Domitila Barros (37) wurde vor einigen Wochen zur Miss Germany 2022 gewählt. Anders als in früheren Jahren geht es in dem Wettbewerb nicht mehr ums Aussehen.
Sie haben bereits einen Preis der Unesco für ihr soziales Engagement erhalten. Wie passt das für Sie mit der Miss Germany-Wahl zusammen und warum haben Sie sich entschieden, dort anzutreten?
Barros Schöne Frage – in erster Linie habe ich mitgemacht, einfach weil ich konnte! Noch vor wenigen Jahren wäre das für eine Frau von 37 Jahren gar nicht möglich gewesen. Ich versuche in meinem Leben, alle Möglichkeiten in Anspruch zu nehmen, um mich weiter zu entwickeln. Erst war ich auch skeptisch. Meine Themen sind Nachhaltigkeit, Woman Empowerment und Diversity. Als ich hörte, dass es bei dem Wettbewerb nun nicht mehr um das Äußere geht, wollte ich das mit eigenen Augen sehen. Ich dachte, wenn das stimmt, könnte ich die Wahl als Plattform für meine Themen nutzen. Ich hatte vorher nie einen Rahmen gefunden, wo ich so sein darf, wie ich bin. Nun habe ich das Gefühl, ich bin angekommen.
Wie haben Sie es geschafft, aus der Masse der Bewerberinnen herauszustechen?
Barros Das ist schwierig zu beantworten. Alle 22 Finalistinnen sind meine Schwestern. Ich sehe es so, dass meine Mission gewonnen hat. Mutter Erde hat gewonnen, die Hoffnung hat gewonnen, nicht Domitila. Ich bekomme so viel tolles Feedback nach der Wahl. Bisher hat keine Woman of Colour gewonnen. Ich bekomme dafür Zuspruch auch aus dem Ausland.
Die 37-Jährige ist zur Miss Germany 2022 gewählt worden. Die Miss Germany Corporation, ein Familienunternehmen in dritter Generation, hat ihren Sitz in Oldenburg.
Domitila Barros ist in einer Favela in Brasilien aufgewachsen. Für ihr besondere Engagement für Straßenkinder wurde sie mit 15 Jahren mit einem Preis der Unesco, dem Millenium Dreamer Award, ausgezeichnet. Mit 21 Jahren kam sie für ihr Studium nach Deutschland und lebt seitdem in Berlin.
Sie sieht sich als „Greenfluencerin“ und will sich weiter für soziale Gerechtigkeit und Umweltschutz einsetzen.
Wie würden Sie ihre Mission beschreiben?
Barros Ich glaube, die Menschen sind gut. Ich möchte die Themen Naturschutz und soziale Gerechtigkeit cool machen. Es soll cool sein, wenn man nicht mit dem Auto zur Arbeit gefahren ist. Nächste Woche werde ich auf einem Treffen unserer Außenministerin Annalena Baerbock begegnen. Ich kann so viel erreichen, und ich habe viel Ausdauer. Ich bin in einer Favela aufgewachsen, meine Oma konnte nicht lesen, meine Eltern leben immer noch dort. Mir wurde geholfen. Ich glaube, wenn Menschen in Sicherheit leben, sind Wunder möglich.
Wie haben Sie sich gefühlt, als sie als Gewinnerin ausgerufen wurden?
Barros Mir haben die Beine versagt, drei Tage lang war ich wie betrunken. Ich bin einfach glücklich, am Leben zu sein. Alle meine Opfer haben mich auf diese Bühne geführt.
Welche Opfer waren das?
Barros Mein Weg war nicht leicht. Als ich zwölf Jahre alt war, wurde meine beste Freundin vor meinen Augen von der Polizei erschossen. Mit 13 musste ich anfangen zu arbeiten und die Familie mit unterstützen. Mit 15 Jahren habe ich den Unesco-Award bekommen. Und schon damals, in diesem Alter, war ich mir meiner Verantwortung voll bewusst. Mit 17 Jahren habe ich studiert, mit 21 Jahren kam ich nach Deutschland und habe meinen Master absolviert. Ich habe in den letzten 20 Jahren 5000 Vorträge gehalten.
Das Thema soziale Gerechtigkeit ist Ihnen besonders wichtig. Was ist Ihnen an den Rechten für Frauen besonders wichtig?
Barros Die Frauen hier in Deutschland sind unabhängiger von den Männern. In Brasilien sieht das anders aus. Mir ist meine Selbstständigkeit sehr wichtig. Als ich in Brasilien studiert habe, musste ich der Universität jedes halbe Jahr eine Unterschrift meines Vaters vorlegen, dass er meine Noten zur Kenntnis genommen hat. Das hat mich aufgeregt, denn ich habe alles selbst bezahlt. Tagsüber habe ich gearbeitet, abends war Uni. Es geht mir ums Prinzip, nicht gegen meinen Vater. Ich liebe ihn, er hat mich zu der Frau gemacht, die ich bin.
Noch eine Frage an die Miss Germany: was bedeutet Ihnen Schönheit?
BarrosSchönheit ist für mich subjektiv. Es gibt bestimmt Menschen, die mich nicht schön finden. Es geht darum, sich in seiner eigenen Haut wohl zu fühlen, um Spiritualität. Wenn ich mich wohlfühle, bin ich für mich die schönste Domitila.
