Oldenburg - Oldenburg ist kein Elfenbeinturm: Hier macht Wissenschaft sich nützlich. Bestes Beispiel sind die Hörforscher rund um das Exzellenzcluster „Hearing4all“ mit Fraunhofer-Institut und Klinischem Innovationszentrum für Medizintechnik (Kizmo). Dazu gehören 200 hochqualifizierte Arbeitsplätzen außerhalb und 200 Arbeitsplätze innerhalb von Universität Oldenburg und Jade Hochschule und Studiengängen wie Physik, Hörtechnik, Engineering Physics und PTM (Physik, Technik, Medizin). Oldenburg ist ein „Innovations-Biotop“, sagt „Hearing4all“-Sprecher Prof. Dr. Dr. Birger Kollmeier, und schließt damit die Medizinische Hochschule Hannover und die Leibniz Uni Hannover als weitere Universitäten des Exzellenzzentrums für Hörforschung ein.
„Weltweit angesehen“
Die Entwicklungen reichen von High-End-Hörgeräten für alle und Cochlea Implantaten gegen die Folgen von Hörminderung und Hörverlust vom Baby bis zum alten Menschen über die Schlaganfall-Untersuchung durch neueste Schwindeldiagnostik und Gesundheits-Apps fürs Handy bis zur Verbesserung der Sprachverständlichkeit von Fernsehsendungen und dem Audio-Sound in der neuen Mercedes-S-Klasse. Kizmo-Geschäftsführer Dr. Michael Buschermöhle sagt: „Hier entstehen Dinge, mit denen man im Alltag etwas anfangen kann. Wir bringen Innovationen voran und machen Produkte daraus. Medizintechnik aus Deutschland ist weltweit angesehen und beliebt – auch konjunktur-unabhängig. Wir sind damit einer der Innovationsmotoren für Deutschland.“
„Alles greift ineinander“
Oldenburg stehe dank seines besonderen „Ökosystems“ an Forschungs- und Anwendungs-Einrichtungen so weit oben: Universitäre Grundlagenforschung, praxisnahe Produktentwicklung und klinische Patientenversorgung griffen ideal ineinander, um „effektive, leicht zugängliche und erschwingliche Hörlösungen für alle“ zu finden. Das Spektrum an nützlichen Produkten reiche aber noch viel weiter. Buschermöhle sagt: „Wir verbinden neue Technologien so, wie sie bisher noch nicht verbunden waren.“ Alles greife ineinander, sagt Fraunhofer-Gruppenleiter Dr. Jan Rennies Hochmuth: „von Physik, Biologie, Psychologie und Medizin bis zur Beschäftigung von Produktdesignern und Maschinenbauern“.
Von der Idee zum Produkt
Während man „normalerweise von der Demonstration der Umsetzbarkeit bis zum Produkt eine sehr lange Durststrecke“ habe, wirkten Fraunhofer und Kizmo in Oldenburg zusammen, um „das Beste aus beiden Welten zu verbinden“ und so in viel kürzerer Zeit nutzbar zu machen, sagt Kollmeier. Auch die Nähe zum Evangelischen Krankenhaus und der Austausch mit der HNO brächten die Entwicklung wichtiger Produkte deutlich weiter, so die Forscher. Am Pius-Hospital wird gerade ein „smarter Knopf im Ohr“ zur Unterstützung der Kommunikation des OP-Personals getestet.
Mit Hilfe der An-Institute und der Anwendungsforschung (Translationsforschung) bei „Hearing4all“ werden „gute Ideen aus der Medizin in Produkte übersetzt“, sagt Birger Kollmeier. Oldenburg sei nicht zufällig neben Aachen, München und Berlin schon vor Jahren als eine von vier deutschen „Industrie-in-Klinik-Plattformen“ ausgewählt worden, so Kizmo-Chef Buschermöhle.
Neubau geplant
Das Oldenburger Institut für Hör-, Sprach- und Audiotechnologie des Fraunhofer Instituts für Digitale Medientechnik ist durch seinen Erfolg so stark gewachsen, dass es längst aus allen Nähten platzt, sagen die Wissenschaftler. Am Küpkersweg soll deshalb für 40 Millionen Euro ein neues „Institut für Hör-, Sprach- und Neurotechnologie“ entstehen, direkt neben „NeSSy“, dem neuen Gebäude für Medizinische Physik mit den Forschungszentren „Neurosensorik“ und „Sicherheitskritische Systeme“ und seinen „weltweit einzigartigen Laboren zum Thema Neuro“, sagt Birger Kollmeier. Das Land ist bereits im Boot, die Zusage vom Bund fehlt noch.
Am 2. und 3. November treffen sich 200 Fachleute aus aller Welt, um sich beim „Hearing4all“-Symposium in der Weser-Ems-Halle über die „Zukunft des Hörens“ auszutauschen.
