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NWZonline.de Region Stadt Oldenburg

Geschichte: Wie das Leben so spielt

22.09.2015

Oldenburg Lass’ Dich überraschen: Zwei Fotografen und ein Reporter haben bei Richard Kaupass im Wohnzimmer gesessen, das Telefon hat geklingelt, die Bild-Zeitung wollte ihn auch knipsen. Richtig berühmt war der Oldenburger damals. Das goldene Mikrofon hatte er bei der Rudi-Carrell-Show gewonnen: für die beste Imitation. 25 Jahre ist das her. Heute ist die Presse wieder da. Diesmal hat der Rentner selbst angerufen.

Quartier im Arbeitslager

„Da hab’ ich meine Kindheit verbracht“, sagt Richard Kaupass und wedelt mit der NWZ , zeigt auf das Schwarzweißfoto von dem Flüchtlingslager in Ohmstede, das jüngst in einem Bericht über Flüchtlinge erschien: „Baracke 19 war unsere, genau die da. Da stand unser Tisch – vor dem Apfelbaum.“ Richard Kaupass’ Eltern waren Vertriebene: Der Vater aus Lettland von der deutschen Wehrmacht verschleppt, um an der Front zu kämpfen, und die Mutter aus dem besetzten Estland hatten sich nach Kriegsende in einem Erstaufnahmelager kennen und lieben gelernt. Das Schicksal, nicht ins inzwischen russisch besetzte Zuhause zurückkehren zu können, und ein gemeinsames Kind schweißte sie zusammen: 1950 wurden sie Oldenburg zugeteilt. Richard kam im PFL, das damals noch ein richtiges Hospital war, zur Welt. Einquartiert wurde die Familie in der Barackensiedlung für Flüchtlinge aus den baltische Staaten. Errichtet hatten die Nazis sie – als Arbeitslager für Verschleppte. Nach der Befreiung wurde der Stacheldraht durch Holzzäune ersetzt. Bis Anfang der 60er Jahre sollte es die Heimat der Heimatlosen bleiben.

Köstliche Carepakete

„Gemeinschaftsklo, kein fließend Wasser. Fleisch gab es selten. Dafür musste man stundenlang anstehen. Klamotten gab es von der Kleiderkammer“, sagt Richard Kaupass und erzählt von Schuhen, die immer zu eng waren, kalten Wintern, Carepaketen aus Amerika: „Mit Käse in Dosen. Salziger Butter. Und Milchpulver. Das habe ich pur geschleckt.“ Verhungert sind sie nicht. Die Mutter ist von Haus zu Haus gezogen und hat Bürsten verkauft. Die Kinder haben zwischen den Rhododendren-Büschen mit Murmeln gespielt. „Bei uns war immer was los“, sagt der heute 65-Jährige. Manchmal hat der Vater seine Gitarre rausgeholt, dann haben sie alle gesungen. Und Richard hat seine erste große Liebe entdeckt: die Musik. Zu Weihnachten gab es eine Melodica, Richards Auftakt zur Bandkarriere. Er spielte Klarinette, Klavier, Gitarre, gründete eine Combo: bestehend aus Kindern von Esten, Letten und Litauern.

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Sprache der Musik

„Die aus dem Letten-Lager“, haben die deutschen Jungen und Mädchen in der Schule gesagt. Zu denen hatte Richard wenig Kontakt. Ihre Sprache beherrschte er allerdings besser, als die seiner Eltern. Auch Zuhause verständigte sich die Familie auf Deutsch. „Das Lager war eine eigene Welt“, sagt der Oldenburger. Sicher habe er sich dort gefühlt. „Ich kannte nichts anderes“, sagt er. Im Zuge des sogenannten Barackenräumungsprogramms ließ die Stadt 1960 Richards Zuhause abreißen und baute für die Vertriebenen Häuser im Rennplatzviertel. „Mit Badewanne und eigenem Klo“, sagt der 65-Jährige. Seine behütete Jugend aber endete mit dem Umzug: Die Eltern trennten sich, Richard begann eine Lehre zum Chemielaboranten, fühlte sich oft ausgenutzt, deplatziert, missverstanden. „Vieles in meinem Leben ist nicht so gelaufen, wie ich es gewünscht hätte“, sagt er.

Wunder und Wunden

2012 bekam er die Diagnose Darmkrebs: Operationen, Chemo, Frührente. Kurz darauf hat Richard Kaupass ein Buch geschrieben. „Misstöne“ heißt es. Den ganzen Frust und Ärger habe er da rein gesteckt. Zwischen die dunklen Seiten seines Lebens mischen sich aber auch etliche Zeitungsberichte; Bandfotos, Plattencover, erzählen große Geschichten von seiner Musikerlaufbahn. Dazu gehört auch der Auftritt in der Rudi- Carrell-Show als Imitation des australischen Sängers John Farnham: Richard Kaupass im Fernsehstudio mit dem goldenen Mikro. „Lass dich überraschen, gleich, das ist ganz klar, werden Wunder Wirklichkeit, werden Träume wahr“, heißt es im Titelsong der Sendung.

Ein paar sind geplatzt. Richard Kaupass seufzt. Und blättert zurück. Zum „besten Kapitel seines Lebens“. So nennt er die Kindheit im Lager. An keinem anderen Ort, zu keiner anderen Zeit habe er aufwachsen wollen. Oldenburg sei seine Heimat. Ein Stück davon: Die Baracke 19 mit dem Tisch und dem Apfelbaum davor in der NWZ  zu entdecken, dass hat ihn wirklich überrascht.

Lea Bernsmann Redakteurin / Redaktion Oldenburg
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