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Start-up „Vertikali“ Diese Oldenburger setzen auf vertikale Landwirtschaft

Christian Ahlers

Oldenburg - Verseuchte Grundwasser, Billigpreise und zerstörte Artenvielfalt: Die Landwirtschaft steckt seit Jahren tief in der Krise und muss sich teils heftige Kritik gefallen lassen. Besonders deutlich wird das im Nordwesten, dem „Fleischgürtel“ Deutschlands. Seit Monaten machen Bauern aus der Region mit Trecker-Demos auf ihre prekäre Lage aufmerksam, Diskussionen über die Zukunft der Branche werden nicht nur beim Thema Tierwohl leidenschaftlich geführt – und drehen sich dabei oft im Kreis.

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Köln

Das junge Unternehmen „Vertikali“ aus Oldenburg will diesen Kreislauf durchbrechen. Die Zauberformel der Geschäftsführer Tom Junge (25) und Felix Jan Kunert (21) lautet: Vertical Farming, zu deutsch vertikale Landwirtschaft.

Dabei handelt es sich um ein laut Vertikali nachhaltiges Anbausystem in einem geschlossenen Raum, einer Indoor-Farm. Nahrungsmittel wie Salate und Kräuter werden so unter Laborbedingungen in mehrstöckigen Gewächshäusern – sogenannten Farmscrapers – in Wasser statt in Ede angebaut.

Weniger Ressourcen

„Bei dieser Form der platzsparenden Lebensmittelproduktion benötigen wir bis zu 95 Prozent weniger Wasser und kommen weitestgehend ohne Pflanzenschutzmittel aus“, sagt Tom Junge. Felix Jan Kunert erklärt, dass vor allem regionale Gastronomien beliefert werden sollen, „um lange Lieferwege zu vermeiden“. Den Vertrieb an lokale Gastronomiebetriebe oder auch Krankenhäuser wollen die Geschäftsmänner selbst übernehmen, damit sich Landwirte „voll auf die Produktion konzentrieren können“, sagt Jan Felix Kunert. Als Nachteil des Konzeptes gilt der noch hohe und damit kostenintensive Energieverbrauch.

Sehen Sie hier einen Vortrag von Stuart Odo auf dem Youtube-Kanal „Ted“ (englisch) :

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Auf die Idee für ihr Start-up kamen der aus Itzehohe stammende Kunert und der gebürtige Oldenburger Junge vor rund drei Jahren beim Studium in Groningen. Seither beschäftigen sie sich mit kaum etwas anderen, arbeiten nach eigener Aussage bis zu 16 Stunden täglich. In Belgien, der Niederlande oder auch in Skandinavien begutachteten sie bereits existierende Start-ups, entwickelten daraus ein Best-of für ihr Unternehmen. „Wir waren überrascht, wie groß die Hilfsbereitschaft untereinander ist“, sagt Tom Junge, „das ist kein knallharter Wettbewerb“. Jeder habe das gleiche Ziel: die Lebensmittelproduktion nachhaltiger gestalten. In Deutschland gibt es bisher zwei Unternehmen mit ähnlichem Schwerpunkt.

Ganz neu ist das Konzept nicht: Im Jahr 1999 haben Studenten der Columbia University in New York City zusammen mit ihrem Professor Dickson Despommier erste Überlegungen zur vertikalen Landwirtschaft zusammengetragen.

Ernährung der Zukunft

Wie genau das System von Vertikali aussehen wird, verraten die Jungunternehmer allerdings noch nicht: Geschäftsgeheimnis. Auch den Prototypen, an dem am Stadtrand von Oldenburg getüftelt wird, möchten sie erst im nächsten Jahr präsentieren.

Wie eine Vertical Farm aussehen kann, zeigt ein derweil Blick nach Dänemark: Rund 20 Kilometer vor Kopenhagen wurde jüngst die größte Anlage Europas in Betrieb genommen. Bei Vollauslastung soll dort ein Ernteertrag von bis zu drei Tonnen täglich erzielt werden. Auf 14 Etagen werden in der Farm zunächst unter anderem Minze, Basilikum, Rucola und junger Spinat geerntet. Erste Restaurants und Geschäfte sollen bereits im ersten Quartal 2021 beliefert werden. Wenn die gesamte Anlage steht, will das dänische Start-up Nordic Harvest zusammen mit einem taiwanesischen Investor rund 20 Salat- und Kräutersorten anbauen, wie Gründer Anders Riemann der Deutschen Presse-Agentur sagte.

Lesen Sie auch : Europas größte Vertical Farm entsteht in Dänemark (NWZ-Artikel vom 7. Dezember 2020)

Das Potenzial der zukunftsweisende Technologie hat auch „Bayer“ erkannt. Der Pharma-Riese investierte im Sommer 30 Millionen US-Dollar in die Entwicklung eines eigenen Anbausystems. Durch die umweltfreundliche Modernisierung der Lebensmittelproduktion, so die große Hoffnung, soll es gelingen, die immer weiter wachsende Weltbevölkerung zu ernähren – dem Klimawandel zum Trotz.

Projekt „Oldenburg ImmerBunt“

Die Macher von Vertikali wollen noch einen Schritt weiter gehen und belastete Ackerflächen in Blühwiesen umwandeln. „Bis zu drei Viertel der fliegenden Insekten sind schon verschwunden, etliche Insektenarten akut vom Aussterben bedroht“, sagt Tom Junge. Zusammen mit Imkern soll der nicht mehr für den Anbau benötigte Boden sinnvoll genutzt werden, „um unseren Teil für die Erhaltung der Artenvielfalt beizutragen“, sagt Junge.Dafür haben die Unternehmer das Projekt „Oldenburg ImmerBunt“ gestartet, für das sie nun über eine Crowdfunding-Plattform Mitstreiter suchen. Wenn es ideal läuft, sollen 70.000 Quadratmeter Acker am Stadtrand von Oldenburg gepachtet und zur Blühwiese umgewandelt werden. Auf Nachfrage bestätigt Junge, dass dabei Boden vom Hof seiner Eltern gepachtet werden sollen. Die Pacht sei dadurch jedoch nicht günstiger. Unterstützer erhalten dabei – je nach Betrag – neben einer Urkunde ein Dankeschön, zum Beispiel Baukästen für Insektenhotels. Finanzielle Überschüsse sollen in das Anbausystem von Vertikali fließen. „Somit bekämpfen wir die Symptome und Problematik zugleich, indem wir Raum für unsere Artenvielfalt schaffen und die Landwirtschaft nachhaltig ausrichten“, sagt Jan Felix Kunert.

Die Crowdfunding-Kampagne läuft noch bis zum 28. Februar 2021.

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