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NWZonline.de Region Stadt Oldenburg Wirtschaft

Deshalb schließt die Rats-Apotheke

26.05.2017

Oldenburg Eine Radfahrerin schiebt ihr Rad bis in den Eingang und ruft in die Apotheke: „Wie lange läuft die Avène-Aktion noch?“ – „Auf jeden Fall bis Ende des Monats“, antwortet Horst Lube (69), der gerade einem jungen Mann Augentropfen gegen seine Allergie überreicht. Für Lube war das über 31 Jahre lang der Alltag, jetzt hat es einen besonderen Klang. Denn es sind die letzten Wochen, in denen der Apotheker die über 400 Jahre alte Rats-Apotheke öffnet, dann geht er in Ruhestand; einen Nachfolger gibt es nicht. Damit schließt das älteste Unternehmen der Stadt. Die Reaktionen der Kunden „reichen von entsetzt bis sehr traurig“, sagt Lube. Auch Iris Horn ist hier Stammkundin. Sie steht im Laden und sagt: „Heute brauch’ ich eigentlich gar nichts, ich muss jetzt einfach nur jeden Tag mal ’reinkommen.“ Am Morgen hatte sie schon eine „WhatsApp“ von ihrem Enkel aus Madrid erhalten, der dort jeden Morgen die NWZ liest: „Oma, das gibt’s doch gar nicht, deine tolle Apotheke schließt!“ Sie sagt: „Die sind dort so freundlich und persönlich, ganz, ganz nett und liebevoll. Da wird man getröstet, wenn es einem schlecht geht. Ich kann nur das Allerbeste berichten. Ich bin todtraurig darüber.“

Dass es nicht gelungen ist, einen Nachfolger zu finden, ist für viele Kunden schwer zu verstehen, für den Apotheker aber nicht unerklärlich. Er sagt: „Früher war das hier sehr belebt, der Marktplatz war Parkplatz, mit Bushaltestelle direkt vor dem Haus. Bei der Verkehrsberuhigung hat man dann die Parkplätze ,vergessen’. Außerdem gibt es im Umfeld keine Ärzte, erst in der Gartenstraße.“ Die Marge von 3 Prozent bei verschreibungspflichtigen Medikamenten und das Aufkommen der Versandapotheken machten die Sache nicht einfacher.

Lube fällt der Abschied nicht leicht. Er sagt: „Wir haben ein sehr intensives Verhältnis zu unserem Kundenstamm, dazu ist es eine Institution.“ Klaus Streichsbier, der ehemalige Verwaltungsgerichtspräsident, der ebenfalls Stammkunde ist, sagt: „Ich bin entsetzt. Ich bin hier immer sehr gerne hingegangen. Das ist ein absoluter Verlust. Und die Rats-Apotheke ist ein historisch belegter Ort, sie gehört zu dieser Stadt.“

Der Apotheker Wolfgang Büsing hat in seinem Buch „400 Jahre Rats-Apotheke Oldenburg“ in der Reihe „Oldenburgische Familienkunde“ des Oldenburger Landesvereins (1998) die Geschichte sehr schön zusammengetragen – über alle 17 Rats-Apotheker-Generationen. Der Start fiel noch „in das Jahrhundert Luthers und Paracelsus’, in Oldenburg regierten noch die Grafen“, schreibt Büsing. Gefordert worden war die Apotheke 1597 vom ersten studierten Arzt, der hier ansässig wurde: dem gräflich angestellten Mediziner Dr. Hermann Neuwald, zuvor Professor der Arzneikunst in Helmstedt. Die Apotheke war seine Bedingung, nach Oldenburg zu kommen, denn Neuwald wollte neben der Hofpraxis (wo es eine „Schloßapotheke“ gab) eine freie Privatpraxis in der Stadt betreiben und die Versorgung der Bürgerschaft mit seinen verordneten Arzneien gewährleisten.

Graf Johann VII. fackelte nicht lange, bestimmte das in gräflichem Besitz befindliche Haus Lange Straße 57 (heute Bültmann & Gerriets) zum Apothekengebäude und sorgte für alles Nötige. Die Rede war damals nicht von Dingen wie Ibuprofen und Paracetamol und Nasenspray, sondern von „Spicköl, Mastix, Weihrauch, Alaun, Safran, Teufelsdreck, Venedisch Theriak, Pfeffer, Schwefel, Enzian, Campher, Ingwer und Mithridat“, die 1607 aus der schlosseigenen Apotheke in die Rats-Apotheke überführt wurden – als Johann Schütte sie von Heinrich Engelhardt übernahm. Beim Stadtbrand 1676 ging die Rats-Apotheke mit in Flammen auf, 1792 brannte sie erneut vollständig aus – der Praktikant im Labor soll etwas zu experimentierfreudig gewesen sein.

Das Labor ist weiter ein wichtiger Ort, an dem bemessen und gemischt wird – keine leckeren Schnäpse mehr, wie bei einem der Vorgänger, aber andere hilfreiche Rezepturen: Hautcremes mit Cortison oder Antibiotika gegen Pilze und Entzündungen etwa, Haartinkturen oder Akne-Lösungen und -Salben, auch verdünnte Arzneien für Frühgeborene werden hier neu zusammengerechnet, in Kapselform für die Allerkleinsten.

Am Ende seines Arbeitstages verlässt Mitarbeiter Jendrik Speckels die Apotheke und steckt noch kurz den Kopf in Lubes kleines Büro mit den alten Ikea-Kiefern-Regalen, dem Tierkalender und dem Barometer: „Tschüss, Chef!“ Es ist eines der letzten Male, das das an diesem Ort gesagt wird – nach hunderten von Jahren.

Karsten Röhr Redakteur / Redaktion Oldenburg
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