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NWZonline.de Region Stadt Oldenburg Wirtschaft

Vom Warten auf ein Zuhause

01.10.2015

Oldenburg Wir kehren nicht zurück. Das hatte er schon verstanden. Als die Räder des Flugzeugs vom iranischen Boden abhoben und sein bisheriges Leben langsam vom nachtschwarzen Himmel verschluckt wurde, sollte es aufwärts gehen. In Sicherheit. Deutschland hieß die. Damals wusste er nicht, wie lange es dauern würde, bis einer wie er ankommt. 16 Jahre hat es gedauert, bis Mojtaba Sadinam Deutscher wurde – zumindest auf dem Papier.

Dunkle Seiten

Verfolgt im Geburtsland, abgelehnt, oft missverstanden, maximal geduldet in der neuen Heimat: „Unerwünscht“ haben Mojtaba und seine Brüder Masoud und Milad ihr Buch genannt, das die Geschichte einer Flüchtlingskindheit erzählt. Während einer Lesung zur Interkulturellen Woche beleuchteten die Zwillinge Mojtaba und Masoud am Dienstagabend in der Begegnungsstätte Ibis auch dunkle Seiten eines aktuellen Themas. Elf Jahre waren die Beiden, als ihre Mutter sie und den Bruder in das Versteck bei Freunden brachte. Drei Monate tauchte die Familie vor dem Iranischen Regime im eigenen Land unter. Das Haus konnten sie nicht mehr verlassen. „Wie im Gefängnis“, sagt Mojtaba. Wütend war er auf die Mutter. Was sie Schlimmes angestellt hat, wollte er wissen. Erzählt von ihren politischen Kämpfen für Frauenrechte, den verbotenen Flugblättern, mit denen sie entdeckt worden war, hat sie ihren Söhnen erst nach der Flucht, als sie Taschen zwischen den Etagenbetten in der Erstaufnahmeeinrichtung bei Münster abgestellt haben: Eine Kaserne mit Sammelduschen und Stacheldrahtzaun ringsherum. Mojtaba, Masoud und Milad, trugen jetzt Klamotten aus der Kleiderkammer – „olle Oma-Sachen“. Aufgewachsen in gut behütetem Mittelstand, kannten sie ein anderes Leben.

Dieses würden sie zehn Jahre führen müssen: In verschiedenen Flüchtlingsunterkünften hofften, bangten, warteten sie auf Post von den Behörden. Ein Brief mit der Genehmigung des Asylantrages war nie dabei. Nur Ablehnungen. Als die Klage vor dem Bundesgerichtshof scheiterte, waren die Brüder längst von der Hauptschule aufs Gymnasium gewechselt, hatten Freunde, erstklassige Noten, die Mutter eine Zukunft als angehende Krankenschwester. „Geduldet“ stand auf ihren Papieren.

Kein perfektes Beispiel

Knapp vor der Abschiebung rettete die Brüder das 2005 in Kraft getretene Zuwanderungsgesetz. Ihre Mutter durfte nach einem Suizidversuch „aus humanitären Gründen“ bleiben. Bis zur doppelten Staatsbürgerschaft sollten weitere sieben Jahre vergehen. Überaus willkommen waren Mojtaba und Masoud währenddessen als Einserabiturienten an den Elite-Unis der Republik: Integration durch Bildung – märchenhaft.

Die Brüder haben die Geschichte umgeschrieben. Nach wenigen Semestern wechselten die heute 30-Jährigen auf staatliche Hochschulen. „Wir sind kein Beweis, dass jeder es schaffen kann, keine Vorzeigemigranten“, sagt Masoud, zu oft habe er sich schämen müssen, für das was er war: ein Flüchtlingskind, das nicht zurückkehren kann.

Im Iran sind sie nie wieder gewesen. Ihre Heimat ist Deutschland: „Mit Pegida und allem, was dazu gehört.“

Lea Bernsmann
Redakteurin
Redaktion Oldenburg
Tel:
0441 9988 2106

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