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NWZonline.de Region Stadt Oldenburg Wirtschaft

„Die Stadt gibt mir keinen Spielraum“

05.02.2015
NWZonline.de NWZonline 2015-07-20T15:27:34Z 280 158

Interview:
„Die Stadt gibt mir keinen Spielraum“

Frage: Herr Marseille, wie kam es 2007 eigentlich zum Ende des Betriebs im Wallkino?

Marseille: Der letzte Wallkino-Betreiber Herr Rossmann (heute noch Casablanca-Betreiber, Anm. d Red.) hat sich nicht an den Vertrag gehalten. Seine Einwendung war, dass er beim Kaffeetrinken mit meiner Mutter Mietreduzierungen vereinbart habe. Nachdem wir eine Million in die Fassade investiert hatten. Wir. Nicht Herr Rossmann. Das ging drei Mal so. Er hat sich immer auf das Kaffeetrinken mit meiner Mutter bezogen. Der Vertrag hatte eine Laufzeit, er wollte verlängern, und ich erinnerte ihn an die Konditionen. Am Ende ist er gegangen.

Frage: Und welche Pläne hatten Sie dann?

Marseille: Wenn ich nach Einnahme der Miete mehr Kosten habe, als wenn ich es leer stehen lasse, und einen Kinobetreiber, der die Säle nicht mehr voll bekommt, bietet sich eine Kinonutzung nicht an. Das Kinogeschäft hat sich seither nicht verbessert. Alle Filme bekommen Sie über Netflix und Apple TV. Die großen Kino-Zeiten sind vorbei, aber das ist in Oldenburg bei gewissen Leuten nicht angekommen.

Frage: Aber wenn es verfällt, machen Sie auch Verlust.

MArseille: Sagen Sie mir die Alternative!

Frage: Es gab doch 2009 Gespräche mit der Stadt . . .

MArseille: . . . die führten zu keinem realistischen Ergebnis. Die Stadt hat nur Vorschläge gemacht, was ich mit der Immobilie machen soll, nicht was die Stadt machen könnte. Ich habe vorgeschlagen, das Gebäude abzureißen und die Fassade stehen zu lassen. Was wollen Sie in einer Stadt mit einem Gebäude, das nicht funktionstüchtig ist? Auch die Fassade stehen zu lassen, ist sehr teuer.

Frage: Hatten Sie eine konkrete Idee?

Marseille: Wenn Sie keine Gestaltungsmacht haben – was wollen Sie tun? Seit das Gebäude unter Denkmalschutz steht, und der Antrag auf Teilabriss abgelehnt wurde, ist mir die Gestaltungsmacht aus der Hand genommen. Ich kann gar nichts machen. Ein Kino funktioniert nicht. Das Gebäude hat zwei schräge Böden. Da kann man nicht einmal einen Supermarkt hineinsetzen.

Frage: Was erwarten Sie von der Stadt?

Marseille: Sie muss den Gestaltungsspielraum öffnen. Das Gebäude ist toll, und ich habe daran schöne Kindheitserinnerungen, aber es ist mental für mich so weit weg, wie Sie heute von Oldenburg nach Hamburg gefahren sind. Ich habe andere Dinge, die mich mehr bewegen.

Das ist Ulrich Marseille

Ulrich Marseille (59) ist ein Hamburger Unternehmer. Er hält mit seiner Frau die Aktienmehrheit an dem Unternehmen „Marseille-Kliniken“, zu dem unter anderem das Altenpflegeheim Amarita in Oldenburg gehört. Das Wallkino hat mit dem Unternehmen nichts zu tun; Marseille erbte es von seiner Adoptivmutter Ilse Marseille, die mit ihrem Mann Theo nach dem Krieg ein florierendes Filmtheater-Unternehmen aufgebaut hatte.

Die Unternehmenszentrale der Marseille-Kliniken ist in Hamburg. Der Umsatz betrug zuletzt 202 Millionen Euro pro Jahr, das Ergebnis lag bei 3,6 Millionen Euro.

Frage: Wann ist denn das Kino unter Denkmalschutz gestellt worden?

Marseille: Das ist eine spannende Geschichte. Am Tag, als Herr Rossmann „auszog“, kam als Abschiedsgeschenk die Unterdenkmalschutzstellung. Und das ist nur eine von vielen Merkwürdigkeiten.

Frage: Und die anderen?

Marseille: Ich habe ja mehrere Anträge gestellt, nicht nur den auf Teilabriss. Die hätten positiv beschieden werden müssen nach Recht und Gesetz. Als nach eineinhalb Jahren nichts passiert war, haben unsere Anwälte Akteneinsicht gefordert. Dann bekamen sie zur Antwort, die Akten seien nicht mehr da. Das ist jetzt die Situation seit einem Jahr. Das haben wir auch schriftlich: Das, was abgelegt worden war, sei verschwunden.

Frage: Was waren das für andere Anträge?

Marseille: Wir wollten zum Beispiel wissen, was genau unter Denkmalschutz steht. Das Verfahren zieht sich seit Jahren hin, bis heute haben wir keine Antwort. Das ist wie ein rechtsfreier Raum. Man kommt sich ein bisschen vor wie in Weißrussland. Das Ganze hat anarchische Züge. Da gibt es offenbar Strömungen, die sachfremde Erwägungen haben.

Frage: In Oldenburg haben viele eher das Bild, da ist der Eigentümer des Wallkinos, der kümmert sich um nichts.

Marseille: Grundsätzlich hat jeder Immobilienbesitzer das Interesse, seine Gebäude ordentlich zu bewirtschaften. Aber man muss einen Gestaltungsspielraum haben. In Hamburg hat ein Bekannter von mir das Gebäude neben dem Hotel „Vier Jahreszeiten“ an der Alster gekauft. Er hat die Genehmigung zum Teilabriss bekommen, die Fassade stehen lassen, und das Gebäude wieder zum Leben erweckt. In Hamburg geht das, in Oldenburg offenbar nicht.

Frage: Sie berichten, dass Sie die Substanz erhalten. Das klingt teuer, so ganz ohne Einnahmen.

Marseille: Ja, sicher. Aber es bleibt ja die zentrale offene Frage: Was machen Sie aus einem Spezialbau, wenn sich die Spezialität Kino verflüchtigt hat. Da fordern interessierte Kreise: enteignen! Dann wäre die Stadt Eigentümerin. Ja – und dann? Was dann?

Frage: Eine Enteignung hat die Stadt klar verneint.

Marseille: Aber im Bauausschuss wurde das doch gefordert!

Frage: Das hat vielleicht damit zu tun, dass Ungeduld entsteht: Der Eigentümer kann nicht einfach nichts tun . . .

Marseille: Doch! Ohne Gestaltungsspielraum kann ich gar nichts tun! Ich habe wirklich nichts gegen Denkmalschutz, im Gegenteil. Aber: Ein Denkmal, das nicht bewirtschaftet wird, das führt zu nichts. Ein Denkmalschützer in Oldenburg hat mal zu uns gesagt, er sei auch dafür da, Gebäuden wieder ein Leben zu geben, und da müsse man auch Kompromisse machen. Da hat doch die Politik nichts verstanden!

Frage: Es ist ja auch die Rede von einer Nutzung als Veranstaltungszentrum. Die Lage des Wallkinos böte sich auch dafür an, oder?

Marseille: Ich bin kein Betreiber von Veranstaltungszentren. Da bin ich der falsche Ansprechpartner. Und: Die Stadt hat eine weitere Bremse eingebaut. Wenn das Gebäude als Kino weiter betrieben wird, kann alles bleiben, wie es ist. Wenn es kein Kino ist, muss der Investor für jeden Parkplatz, den er nicht schafft – und man kann dort keine schaffen –, knapp 10  000 Euro bezahlen. Da kommen bei der möglichen Platzzahl um die 2,5 Millionen Euro zusammen.

Frage: Also?

Marseille: Wenn sich an den Rahmenbedingungen nicht deutlich etwas ändert, wird sich am Wallkino nichts ändern. Die Fassade können wir neu streichen. Man kann es auch beleuchten. Dann hat es etwas von einem Potemkinschen Dorf. Aber wenn es hilft, dem Gebäude das Odium des Schandflecks zu nehmen . . .

Frage: Aber es muss doch eine Perspektive geben!

Marseille: Wenn Sie wirklich eine zukunftsfähige neue Nutzung haben wollen, dann lassen Sie die Fassade stehen, und den Rest nehmen Sie weg. Dann machen Sie unten Gastronomie mit ein paar Erinnerungsstücken ans Wallkino, und oben Wohnungen oder Büros, dann brennt da Licht und alle freuen sich an der schönen Fassade. Dann schaffen Sie Arbeitsplätze, und das ist aus meiner Sicht das einzig Zukunftsorientierte. Ein Investor braucht an der Stelle 50 Jahre Perspektive, weil man da sehr viel Geld in die Hand nehmen muss.