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NWZonline.de Oldennerd

Einmal ins Taka-Tuka-Land und zurück

06.05.2016

Oldenburg „Nur noch fünf Minuten“ ist wohl die häufigste Bitte, die Kinder ihren Eltern stellen, wenn die Zeit naht, um ins Bett zu gehen. Ich war da nicht anders. Egal ob Fernsehen, Spielen oder einfach Löcher in die Luft starren – alles schien mir immer spannender zu sein, als sich hinzulegen, die Augen zu schließen und alles Mögliche zu verpassen.

Nur das allabendliche Vorlesen konnte mich als Knirps davon überzeugen, dass dieses „Schlafengehen“ einen Sinn haben könnte. Aber nur, wenn die Geschichten, die man mir erzählte, auch fesselnd waren. Die kleinen Hefte mit der schnarchigen Conny konnte ich zum Beispiel nie leiden. Ob das blonde Mädchen mit dem rot-weiß gestreiften Pullover den Zoo besuchte, zum Zahnarzt ging oder dem Vater bei irgendetwas half, so richtig schien mir da nie etwas zu passieren.

Die Zeiten der öden Geschichten waren dann zum Glück an dem Tag gezählt, als meine Mutter ein blaues Buch mitbrachte, auf dem ein Mädchen mit Ringelsocken und roten, abstehenden Zöpfen zusehen war, das mit einem kleinen Affen auf einem Koffer saß. Was mir sofort gefiel, war, dass diese Pippi nicht so brav zu sein schien wie die olle Conni Klawitter. Außerdem hatte sie einen Affen, der einen Hut trägt! Das konnte ja nur gut sein, dachte ich.

Inger Nilsson als „Pippi Langstrumpf“. Foto: dpa

Das Vorabendprogramm im Fernsehen war plötzlich nicht mehr so interessant, Spiele und Malbücher wurden an Ort und Stelle fallen gelassen, wenn es hieß „Schlafenszeit“. Bereitwillig ließ ich mich ins Bett schicken und verschwand gespannt unter der Bettdecke, während man mir vorlas, wie Efraimstochter mit Herrn Nilsson und dem Kleinen Onkel in der Villa Kunterbunt wohnt und das Leben von Annika und Tommy und dem gesamten Dorf auf den Kopf stellt.

Ein bisschen wollte ich dann als Kind auch so sein wie Pippi. Am liebsten hätte ich dazu einen kleinen Affen gehabt. Da das leider in Deutschland verboten ist, hat das nicht geklappt. Und meine Mutter wäre von der Idee sicher auch nicht begeistert gewesen. Die nächste Option, meinem Idol näherzukommen, wären vielleicht die abstehenden Zöpfe gewesen. Die kamen mir jedoch modisch sehr fragwürdig vor. Aber verkehrt herum im Bett schlafen, das habe ich mal ausprobiert. So wie das stärkste Mädchen der Welt: Füße aufs Kopfkissen und den Kopf ans Fußende. Da hab ich mich schon ein wenig wie Pippi gefühlt, auch wenn es nicht so gemütlich war. Letztendlich bin ich dann doch bei den Büchern geblieben.

Astrid Lindgren (rechts) mit der Hauptdarstellerin des Films „Pippi Langstrumpf“, Inger Nilsson. Foto: Reiss/dpa

Später kamen dann die Abenteuer mit Krümel und Jonathan Löwenherz in Nangijala dazu, die ich als Kind ziemlich unheimlich fand. Mehr zu Lachen gab´s dafür bei Michel aus Lönneberga. Nur Karlsson vom Dach mit dem Knopf am Bauch und dem Propeller am Rücken war mir nie ganz geheuer. Dann lieber die Kinder aus Bullerbü!

Doch nicht nur mir gefielen die Geschichten der schwedischen Kinderbuchautorin. Mit einer Auflage von über 20 Millionen Exemplaren in Deutschland und über 145 Millionen Büchern in der ganzen Welt hat die 1907 in Vimmerby Geborene eine unheimliche Bekanntheit erlangt, mit der sie wohl selbst nie gerechnet hätte, als sie ihrer kranken Tochter Karin an einem kalten Wintertag die Geschichte von dem Mädchen aus der Villa Kunterbunt erzählte.

Astrid Lindgren (1907-2002) und ihr „Handwerkszeug“ zum Schreiben Foto: Schmitt/dpa

Doch wer genau hinter den schwedischen Geschichten steckte, wurde mir erst so richtig in der Schule bewusst. Im Deutschunterricht lernte ich die Astrid Lindgren kennen, die sich auch in politische Diskussionen einbrachte wie beispielsweise mit ihrer Rede „Niemals Gewalt“, die sie als Dank für den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels hielt.

Mittlerweile ist Pippi über 70 Jahre alt. Das blaue Buch von dem frechen Mädchen und ihrem lustigen Affen habe ich noch. Es ist sicher im Bücherregal verstaut. Doch reingeschaut habe ich schon lange nicht mehr in ein Buch der schwedischen Autorin. Anders als einer meiner Kollegen, dessen linkes Augenlid beim Thema Lindgren verräterisch zu zucken beginnt. Er müsse seiner Tochter auch immer wieder die Bücher vorlesen, erzählte er mir.

Ob ich meine Mutter auch so gequält habe, dass sie manche Kinderbücher einfach nicht mehr sehen konnte? Vielleicht hätte ich der langweiligen Conni meiner Mama zu Liebe ja doch mal eine Chance geben sollen, überlege ich kurz.

Doch meine Mutter scheint keine bleibenden Schäden erlitten zu haben. Spätestens zur Weihnachtszeit, wenn „Michel“ läuft, hocken wir zusammen vorm Fernseher und lachen Jahr für Jahr, wenn der kleine Blondschopf immer wieder aufs Neue den Kopf in die Suppenschüssel steckt.

Sophie Schwarz Volontärin / NWZ-Redaktion
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