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NWZonline.de Region Stadt Oldenburg

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25.10.2016

Oldenburg Einen kleinen dicken Mexikaner haben die Bandidos in Oldenburg zurückgelassen. Von einer herausgelösten Scheibe droht sein Abbild wie gewohnt mit Revolver und Machete – wenn man es denn sähe. Witchy, der ehemalige Präsident des Chapters, hat die Scheibe auf einen Tisch gelegt und mit der Sitzfläche eines Barhockers verdeckt. Nicht aus Missachtung, im Gegenteil. Niemandem, der einen Fuß durch das Tor an der Alexanderstraße Nummer 15 setzt, soll noch der Anschein erweckt werden, dies sei ein offizielles Clubhaus des Bandidos MC. „Das wäre Anmaßung“, sagt Witchy.

Dies ist nicht mehr das „rough land“, das raue Land der Bandidos, sowenig wie Uwe Wieczorek noch Präsident oder überhaupt Mitglied im berühmt-berüchtigten Motorradclub ist. „Vor 20 Jahren wäre das ein schwerer Schritt gewesen“, sagt der 57-Jährige. „Heute ist mein Leben ruhiger geworden.“

Das Aus des Chapters war beschlossene Sache

Postkarten in den Farben Schwarz und Orange hängen zwar noch an den Wänden hinter dem Tresen, doch andere Winkel sind inzwischen auffällig kahl. „Was hier noch hängt, sind Postkarten, die du so überall bekommen kannst. Interna müssen abgehängt werden“, sagt Witchy. Das sind die Regeln.

Das Aus für das Oldenburger Chapter war beschlossene Sache am 24. September, doch plötzlich kam es nicht. „Das war ein Prozess. Am Ende haben das National Chapter und wir miteinander entschieden, dass das Oldenburger Chapter nicht zu halten ist“, sagt der ehemalige Rocker-Chef. „Es erfüllte nicht mehr den Standard“, sagt Micha, Pressesprecher der Bandidos Deutschland, und wundert sich selbst, wie technisch das klingt.

Fünf Member sollte ein Chapter mindestens haben. In Oldenburg waren es im Sommer noch sieben. Dann verließ der Sergeant at Arms, eine Art Sicherheitsoffizier, den Club. Drei weitere Member wechselten zum Chapter nach Aurich. Schließlich waren sie in Oldenburg nur noch zu zweit. „Ich hätte das Chapter auch wechseln können“, sagt Witchy und zuckt mit den Schultern. „Aber das sollen jetzt Jüngere machen.“ Dabei sieht er mit seinen 57 Jahren doch recht frisch aus. Witchy lacht nur: „Da ist das Sofa schon ganz schön nah.“

Vielleicht war die Luft bei den Bandidos in Oldenburg einfach raus.

„Das ist einfach so. Du hast mal fünf gute, und dann auch wieder fünf andere Jahre“, sagt Witchy. Und es ist nicht ausgeschlossen, dass solche besseren Jahre für den Rockerclub auch in Oldenburg wieder anbrechen. Der offizielle Status des Chapters ist „frozen“, also eingefroren. „Es kann jederzeit wieder eröffnet werden“, erklärt Witchy.

Keine Angst vor der Öffentlichkeit

Nach einer guten Zeit sah es noch im Frühjahr dieses Jahres aus. Eine Anfrage der NWZ  beim Deutschland-Chapter der Bandidos für ein Interview? Kein Problem. Ein Treffen im Oldenburger Clubhaus mit dem Präsidenten? Klar, warum nicht? Vor der Kamera des NWZplay-Teams stand der Präsident den Fragen Rede und Antwort. Das ist ungewöhnlich. Schotten sich die Clubs doch sonst eher nach außen ab. Interna in der Öffentlichkeit? Das geht normalerweise gar nicht.

„Wir bringen unsere Familien mit, Kinder laufen hier rum“, sagte der Club-Präsident über das Leben im Clubhaus damals. Es war ein Bild mit Botschaft: Sie haben nichts zu verbergen, die Bandidos in Oldenburg. Alles geht hier ruhig seinen Gang. Sogar dann, wenn die Rocker feiern? Sogar dann.

Zur letzten Rocker-Party im Clubhaus an der Oldenburger Alexanderstraße waren die NWZ -Reporter eingeladen. Harley an Harley stand unter dem fetten Comic-Mexikaner mit dem Revolver und der Machete, die beiden Reporter am 28. Mai zur Tattoo-Party der Bandidos kamen. Viele Gäste trugen Kutten mit den Abzeichen ihrer MCs auf dem Rücken: das Colour der „Schwarzen Engel“ aus Torsholt zeigte ein düsteres Flügelwesen mit Schwert vor Totenköpfen, das der „Conquistadors“ aus Bremerhaven einen spanischen Eroberer mit Hellebarde und Pistole, das der „Alten Garde“ aus Neusüdende ein mahnendes Skelett. Und auf dem Colour der „Night Riders“ aus Garrel fuhr ein Biker in weißer Kutte im Sonnenuntergang.

Eine Zwei-Mann-Kombo spielte Gitarre und sang, es gab Kartoffelsalat, und wer wollte, bekam ein Bockwürstchen aus einem großen Topf gefischt. Gezahlt wurde mit Wertmarken. Wer die Kutten um sich herum vergaß, konnte meinen, er sei bei einem Sommerfest des örtlichen Sportvereins gelandet. Lediglich die andauernd Patrouille fahrende Polizei erinnerte einen, wo man gerade war.

Gemeldete Vorfälle in Oldenburg

November 2015: Drei Schüsse werden am 30. November auf das Clubhaus an der Alexanderstraße abgegeben. Eine Woche später durchsucht die Polizei bei einer Razzia das Gebäude – ohne nennenswerte Ergebnisse. Auch die Ermittlungen zu den Schüssen verlaufen ergebnislos.

April 2015: Der Türsteher einer Oldenburger Disco macht die Polizei auf eine „massive Präsenz des Bandidos MC ohne Kutten“ aufmerksam. Daraus folgerte die Polizei, die Bandidos hätten eine Auseinandersetzung mit den Hells Angels in der Türsteherszene gesucht. „Bislang blieb es bei Drohgebärden“, schließt der Bericht ab.

Januar 2014: Die Polizei erhöht ihre Präsenz in der Innenstadt, nachdem sie Informationen über eine mögliche Auseinandersetzung der Bandidos mit den Red Devils bekommen hat. „Im Innenstadtbereich von Oldenburg wurden lediglich sieben Mitglieder des Red Devils MC angetroffen. Weitere Feststellungen gab es nicht“, lautet die offizielle Bilanz.

Januar 2010: Rund 1000 Polizisten sind laut NWZ-Bericht im Einsatz, als am 29. Januar etwa 700 Mitglieder und Sympathisanten des Bandidos MC und des Red Devils MC in Oldenburg aufeinandertreffen. Die Polizei durchsucht beide Clubhäuser und stellt etwa 150 Gegenstände sicher, darunter Messer, eine Gaspistole und eine Armbrust.

Aggressiv, bedrohlich, gefährlich? Keine Spur. Sogar eine Tombola veranstalteten die Rocker. Anstelle von Mettwurst und Schinken gab es Tätowierungen zu gewinnen. Gestochen vom Rocker-Chef persönlich.

Trügt der Schein? Immer wieder machen Meldungen die Runde vom Rocker-Krieg. Von Gewalt und Waffen, Drogen und Prostitution. Auch das Landeskriminalamt behauptet im Interview mit der NWZ , dass sich Mitglieder eines Rockerclubs nicht lange aus illegalen Geschäften heraushalten könnten. „Eine sehr pauschal ausgedrückte und fundamental völlig unbegründete Vorverurteilung durch eine Behörde“, entgegnet Bandidos-Sprecher Micha seinerseits im Interview. Und was sagt die Oldenburger Polizei?

„Die Polizeidirektion Oldenburg fährt in puncto Rockerkriminalität eine Null-Toleranz-Strategie“, teilte Pressesprecher Matthias Kutzner mit. „Wer sich so bewusst außerhalb jeglicher Rechtsnormen stellt, darf sich zu keinem Zeitpunkt vor staatlichen Konsequenzen sicher fühlen. Und das bedeutet, dass die Polizei alle Möglichkeiten auch in der Zusammenarbeit mit anderen Behörden ausschöpft, um gegen solche Menschen vorzugehen, die bereits mit ihrem Auftreten und Erscheinungsbild für Angst und Verunsicherung in der Bevölkerung sorgen.“ Fragen nach konkreten Straftaten, die den Oldenburger Bandidos angelastet werden, bleiben unbeantwortet.

Auffällig geworden sind die Oldenburger Bandidos in der öffentlichen Wahrnehmung selten. Neben den Bandidos gebe es Mitglieder der Hells Angels und des Gremium MC in der Stadt, ohne dass es zu Reibereien gekommen sei, so der ehemalige Rocker-Boss.

Schlagzeilen lieferte das Oldenburger Chapter zuletzt vor knapp einem Jahr: Drei Schüsse wurden am 30. November 2015 auf das Clubhaus abgegeben, eine Woche später folgte eine Razzia an der Alexanderstraße. Wer geschossen hat? Und warum? Darauf gibt es keine Antworten.

Die Zukunft der Bandidos in Oldenburg

Rätselhaft bleibt auch ein Vorfall im Sommer diesen Jahres. Ende Juli ist plötzlich ein Video auf Youtube zu sehen, das offenbar heimlich vom Gertrudenfriedhof aus aufgenommen wurde. Es zeigt, wie zwei Unbekannte, einer muss weit über zwei Meter messen, sich direkt vor dem Clubhaus mit einigen Bandidos anlegen. Es setzt Tritte, Schläge – bis die beiden Angreifer sich in Richtung Innenstadt davonmachen.

Der Vorfall ist unbestritten, ebenso, dass wenig später der Sergeant at Arms den Club verlässt. „Das hat mit der Auflösung des Chapters nichts zu tun“, sagt Witchy. Auch Konflikte mit anderen Clubs, etwa mit den Hells Angels, soll es zuletzt nicht gegeben haben. „Ich habe Kontakt zu Mitgliedern der Hells Angels, hier herrscht gegenseitige Akzeptanz.“

Auch wenn er nun nicht mehr die Symbole des Bandidos MC am Leib trägt, hat er den Geist des Rockerdaseins nicht völlig aufgegeben. „Seit 1979 gehöre ich zur Szene“, sagt Witchy und lächelt. „Mein Leben hat sich jetzt nicht geändert.“ Gut möglich, dass er als Gast erscheint, wenn die Bandidos in Aurich eine Party feiern. Er wird weiter als Tätowierer arbeiten, seine Harley Davidson ausfahren und an Autos herumschrauben. Karosseriebauer hat er schließlich mal gelernt. Vermisst er die Kutte, die er den Reportern im Mai noch stolz erklärt hat, denn gar nicht? Witchy lächelt wieder. „Das wäre traurig, wenn ich mich über die Kutte definieren würde.“ Der Mann macht die Kutte, nicht umgekehrt. Das sind sind die Regeln.

Timo Ebbers Ltg. / Online-Redaktion
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Tobias Schwerdtfeger Leitung / Regionalredaktion
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