Oldenburg - Nocturnes. Das sind zuvörderst jene Nachtstücke von Frédéric Chopin und Zeitgenossen mit ihrer Leichtigkeit der Finger, Gedanken, Gefühle. Doch wer kennt Nachtmusiken von Matthias Hutter oder Urmas Sisasc? Allenfalls noch welche von Fazil Say oder Paul Hindemith. Doch wer eins der beiden Konzerte vom Klavierquartett „Tastissimo“ in der Aula der Uni besucht hat, weiß Bescheid. Es gibt auch Neue Musik zum Thema „Nacht.“ Beruhigende, beunruhigende, verschrobene, spannende, verzaubernde.
Debussy, Hindemith, Hutter
„Tastissimo“ besteht aus vier Spürnasen. Christiane Abt, Ruth Ense, Ronald Poelman und Olga Riazantceva-Schwarz (sie vertritt diesmal Gabriele Hoeltzenbein) sind seit 2006 in Sachen Zeitgenössische Musik unterwegs. Über den Weg gelaufen sind den vier neugierigen Pianierenden diesmal Claude Debussy mit „Claire de Lune“, Fazil Say mit „Night“ op. 68, Paul Hindemith mit „In einer Nacht“, Matthias Hutter mit „Gesängen der Nacht“ und Urmas Sisask mit „Andromeda.“ Direkt dabei sind Poelman und Riazantceva-Schwarz mit kurzen eigenen Kompositionen. An zwei Klavieren spielt das Quartett mit zwei, vier, sechs oder acht Händen.
Pianist von Weltrang
Die nächtlichen Grübelarbeiten von Say, Hutter und Sisask sind vielfältig ausgesponnen. Say, der türkische Pianist von Weltrang, hat 2017 normale dunkle Nachtgedanken mit jenen Furchtgefühlen und Hoffnungen zur Entwicklung seines Landes verbunden, etwa mit dem aufwiegelnden Bass. Der Este Sisasc baut geradezu ein Mehrfach-Universum mit glitzernden Sternen auf und entschwindet in der Unendlichkeit.
Komponist stellt Rätsel
Hutter hat ein fast 30 Jahre altes Orchesterwerk speziell für Oldenburg für vier Pianisten und Tamtam bearbeitet. Der Musikschulleiter aus Philippsburg in Baden hat 2021 den 20. Kompositionswettbewerb der Carl von Ossietzky-Universität eindrucksvoll gewonnen. Jetzt fordert er die Fantasie der Hörenden erneut. Türmen sich in der Musik da nicht Probleme gerade in der Nacht überhoch auf? Schwimmen sie nicht dort auf einem ruhigen Strom davon? Achtung, geht es hier nicht in Stromschnellen hinein?
Der Komponist stellt gern Rätsel, will aber „niemanden überfordern.“ So hat er seinen Weg eingeschlagen. „Nicht jeder Komponist muss nach den Sternen greifen“, sagt er im Gespräch. „Irgendwann wurde meine Musik zu schwer, jetzt bin ich heruntergekommen.“ Fröhlich stellt er fest: „Gute Musik wird einfach gehört, ohne Einsortierungen.“
Perfektes Zusammenspiel
Hutters Uraufführung in dieser Fassung wirkt anregend, gerade durch das Spiel der Vier. „Großen Respekt“ zollt er für die Interpretation, „dieses alles so synchron zusammen und in Einklang zu bringen.“ Die Vier spornen sich an, weisen mit Klarheit die Wege, die diese fantasievollen und grüblerischen Stücke einschlagen. Sie spielen perfekt zusammen, aber ohne jene Überdosis, die Vollkommenheit einebnet und glattbügelt. Genau damit ergibt sich diese spannende Tastissimo-Balance.
