Oldenburg - Um das, was er jeden Tag im Operationssaal macht, ganz vereinfacht darzustellen, vergleicht Univ.-Prof. Dr. Max Ettinger den Einbau eines künstlichen Kniegelenks bei einem Patienten mit dem Kauf eines neuen Anzugs von der Stange, der dann vom Schneider angepasst wird. Beim Kniegelenk bedeutet das: Die Anprobe findet digital statt. Und erst, wenn alles bis ins Detail berechnet und kalkuliert ist, wird beim Patienten angesetzt.
Digital durchgeplant
„Wir simulieren alles vorher. Ich kann das postoperative Ergebnis sehen, bevor ich am Knie überhaupt dran war“, erklärt Ettinger, der seit Januar neuer Direktor der Universitätsklinik für Orthopädie und Unfallchirurgie im Pius-Hospital ist und zum Dienstantritt gleich ein neues OP-System eingeführt hat. „Cori“ so heißt das roboterassistierte OP-System, ermöglicht den Ärzten die Operation vor der Operation. „Cori“ sammelt bei einem Scan umfangreiche Daten über das Knie des jeweiligen Patienten und kreiert daraus ein 3D-Modell. „Wir schauen dann: Welche Prothese passt zu diesem Knie am besten? Wir planen digital das Prothesenmodell und fusionieren alle diese Informationen und Daten zu einem operativen Plan“, erläutert Max Ettinger das Prozedere. Und der falle sehr individuell aus – so wie jedes Knie. Denn die Schwierigkeit bei einer Knieoperation liegt in der individuellen Beschaffenheit. Ettinger: „Es gibt O-Beine, gerade Beine, X-Beine. Und dazu jeweils verschiedene Winkel mit verschiedenen Subgraden, die Kniescheibe ist ein weiterer Mitspieler und dann gibt es die Bänder, die für die Stabilität zuständig sind.“
Anpassung an Anatomie
Ungefähr ein Viertel der Patientinnen und Patienten, die ein künstliches Kniegelenk erhalten haben, sind laut statistischen Erhebungen mit dem Ergebnis ihrer Operation nicht zufrieden, teilt das Pius mit. Lockerungen, Infektionen, Bewegungseinschränkungen und Schmerzen sind oft genannte Beschwerden, die die Lebensqualität der Betroffenen erheblich einschränken können. Der OP-Roboter ermöglicht die Anpassung an die jeweilige Anatomie und erreicht einen höheren Grad an Genauigkeit. Denn steht der Plan für die Operation und den Austausch des Kniegelenks, bleibt „Cori“ an der Seite des Operateurs. Ettinger führt mit seiner Hand eine Fräse, die über das Programm mit allen relevanten Daten versorgt ist und genau weiß, wo im Knie wie viel weg muss. „Weiche ich auch nur im Geringsten ab, stoppt die Fräse sofort“, so Ettinger weiter. Der Roboter erreicht hier eine Präzision, die die menschliche Hand allein nicht schafft. Ettinger: „Der Arzt arbeitet auf zwei bis vier Millimeter genau, der Roboter auf 0,1 bis 0,2 Millimeter. Das ist ein Unterschied. Man macht weniger chirurgische Fehler.“
Mehr als 1000 Prothesen
An seiner alten Schaffensstätte in Hannover haben von Ettinger schon mehr als 1000 Patienten Knieprothesen mit dem Roboter bekommen. Seine Erfahrung zeige: Es gebe weniger Komplikationen nach den Eingriffen und weniger Folgeeingriffe aufgrund von Fehlfunktionen. „Obwohl das Verfahren teurer ist als eine herkömmliche Operation, bieten wir es allen unseren Patienten an. Ich bin sehr davon überzeugt.“ Nach und nach werden weitere Ärzte in seiner Abteilung im Pius mit dem Roboter geschult. Unterstützung hatte sich Ettinger auch schon aus Hannover mitgebracht, mit fünf Ärzten ist er nach Oldenburg gekommen. Darunter auch Oberarzt Dr. Peter Savov: „Wenn sie in der Technik sehr gut geschult sind, können versierte Operateurinnen und Operateure noch präziser arbeiten.“ Und da im Pius bereits vorher mit einem Navigationssystem gearbeitet wurde, einer Art Vorstufe des roboterassistierten Operierens, sei es den Chirurgen im Team nicht schwergefallen, die neue Technik zu erlernen und anzuwenden.
Die Universitätsklinik für Orthopädie und Unfallchirurgie hat außerdem eine Datenbank aufgebaut, welche Angaben zu Patientensicherheit und -zufriedenheit langfristig sammelt, um in Zukunft auch mithilfe von künstlicher Intelligenz die OP-Methoden immer weiter zu verfeinern.
