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NWZonline.de Region Stadt Oldenburg Wirtschaft

So machen Taschendiebe in Oldenburg keine fette Beute

02.12.2016

Oldenburg Nicht nur Romantiker mögen Weihnachtsmärkte – auch böse Buben bevorzugen Großveranstaltungen wie den Oldenburger Lambertimarkt, um in derart großen Menschenansammlungen reiche Beute zu machen. 15 Taschendiebstähle wurden im vergangenen Jahr angezeigt, 20 im Jahr davor. Das klingt bei rund 800 000 Besuchern vergleichsweise wenig. Es geht aber noch besser: In den ersten eineinhalb Wochen der aktuellen Auflage liegt die Zahl gemeldeter Fälle bei Null.

Die Behörden haben dafür eine Erklärung: Sie setzen in der Innenstadt nicht nur auf deutlich mehr sichtbare Präsenz dank neongelber Westen und geballter Gruppenstärke, sondern auch auf Aufklärung – und das mit ungewöhnlichen Maßnahmen. So genannte „Präventionsstreifen“ ziehen in Zivil über den Markt, verteilen hier ihre Flyer „Schlauer gegen Klauer“ und geben wertvolle Tipps zum Eigenschutz. Zumindest jenen, die es auch hören wollen.

Viele Passanten interessiert’s aber gar nicht erst, was die Beamten zu sagen haben. Entweder, weil sie a) „sicher nicht beklaut“ werden, sich b) „gut zu wehren wissen“ oder c) „Tricks der Gauner kennen“, wie es auf Nachfrage heißt. Nun. Das sehen Kriminalhauptkommissarin Karin Uhmeier und Polizeioberkommissar Keno Haedke etwas anders. Und belegen diese Einschätzung jeden Abend aufs Neue eindrucksvoll.

Infografik: So schützen Sie sich vor Taschendieben

Sie bilden eines von mehreren „Präventionsstreifen“-Teams, die tagsüber wie in der Dunkelheit über den Lambertimarkt ziehen und dort die Besucher bestehlen wie schockieren. Klingt komisch, scheint aber sehr heilsam. Doch der Reihe nach.

Wenn es doch zum Diebstahl gekommen ist ...

...machen Sie andere Passanten laut und deutlich auf den Dieb aufmerksam und fordern diese direkt zur Mithilfe auf.

...prägen Sie sich besondere Tätermerkmale ein.

...kümmern Sie sich um das Opfer.

...rufen Sie die Polizei unter der Nummer 110 (Rettungsdienst 112) – folgende Infos sind wichtig: Wer meldet den Notfall? Was ist passiert? Wo ist der Vorfall geschehen? Wann ist es dazu gekommen?

...lassen Sie sämtliche Karten, wenn diese durch Diebstahl oder sonstigen Verlust abhanden gekommen sind, sofort sperren. Das ist in den meisten Fällen möglich unter der zentralen Notruf-Nummer 116 116.

Weitere Kartenherausgeber – die im Notfall verständigt werden sollten – können Sie so erreichen:

Debitkarte (01805) 021021
Mastercard (0800) 8191040
VISA-Card (0800) 8118440
American Express (069) 97972000

Ein dichtes Menschengedränge auf dem Lambertimarkt – das ist für Taschendiebe wie Weihnachten. Je näher sie ihrem Opfer sind, desto näher sind sie auch seinen Wertsachen. Und je mehr Menschen sich von links nach rechts durch die Gassen schieben, je mehr sinnliche Eindrücke und Ablenkungen es für sie gibt, desto weniger sind die ahnungslosen Besucher aufs eigene Geld fokussiert. Ein kurzer Rempler, ein Spritzer Glühwein auf die Jacke oder eine plötzliche Blockade des Opfers – und dessen Konzentration ist hinfort. Wer da seinen Rucksack auf dem Rücken quasi anpreist, das Smartphone in der offenen Jackentasche herumträgt oder das Täschchen aus den Augen lässt, spricht förmlich eine Einladung zum Diebstahl aus.

„Ich bin da ja eher plump“, sagt die Polizistin Karin Uhmeier mit Verweis auf ihre Befähigung zur Taschendiebin – zieht wenige Augenblicke später aber dennoch die Geldbörse aus der Tasche einer jungen Frau, nestelt ein paar Meter weiter die Zigaretten aus dem Rucksack eines Mannes und wird vor dem Mini-Riesenrad von einem aufgebrachten Herrn erst kurz vor Vollendung ihres gezielten Taschengriffs gestoppt.

Für alle derart vermeintlich Bestohlenen ist es ein immenser Schockmoment mit „reichlich Puls“. Doro Hainke beispielsweise ist 31 und aufgeklärt, der Herr Papa bei der Polizei – und nach Uhmeiers Überraschungscoup doch „erschüttert und erleichtert zugleich“. Auch Nadine Wille kann kaum fassen, was die Polizistin da gerade geschafft hat. Und das, obwohl die Hatterin doch im Kreise ihrer Freundinnen steht. Bemerkt hatte keine von ihnen den Zugriff. Und so lässt sich die Reihe der mehr oder minder erfolgreichen Diebstähle Uhmeiers fortsetzen.

„Also normalerweise habe ich ja...“, verteidigt sich die eine, „Ich war ja gerade nur abgelenkt...“ die andere. Und dann ist da noch die Dame aus Westfalen, die zugibt: „Ich hab’s noch meiner Tochter gesagt: Mir passiert sowas nicht! Und dann das hier...“ Für die Kommissare Haedke und Uhmeier sind’s die immer gleichen Ausflüchte, die immer gleichen Erklärungen. Was unterm Strich dieser plumpen Anmache bleibt: Bei einem professionellen Taschendieb wäre das wertvolle Hab und Gut verloren. Punkt.

Der Schockmoment, dieses Wissen um den möglichen Verlust, bleibt aber in Erinnerung, sorgt bei den „Opfern" für ein Umdenken. Meistens zumindest. „Einmal habe ich eine Frau gleich zweimal in ihrer Sorglosigkeit ertappen können“, so Uhmeier ohne Häme, „das gab leider einen ausgewachsenen Ehekrach, weil ihr Mann dabei war...“

Mit ihrem Dienstausweis, guten Worten und noch besseren Tipps versuchen die Beamten, den Puls ihrer Opfer wieder ins Lot zu bringen. Die reagieren durchweg positiv, bedanken sich sogar herzlich. So wie die Oldenburgerin Kerstin Fitschen, die dank ihres aufmerksamen Kommilitonen Julian Becker mit dem Schrecken davon kommt. Geld, Schlüssel und Handy wären im schlimmsten Fall jetzt fort – Becker aber reagiert geistesgegenwärtig und zeigt Zivilcourage, schreitet ein. „Das passiert höchst selten“, lobt die Kommissarin. Gibt aber wie ihr Kollege Haedke trotz der zweifelhaften Erfolgserlebnisse offen zu: „Die Hemmschwelle, einem Besucher in die Tasche zu greifen, ist doch enorm.“

Der Zweck aber heilige die Mittel, der vermeintliche Diebstahl stütze die Prävention. Abend für Abend, bis zu 100 Mal. Mit schönem Nebeneffekt: „Die Tätergruppen merken ja auch, dass wir hier sind“, so Haedke, „und halten sich da lieber fern.“

Überraschend: Die älteren Marktbesucher scheinen vorsichtiger zu sein als die jüngeren, klammern und schützen ihre Taschen deutlich sorgsamer. Warum gerade junge Frauen so unbesorgt sind, können sich die Beamten nicht so recht erklären. Aus Naivität? Aus unermesslichem Vertrauen in die Stadt Oldenburg oder die Polizei? „Letztlich wird alles auf uns abgewälzt – dabei könnten alle Bürger sehr viel mehr zu ihrem eigenen Schutz leisten“, so Uhmeier. Davon ist auch Herbert Niehues überzeugt. Der Oldenburger hat mit Gattin Helga den Beutezug der Polizei beobachtet – und findet’s super. „Jeder von uns weiß doch, dass geklaut wird, trotzdem handeln wir nicht danach“, sagt er. Nun ja, zumindest, bis es zum Schock kommt. Den Freunden und Helfern sei Dank.


Film unter   bit.ly/2gefgxe 
Marc Geschonke
Redakteur
Redaktion Oldenburg
Tel:
0441 9988 2107

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