegerhorst wie in anderen zentralen Einrichtungen erste Wehwehchen und medizinische Missverständnisse ab. Das ist für seine noch aktive Zunft nicht ganz unbedeutend. Denn durchaus einige Hausärzte hätten so ihre Mühe mit den weit gereisten Patienten. Da wären beispielsweise die fast schon unüberwindbaren Sprachbarrieren. Da ist aber auch die heimatlich eher unbekannte Termintreue. „Nicht alle Ärzte sind bereit, sich diesem Aufwand zu stellen“, sagt Klasen, „es gehört schon eine Prise Idealismus dazu“.

Probleme bei Zähnen

Finanziell macht sich eine Behandlung indes nicht bemerkbar – die Ärzte werden für die Behandlung von Flüchtlingen genauso honoriert wie für deutsche Kassenpatienten. Die meisten zumindest. In der Zahnmedizin ist das nämlich etwas anders. „Hier ist die Versorgung ein echtes Problem“, sagt Klasen. Ausschließlich Schmerzbehandlungen werden vergütet.

Deutlich mehr Sorge als der Zahnerhalt macht Klasen jedoch der psychosomatische Bereich: Kopfschmerzen. Bauchschmerzen. All die vermeintlich kleinen Lappalien, die aber auf größtmöglicher Tragik gründen. Die meisten Flüchtlinge, die aus Kriegsgebieten kommen und dort Terror, Tod wie Angst erlebt haben, durchgehend traumatisiert sind, benötigten „alle eine intensive Psychotherapie, wenn wir die hiesige Messlatte deutscher Patienten ansetzen“, sagt er. Doch selbst wenn es genügend Therapeuten gäbe, die sich der Flüchtlinge annehmen könnten, wäre das Problem längst nicht gelöst. Gefühle und Ängste in Sprache auszudrücken, gelingt schon mit dem heimischen Vokabular kaum.

Multimedia-Reportage: Ehrensache – Viel mehr als nur eine Deutschstunde

Dann aber noch mit einer zwischengeschalteten Übersetzung? Sollten die Traumata allzu belastend, die Depressionen schlichtweg überwältigend sein, werden die Asylsuchenden in der Karl-Jaspers-Klinik behandelt – dies jedoch erst nach Zusage der Kostenübernahme durch das hiesige Sozialamt.

In den seltensten Fällen gelingt damit die psychosoziale Hygiene. Klasen hatte nun in der jüngsten Sitzung des Integrationsausschusses eine Idee vorgestellt, die psychische Belastungen vielleicht etwas zu mindern vermag. Gemeinsam mit der Universität erarbeitet er ein Konzept aus Entspannungsübungen, auf Basis des Qi Gong. Wenn alles funktioniert, könnte diese ehrenamtliche Stütze im Herbst anlaufen. Wenngleich „dies nur Tröpfchen auf dem heißen Stein sind“, so Klasen.

Nicht nur er, sondern auch der Integrationsausschuss hofft auf die Hilfe weiterer Ärzte, die in den Kommunalen Gemeinschaftsunterkünften wöchentlich ihre Sprechstunde abhalten könnten. „Ein guter, erfahrener Hausarzt kann da schon viele unnötige Behandlungswege vorab herausfiltern“, so Hermann Klasen. Seine Idee will er alsbald in der Oldenburger Ärzteschaft vorstellen.

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