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NWZonline.de Region Stadt Oldenburg Wirtschaft

Strom für 570 Haushalte aus der Hunte

06.08.2011

OLDENBURG Carsten Fichter steht auf einem Laufgang des alten Wasserkraftwerks und blickt in die Hunte. „In den Bergen“, sagt der Mann mit deutlich süddeutschem Zungenschlag, „haben wir bei Wasserkraftwerken oft Fallhöhen von bis zu 300 Metern.“ Die Gischt am Auslauf des Wasserkraftwerks Oldenburg ist hingegen überschaubar, Realisten würden eher von leichter Verwirbelung sprechen. Die hier eher schwachbrüstige Fallhöhe von höchstens 6,20 Metern hat Carsten Fichter beim Wechsel in den Norden aber nicht gebremst: „Hier“, sagt der Mann, der seit ein paar Monaten bei der EWE für das Wasserkraftwerk zuständig ist, „hier haben wir etwas ganz Besonderes – ein Kraftwerk, das seit 84 Jahren mit der selben Technik läuft.“ Da spielt die Fallhöhe kaum eine Rolle.

Hauptaufgabe Wasserstand

Die EWE hat das von 1925 bis 1927 gebaute Wasserkraftwerk 2010 für 50 Jahre vom Niedersächsischen Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz gepachtet. Zuvor hatte der Statkraft-Konzern die Schlüsselgewalt, aber für den lag die Hunte zu weit vom Schuss.

Der markant-harmonische Backsteinbau wurde gleichzeitig mit dem Küstenkanal erbaut und dient hauptsächlich der Regulierung des Wasserstands der Schifffahrtsstraße und der Hunte. Der muss ständig im Fenster von 4,95 bis 5,08 Meter über Grund gehalten werden, damit die benachbarte Schleuse reibungslos funktioniert. Zwischen Hunte und Küstenkanal befindet sich dafür ein Durchlass, der den Ausgleich zwischen Hunte und Kanal schafft – nur etwa 50 Meter vom Wasserkraftwerk entfernt.

Dass die Bauherren – Architekt war Adolf Rauchheld (1868-1932), der auch die Cäcilienbrücke plante – schon damals daran dachten, aus der Wasserkraft Strom zu erzeugen, ist nach wie vor ein angenehmer Nebeneffekt der Wasserstandsregulierung. Nebeneffekt deshalb, weil die Turbinen nur laufen, wenn aus dem 184 Kilometer langen Oberlauf der Hunte Wasser abgelassen wird – im Sommer acht bis zehn Stunden am Tag, im Winter fast kontinuierlich. Flutwellen kommen hier selbst bei Starkregen nicht an, dafür hat die Hunte zu wenig Gefälle. „Flachland eben“, sagt Fichter.

Dennoch: Wenn die Schotten richtig offen sind, „fallen“ 20 000 Liter Wasser pro Sekunde durch die beiden Turbinen, deren Schaufeln wie gekippte Schiffsschrauben in den Zulaufkanälen liegen. Über eine Welle treiben die Schrauben die offenen Generatoren an - mit 187 Umdrehungen pro Minute. Moderne Wasserturbinen schaffen 3000.

Turbinen laufen langsam

„Museumstechnik“, sagt Ingenieur Michael Bijok, der mit seinem Kollegen Detlef Pohl (Betriebsführungsmeister) für Wartung und Betrieb verantwortlich zeichnet. In der lichtdurchfluteten Halle stehen die beiden lackschwarzen Generatoren wie glänzende Oldtimer – aber das hat seinen Preis. „Wenn mal etwas kaputt geht, wird es richtig teuer“, sagt Bijok. „Jedes Teil ist eine Einzelanfertigung. Da steht man an der Werkbank und feilt.“

Dr. Claus Burkhardt, bei der EWE zuständig für den Betrieb der Anlagen in der Energie- und Umwelttechnik, zeigt auf ein Blechschild auf einem der Generatoren: „VEB Reparaturwerk Clara Zetkin Erfurt“ steht darauf. Bei einer großen Revision 1990 waren die Experten des Volkseigenen Betriebs aus der gerade untergegangenen DDR die einzigen, die die alten Schätzchen noch reparieren konnten. Wer das jetzt noch kann? Schulterzucken. Man hofft, dass der Fall nicht allzu schnell eintritt.

Zwei Millionen Kilowattstunden Strom erzeugt das Wasserkraftwerk im Jahresschnitt. Strom für etwa 570 Haushalte. „Eine moderne Windkraftanlage erzeugt doppelt so viel Strom“, sagt Burkhardt. Aber: Die großen Rotoren im Offshore-Windpark „Alpha Ventus“, an dem die EWE beteiligt ist, sind für eine Lebensdauer von 20 Jahren gedacht, „und hier sind wir bei über 80“.

Das mit der ursprünglichen Technik zeigt sich auch in den Räumen neben der Halle mit den Voith-Turbinen mit einer installierten Leistung von je 350 Kilowatt. Die Wand mit den Bedien- und Kontrollinstrumenten zeigt knackige Schalter, handliche Räder und zackige Zeiger, von Tastaturen und Monitoren keine Spur. Im Schaltraum finden sich Schmelzsicherungen und Schaltschränke. Dennoch funktioniert das Anlaufen reibungslos. In der Halle brummen die Turbinen und es dauert keine Minute, bis die Steuerung den Strom auf 50 Kilohertz Frequenz eingependelt hat – der Wasserkraftstrom ist mit dem Netz synchronisiert, die Energie fließt in die Welt hinaus.

Großes Besucher-Interesse

Und die Welt würde auch oft gern hinein in den Bau, der wie ein roter Backsteinriegel vor den Weiten der Buschhagenniederung liegt. „Wir haben das Kraftwerk natürlich auch übernommen, um ein Stück Industriegeschichte zu erhalten, das gut zur EWE passt“, sagt Burkhardt, aber eine Öffnung für mehr Publikumsverkehr ist wegen der offenen elektrischen Anlagen schwierig.

Gefahr

Führungen hat es schon gegeben, und eine Fotografengruppe aus Ostfriesland, bestehend aus Birgit Cullmann, Alfred J. Splettstößer und Jelto Buurman, würde ihre Ergebnisse der Auseinandersetzung mit dem Bauwerk gern in dessen Mauern präsentieren. Ob das klappt? „Wir prüfen“, heißt es bei der EWE.

Vorbei am Werk führt der Weg der Fische. Für sie haben Landesfischereiverband und NLWKN 2006 für 950 000 Euro eine neue Fischtreppe gebaut, damit sie trotz des sperrenden Bauwerks in die obere Hunte einwandern können. Und an diesem Punkt ist die niedrige Fallhöhe sogar ein Vorteil.

Thorsten Kuchta
stv. Redaktionsleitung
Redaktion Oldenburg
Tel:
0441 9988 2102

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