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NWZonline.de Region Stadt Oldenburg Wirtschaft

Rezan Cakici weiter vermisst - Was geschah bisher?

13.09.2017
NWZonline.de NWZonline 2017-09-14T05:26:46Z 280 158

Soko „kings“ Ermittelt In Oldenburg:
Vermisstenfall Rezan Cakici – Was bisher geschah

Oldenburg Wo ist Rezan Cakici? Dem in dubiose Geschäfte verstrickten 29-jährigen Deutsch-Kurden wird ein „Abtauchen“ zugetraut – doch auch ein Gewaltdelikt wird nicht ausgeschlossen. Die NWZ hat hier eine Zeitleiste der wichtigsten Ereignisse rund um seine Person zusammengetragen, die möglicherweise auch in Zusammenhang mit dem Verschwinden gesehen werden können.

2013: Abdullah Rezan Cakici – der zu diesem Zeitpunkt in Oldenburg noch nicht polizeilich aufgefallen ist – soll in Bremen Gründungsmitglied des später verbotenen Rockerclubs „Mongols“ sein, dann zu den ebenso aufgelösten„Hells Angels Westside“ wechseln. Einige von ihnen wandern nach Bielefeld zu den Hells Angels Nomads Turkey ab, Cakici übernimmt die Führung, so die Bielefelder Ermittler. Offenbar dreht sich wie in Bremen auch in NRW vieles um Gebietsansprüche und zugehörige fragwürdige „Geschäfte“, wie es heißt.

11. August 2014: Cakici wird für „vogelfrei“ erklärt – die Nomads Turkey Bielefeld, denen er bis dato vorgestanden hatte, lassen ihn angeblich wegen seiner Herkunft und seines politischen Ansinnens fallen. „Ich bin stolz ein Kurde zu sein und ich verteidige mein Land, wenn es sein muss“, gibt er damals in einem Youtube-Video zu Protokoll, „Lieber ein stolzer Kurde als ein ehrenloser Kurde. Meine Familie ist zehnmal so groß wie die Hells Angels Türkei!“

Das Video ist 4:01 Minuten lang – und als offene Konfrontation an die Nomads gerichtet, die Kurdistan „nicht anerkennen“ wollen und „Faschisten“ seien, so Cakici: „Wer von Euch meint, meine Familie oder mich zu bedrohen, der wird sehen, was er davon hat. Ich kämpfe bis zum letzten Tropfen.“

Wenige Tage später entschuldigt sich Cakici ebenso öffentlich. Es hätte ein Gespräch mit dem Club gegeben, das „keine Fragen“ offenlasse. Er selbst habe wohl „überreagiert“.

Währenddessen und in der Folge wird auch in Oldenburg immer wieder öffentlich über einen etwaigen Rockerkrieg spekuliert. Zu Reibereien zwischen Hells Angels, Gremium MC und Bandidos sei es aber nie gekommen – so heißt es aus der Szene. Dass da möglicherweise „Felder abgesteckt“ würden, so wie in Bielefeld, sei nicht der Fall gewesen. Vielmehr hätte „gegenseitige Akzeptanz“ geherrscht, so der frühere Bandidos-Boss vor Auflösung des Chapters Ende 2016. Indes: Bereits ein Jahr zuvor wurden Schüsse auf das Clubhaus an der Alexanderstraße abgegeben. Täter? Unbekannt. Hintergründe? Unbekannt.

20. November 2016: Die Shisha-Bar „Smokingzz“ an der Nadorster Straße, in die Cakici anscheinend geschäftlich führend involviert ist, wird eröffnet. Nach NWZ-Informationen ist Cakici hier Teilhaber.

29. Juni 2017: Rezan Cakici postet auf Facebook ein Foto von sich, schreibt: „Erzähl den Leuten nur das, was du die wissen lassen möchtes.“ Es wird der bis dato letzte öffentliche Eintrag sein.

3. Juli 2017: An diesem Montagabend wird Cakici letztmalig gesehen – in der Shisha-Bar „Smokingzz“ an der Nadorster Straße. Laut seines Cousins habe der 29-Jährige „all seine Sachen in der Bar stehen lassen und ist durch den Hintereingang raus“. Ohne Handy, ohne Schlüssel, ohne Tasche, ohne Geld – auch ohne seinen Sportwagen. Zwei Stunden später wollte er wieder zurück kommen – was aber nicht passierte.

Rund 14 Tage später meldet sein Vater Rezan Cakici als vermisst. Der 29-Jährige war häufiger plötzlich außer Landes – soll sich dann aber immer bei seiner so wichtigen Bezugsperson und Vorbild abgemeldet haben. Diesmal nicht. Die Polizei bildet daraufhin die Soko „Kings“ – darin ist neben der Polizeiinspektion Delmenhorst auch die Zentrale Kriminalinspektion eingebunden. Letztere kommt vor allem bei organisierter Kriminalität zum Zuge.

Trotzdem werde – zumindest offiziell – noch kein Zusammenhang mit der Rockerszene gesehen. Die Staatsanwaltschaft beantragt eine öffentliche Fahndung.
> Lesen Sie dazu einen Kommentar von NWZ-Redakteur Marc Geschonke.

27. Juli 2017: In einem Ladenlokal an der Nadorster Straße 14, das unter dem Namen „M.A. Cakici Trockenbau GmbH“ im Handelsregister geführt ist, wird am späten Nachmittag der Onkel von Rezan Cakici mit drei Schüssen getötet, sein Vater wird „im Verlauf einer Auseinandersetzung“, wie es heißt, schwer verletzt. Ein 38-jähriger türkischer Staatsbürger mit Wohnsitz in Oldenburg – und anscheinend auch Beteiligter am Trockenbau-Unternehmen – wird noch am Tatort festgenommen und in die Justizvollzugsanstalt an der Cloppenburger Straße überstellt.

Hintergrund sollen „geschäftliche Streitigkeiten“ gewesen sein. Bei der Polizei wird nachdrücklich betont, dass eine Verbindung in die Rockerszene „reine Spekulation“ sei.

Besagtes Unternehmen wurde am 22. Oktober 2015 von Geschäftsführer Muhammet Ali Cakici – Cousin Rezans und angeblich ebenfalls in einem Hells-Angels-Club organisiert – im Register eingetragen, firmierte zuvor möglicherweise unter „Cakici Trockenbau Nord West GmbH“, was zeitgleich insolvent gemeldet wurde und über Löningen („Intercon“, März 2013 bis Januar 2015) wie Hatten-Sandkrug (Januar 2015 bis Februar 2015) nach Oldenburg kam.

28. Juli 2017: Die Soko „Kings“ wird aufgrund der wahrscheinlichen Zusammenhänge von Vermisstenfall und Tötungsdelikt erweitert. Ermittelt wird nun „in alle Richtungen“. Der Aufenthaltsort Rezan Cakicis bleibt ungeklärt. Ein Verbrechen werde zwar nicht ausgeschlossen, tatsächlich könnte der 29-jährige Deutsch-Kurde aber auch ganz bewusst abgetaucht sein.

In der Folge überschlagen sich die Gerüchte zum Verbleib Cakicis in Internet-Foren. Die einen wähnen ihn versteckt in der Türkei, andere gehen von einer Entführung aus. Auch über Mord wird spekuliert. Immer wieder Thema sind dabei dubiose Aktivitäten im Drogenmilieu - so könnte eine nicht geleistete Zahlung an „Geschäftspartner“ ein spontanes „Abtauchen“ bewirkt haben, heißt es.

17. August 2017: Bereits zum zweiten Mal binnen vier Wochen wird ein Waldstück in Charlottendorf-Ost, einem Ortsteil der Gemeinde Wardenburg, durchsucht. Dort sollte „etwas im Waldboden vergraben“ sein, das mit dem Verschwinden Cakicis in Zusammenhang gebracht werden könne, hatte es nach NWZ-Informationen beim ersten Tipp durch einen Hinweisgeber geheißen.

Schon damals wurde die Polizei zwar fündig – allerdings habe sich unter diesen Stücken nichts gefunden, was einen strafrechtlichen Hintergrund, geschweige denn weitere Hinweise auf Cakici, hätte konkretisieren können. Mit Leichenspürhunden, Kriminaltechnikern und Mitwirkenden der Soko „Kings“, aber auch rund zwei Dutzend Beamten der Bereitschaftspolizei, waren die Ermittler vor Ort. Sie blieben allerdings ohne Sucherfolg.

18. August 2017: Einen konkreten Ermittlungsansatz gibt es offenbar nach wie vor nicht – sehr wohl aber eine Vielzahl verschiedener Puzzleteile, die von den Ermittlern irgendwie sinnvoll zusammengelegt werden müssen. Die Polizei ist auf Hinweise aus der Bevölkerung angewiesen. Potenzielle Tippgeber aber, die gut über die Lebensumstände, Geschäftstätigkeiten und Feinde Cakicis informiert sein könnten, dürften sich womöglich aufgrund einer Milieu-Zugehörigkeit oder entsprechender Familienbande mit einer Aussage zurückhalten. Dass sie sich der Polizei gegenüber kooperativ verhalten, scheint kaum denkbar – obgleich ein etwaiger Austausch ganz sicher etwas Ruhe in die öffentlich aufgeregte und in Sozialen Medien umfänglich kommentierte Großfahndung bringen könnte. Nach NWZ-Informationen weilen Personen aus dem direkten Umfeld des vermissten 29-Jährigen derzeit im Ausland – sie könnten wichtige Zeugen sein, mindestens aber für etwas Aufklärung ob des Verbleibs Cakicis sorgen.

September 2017: Nach wie vor kreisen die Ermittlungen im Vermisstenfall Cakici zwischen den Optionen Mord und Auslandsversteck. Die Soko-Leitung hat zwischenzeitlich gewechselt, mittlerweile wird nicht mehr im großen Ganzen recherchiert, sondern in der Feinarbeit. Spuren werden aufgearbeitet, technische Details geklärt. Nach NWZ-Informationen ist die Shisha-Bar „Smokingzz“ mittlerweile innerhalb der Familie übergeben worden. in Sachen Schießerei an der Nadorster Straße hat die Polizei ihre Ermittlungen abgeschlossen, den Fall an die Staatsanwaltschaft übergeben - da Täter wie Opfer beide im besagten Trockenbau-Unternehmen gearbeitet haben, sei unklar, wie es dort kurz- bis langfristig weitergehe.