Oldenburg - Der Bedarf an sonderpädagogischen Fachkräften steigt immer weiter an. Mit dem neuen Format der Weiterbildung „Schulische Sonderpädagogik“ will die Universität Oldenburg diese Qualifizierungslücke schließen – und trifft damit offensichtlich einen Nerv: Der erste Durchgang ist mit 25 Teilnehmenden aus ganz Niedersachsen ausgebucht, er richtet sich an Lehrkräfte an Einrichtungen in freier Trägerschaft.
„Mit unserem neuen Angebot reagieren wir auf den Bedarf“, so Heinrich Ricking, gemeinsam mit Clemens Hillenbrand wissenschaftliche Leitung des Programms. Ricking und Hillenbrand sind Professoren für Sonderpädagogik, sie werden von Manuel Karczmarzyk, Abteilungsleiter wissenschaftliche Weiterbildung an der Oldenburger Uni, und Marie-Christine Vierbuchen, Professorin für Sonderpädagogik des Lernens an der Uni Flensburg, unterstützt.
Inklusive Schule bedeutet, dass im Klassenverband Kinder mit und ohne besonderen Förderbedarf unterrichtet werden. In Niedersachsen ist die inklusive Schule im Schuljahr 2018/2019 in den Schuljahrgängen 1 bis 10 der öffentlichen allgemein bildenden Schulen eingeführt worden. Inklusiv arbeitende Schulen erhalten zusätzliche Stellen, um dem erhöhten Förderbedarf gerecht zu werden.
Die Zunahme des Förderbedarfs erklären Fachleute damit, dass durch die Inklusion auch in den allgemeinbildenden Schulen Sonderpädagogen arbeiten, die mit besonders geschultem Blick mehr Auffälligkeiten frühzeitig erkennen. Doch es fehlen Fachkräfte – der Verband Erziehung und Wissenschaft spricht von 127.000 fehlenden Lehrkräften insgesamt bis zum Jahr 2035.
In den USA wurde die inklusive Beschulung vor 25 Jahren eingeführt. Dort ist die Rate der Kinder, bei denen ein sonderpädagogischer Förderbedarf festgestellt wurde, seither von sieben auf elf Prozent gestiegen.
Die Weiterbildung „Schulische Sonderpädagogik“ an der Uni Oldenburg besteht aus sechs Modulen, die auch einzeln absolviert werden können. Sie richtet sich an Mitarbeiter an Bildungsstätten in freier Trägerschaft. Das gesamte Programm umfasst 60 Kreditpunkte und dauert anderthalb Jahre.
Teilnahmevoraussetzungen sind mindestens zwei Jahre Berufserfahrung im Schulkontext und ein pädagogischer Hochschulabschluss oder Master of Education/1. Staatsexamen. Ein anderer Master kann nach Einzelfallprüfung anerkannt werden.
Erhöhter Förderbedarf
„Wir haben eine deutliche Zunahme von Schülerinnen und Schülern mit erhöhtem Förderbedarf“, erklärt Hillenbrand die Notwendigkeit der Weiterbildung. „Im Zuge der Inklusion hat man weitaus mehr Kinder entdeckt, die Unterstützung brauchen.“ Die Zahlen seien von fünf Prozent von Schülern mit Förderbedarf auf nun sieben Prozent gestiegen (siehe „Mehr zum Thema!). Um Kinder, die schlechtere Lernbedingungen mitbringen, optimal fördern zu können, sei eine sonderpädagogische Expertise vonnöten, betont Heinke Röbken, Direktorin des Centers für lebenslanges Lernen an der Uni (C3L), an dem die Weiterbildung angesiedelt ist.
„Wir haben oft pädagogische Fachkräfte, denen aber die sonderpädagogische Seite fehlt.“ Ohne die aber geht es nicht, das wird den Dozenten immer wieder gespiegelt: Die Teilnehmenden an der Weiterbildung möchten mehr wissen zu Strategien, wie sie Kinder mit besonderem Bedarf fördern, sie motivieren und deren Konzentration stärken können. Dabei erwarten sie eines: alltagstaugliche Methoden. „Wir arbeiten ständig mit einer Brücke von der Theorie zur Praxis“, nennt es Heinrich Ricking.
Das Kickoff der Weiterbildung war online am 28. März, am vergangenen Wochenende haben sich die Teilnehmenden im Alter von 28 bis 55 Jahren zum ersten Mal zu einer Präsenzphase in Oldenburg getroffen. Das gesamte Programm umfasst sechs Module, die mit dem Diplom of Advanced Studies abschließen. „Die Teilnehmerinnen und Teilnehmerinnen leisten viel, die Motivation ist hoch“, betont Manuel Karczmarzyk: Rund zehn Stunden investieren sie pro Woche neben ihrer Berufstätigkeit, hinzu kommen die Präsenzphasen.
Weiterbildung wichtig
Da die Weiterbildung nicht staatlich gefördert wird, müssen viele sie aus der eigenen Tasche bezahlen. Dabei wäre es wichtig, dass gerade jene Pädagogen, die schon länger im Berufsleben stehen, sich hier weiterbilden, sind sich die Experten einig. Denn sie sind – anders als heutige Studierende – noch nicht auf das Thema Inklusion vorbereitet worden. „Um Kinder mit erhöhtem Förderbedarf zu begleiten, braucht man spezielle Handlungsstrategien – das geht nicht intuitiv“, macht Vierbuchen deutlich.
