NWZonline.de Region Stadt Oldenburg Wirtschaft

Geschichte: Als Friedrich Ebert noch Sattler war

08.10.2010

OLDENBURG „Die Polsterer prägten die Lebensumwelt der Menschen, Sattler genossen wegen ihres kunstvollen Umgangs mit Leder ein hohes Ansehen in einer Zeit, als viele Menschen noch mit Pferden unterwegs waren.“ Staatsarchivar Dr. Wolfgang Henninger weiß den Schatz zu würdigen, den er von der Raumausstatter- und Sattler-Innung Oldenburg ausgehändigt bekommen hat. Zum 125-jährigen Bestehen hat die Innung ihr Archiv dem Staatsarchiv übergeben. Henninger hat es gesichtet und ein Findbuch erstellt, in dem die Exponate vermerkt sind.

Ein Flugblatt vom 6. November 1918 über den bevorstehenden Waffenstillstand am Ende des Ersten Weltkriegs beispielsweise. Ansonsten gab sich die Innung eher unpolitisch. Die historischen Unterlagen der Innungsverwaltung wurden vor allem von den ehemaligen Obermeistern Franz Hallerstede, Otto Holert und Erich Harms bewahrt – in Oldenburg keine unbekannten Namen.

Zu finden sind die älteste Innungssatzung von ca. 1832, ein in den Jahren 1845-1862 geführtes „Namensverzeichnis der durchreisenden Sattler-Gesellen“ und vor allem Protokollbücher der Innungsversammlungen. „Einen knappen Meter Raum nehmen die Unterlagen ein“, berichtet Henninger, den vor allem das historische Interesse der Innung beeindruckt. „Die Obermeister haben ihren Mitgliedern immer wieder nahegelegt, dass sie in einem alten traditionsreichen Gewerbe arbeiten“, hat der Archivar herausgearbeitet.

Einwilligung und Werberichtlinie

Ja, ich möchte den täglichen NWZonline-Newsletter erhalten. Meine E-Mailadresse wird ausschließlich für den Versand des Newsletters verwendet. Ich kann diese Einwilligung jederzeit widerrufen, indem ich mich vom Newsletter abmelde (Hinweise zur Abmeldung sind in jeder E-Mail enthalten). Nähere Informationen zur Verarbeitung meiner Daten finde ich in der Datenschutzerklärung, die ich zur Kenntnis genommen habe.

Einen breiten Raum nimmt das Schriftmaterial aus der Zeit der Weimarer Republik ein, als im Zuge der Weltwirtschaftskrise Lohnkonflikte entstanden und Mitglieder in ihrer finanziellen Not die Innung verlassen wollten. Henninger: „Es bestand aber eine Zwangsmitgliedschaft. Nicht-Mitglieder durften das Gewerbe nicht betreiben.“

Zurück reicht die Geschichte der Raumausstatter- und Sattlerinnung auf die Mitte des 17. Jahrhunderts belegte Sattler- und Riemerzunft in der Stadt. Nach der Auflösung der Zünfte in der Franzosenzeit entstand aufgrund der großherzoglichen „Verordnung zur Handwerksverfassung“ von 1830 erneut ein Sattler- und Tapezier-Amt, das nach einer Unterbrechung aufgrund der Einführung der Gewerbefreiheit im Großherzogtum Oldenburg 1861 ab 1885 als (freie) Sattler- und Tapezier-Innung wieder begründet wurde, heißt es im Findbuch. In jener Zeit arbeitete unter anderem der Sattlergeselle (und spätere Reichspräsident) Friedrich Ebert auf seiner Wanderschaft als Geselle einige Zeit in Rastede.

1899 wurde die Innung auf Geheiß des Staatsministeriums in eine Sattler- und Tapezier-Zwangsinnung mit Pflichtmitgliedschaft umgewandelt. Kurzzeitig (von 1928 bis 1932) waren beide Gewerbe als „Sattler-Zwangsinnung“ bzw. „Tapezier-Zwangsinnung“ organisatorisch getrennt.

Mit der zum „Gesetz über den vorläufigen Aufbau des deutschen Handwerks“ vom 29. November 1933 erlassenen „Ersten Verordnung über den vorläufigen Aufbau des deutschen Handwerks“ vom 15. Juni 1934 wurden unter anderem die Pflicht-Innungen und die Kreishandwerkerschaften eingeführt. Entsprechend lautete der Name seit 1934 „Sattler- und Tapezier-Pflicht-Innung“ . Aufgrund des „Gesetzes zur Änderung der Handwerksordnung“ vom 9. September 1965 firmiert die Innung seit 1966 unter ihrer aktuellen Bezeichnung („Raumausstatter“ statt „Polsterer und Dekorateure“). Das Raumausstatterhandwerk gehört seit der Novellierung der Handwerksordnung im Jahre 2003 zu den zulassungsfreien Handwerken.

der Raumausstatter und Sattler Oldenburg ist zuständig für Meisterbetriebe in der Stadt und im Landkreis Oldenburg sowie im Landkreis Ammerland. 1948 umfasste die Innung 72 Betriebe, in diesem Jahr sind noch 17 registriert. Den Namen Raumausstatter- und Sattlerinnung trägt sie seit 1966.

der Innung von 1836 befindet sich im Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte, ebenso die alte Zunftlade der Sattler. Auch das Museumsdorf Cloppenburg, das die regionale Handwerksgeschichte erforscht, wird das Archiv für Forschungen und Ausstellungen nutzen.

am Damm hat die Unterlagen im Umfang von 0,9 Meter bereits verzeichnet und ein „Findbuch“ erstellt. Im Benutzersaal des Staatsarchivs können sie ab sofort eingesehen werden (Bestand „Erw. 30 Handwerksinnungen“). Das Innungsarchiv ergänzt das im Staatsarchiv bereits vorhandene Archiv der Handwerkskammer Oldenburg (Dep. 30).

Thomas Husmann Redakteur / Redaktion Oldenburg
Rufen Sie mich an:
0441 9988 2104
Meine Themen: Verpassen Sie keine für Sie wichtige Meldung mehr!

So erstellen Sie sich Ihre persönliche Nachrichtenseite:

  1. Registrieren Sie sich auf NWZonline bzw. melden Sie sich an, wenn Sie schon einen Zugang haben.
  2. Unter jedem Artikel finden Sie ausgewählte Themen, denen Sie folgen können.
  3. Per Klick aktivieren Sie ein Thema, die Auswahl färbt sich blau. Sie können es jederzeit auch wieder per Klick deaktivieren.
  4. Nun finden Sie auf Ihrer persönlichen Übersichtsseite alle passenden Artikel zu Ihrer Auswahl.

Ihre Meinung über 

Hinweis: Unsere Kommentarfunktion nutzt das Plug-In „DISQUS“ vom Betreiber DISQUS Inc., 717 Market St., San Francisco, CA 94103, USA, die für die Verarbeitung der Kommentare verantwortlich sind. Wir greifen nur bei Nutzerbeschwerden über Verstöße der Netiquette in den Dialog ein, können aber keine personenbezogenen Informationen des Nutzers einsehen oder verarbeiten.