Ostfriesland - Rund drei Wochen lang ist das 9-Euro-Ticket noch gültig – in Ostfriesland kommen aber nicht alle Fahrgäste der Bahn in den Genuss, günstig von Leer nach Emden oder bis zum Endhalt in Norddeich-Mole zu reisen: Der Platz für Fahrradfahrer ist immer wieder zu knapp für den Ansturm. Vor allem an Wochenenden sind die Fahrrad-Waggons der Züge bis zur letzten Satteltasche vollgestopft, Zusteiger werden unterwegs abgewiesen – oder müssen gar den Zug räumen. Nun gab es auf der Verbindung nach Norddeich, vor allem an Urlaubs-Wochenenden, auch vor dem 9-Euro-Ticket immer wieder volle Züge; aktuell erlebt die Bahn bundesweit aber Rekordzahlen bei Fahrgästen: „Mindestens 30 Millionen Menschen haben allein im Monat Juni das Angebot genutzt“, bestätigt eine Sprecherin auf Anfrage. Aber: Wurden Fahrradfahrer dabei überhaupt eingeplant? Wir haben nachgefragt, wie die Bahn ihre in Ostfriesland Kapazitäten plant.
Deutsche Bahn verweist auf ortsfremde Angebote
Die schlechte Nachricht direkt vorweg: „Generell ist die Fahrradmitnahme im 9-Euro-Ticket nicht inkludiert“, heißt es seitens der Bahn. Auch dort, „wo die Mitnahme von Fahrrädern grundsätzlich möglich ist, können wir als DB nicht immer garantieren, dass die Fahrradmitnahme bei jeder Fahrt mit unseren Zügen umsetzbar ist.“ Aus dem Grund empfehle die Bahn, das eigene Bikesharing-Angebot „Call a Bike“ am Zielort wahrzunehmen, beziehungsweise sich vor Ort ein Rad zu leihen. Das Problem: Der letzte Bahnhof, an dem das Bahn-Angebot wahrgenommen werden kann, ist Oldenburg – für Kunden in Ostfriesland also keine Hilfe. Auch der Verweis, dass auf stark nachgefragten Strecken zusätzliche Nahverkehrszüge „im Auftrag und in Abstimmung mit den Aufgabenträgern“ eingesetzt würden, wird durch ein Statement der Landesnahverkehrsgesellschaft Niedersachsen ad absurdum geführt: „Im Expresskreuz Bremen/Niedersachen sind keine zusätzlichen Fahrten und keine Verlängerung von Zügen möglich.“ Zum Ferienbeginn waren zwar Entlastungsbusse mit Fahrradanhängern zwischen Hannover und Norddeich-Mole im Einsatz – von einer Entlastung oder einem echten Angebot für Fahrradfahrer konnte dabei aber nicht die Rede sein, wie die Verbraucherschutzorganisation Pro Bahn kritisiert.
Kein seltener Anblick: In diesem Sommer ist die Bahnstrecke zwischen Bremen und Norddeich-Mole stark nachgefragt. Bild: dpa
Pro Bahn: Konflikt ist aktuell nicht lösbar
Auf der Bahnstrecke nach Norddeich-Mole verkehren stündlich abwechselnd Intercity- und Regionalexpress-Züge. Die ICs (weiße Farbe) können mittlerweile zwar auch mit dem 9-Euro-Ticket genutzt werden, weil sie als Nahverbindung eingesetzt sind, die Mitnahme von Fahrrädern ist hier aber immer reservierungspflichtig. Das ist – aktuell – allerdings nicht über die App der Bahn möglich, sondern nur in einem DB-Reisezentrum.
Im Regionalexpress (rote Farbe) muss eine Fahrradmitnahme nicht reserviert werden, es gibt aber auch keinen Anspruch auf eine Mitnahme. Wenn die Fahrradplätze belegt sind, kann das Bahnpersonal die Mitnahme verweigern. Reisende sollten das besonders an Wochenenden in der Urlaubszeit als mögliche Hürde einplanen.
„Wer macht das denn, im Sommer im Bus von Bremen nach Ostfriesland zu fahren?“, sagte Malte Diehl vom Pro Bahn Landesverband Niedersachsen/Bremen im Gespräch mit unserer Redaktion. Anders als andere Bundesländer habe Niedersachsen versäumt, ein an die zu erwartenden Bedürfnisse zugschnittenes Angebot auf die Beine zu stellen – verärgerte Radfahrer müssten sich deshalb eher an das Verkehrsministerium als an die Deutsche Bahn wenden. „Wie lang und mit welcher Ausstattung die Züge unterwegs sind, bestimmt die Nahverkehrsgesellschaft.“ Und selbst wenn dort an Ferienwochenenden mehrere Doppelstockwagen mit Fahrradständern eingeplant würden, habe die Bahn die gar nicht immer vorrätig, so Diehl. „Man hätte das jetzt im Sommer durchaus anders lösen können, indem zusätzliche Bahn-Garnituren – auch ältere – vom Land bestellt werden und man gesonderte Radfahrer-Angebote macht, aber das hätte Initiative seitens des Verkehrsministeriums verlangt.“ In den regulären Verbindungen in Ostfriesland ist zudem Länge der Bahnsteige ein limitierender Faktor, wie bereits die Landesnahverkehrsgesellschaft sagte – mehr als acht Wagen darf ein Zug nicht haben, weil sonst Ein- und Ausstieg stellenweise unmöglich werden. Das werde zwar nicht immer so bleiben, erklärte der Pro-Bahn-Sprecher, eine schnelle Abhilfe sei aber nicht möglich.
Größere Züge in Ostfriesland sind Zukunftsmusik
Diehl: „Ab 2024 sind von Oldenburg in Richtung Küste neue Triebwagen im Einsatz, die keine separate Lok mehr brauchen, da wird es also mehr Kapazitäten geben.“ Langfristig würden dann auch Bahnsteige verlängert, um Züge mit zehn Wagen bedienen zu können – das sei aber Zukunftsmusik. Und deshalb sei „der Konflikt, den Radfahrer, besonders in größeren Gruppen, aktuell erleben, vorerst nicht lösbar.“
Apropos Ausbau und Konflikt: Ein Grund, warum es zwischen Oldenburg und Norddeich-Mole immer wieder zu Verspätungen und vollen Abteilen kommt, ist Gegenverkehr.
Weil die Strecke nicht auf ganzer Länger zweigleisig befahrbar ist, müssen Züge immer wieder aufeinander warten. Den Vorwurf, dass Güterzüge hier zu oft Vorrang vor Passagierzügen haben, weist die Bahn auf Anfrage von sich: „Die Reihenfolge der Züge ergibt sich aus den Dispositionsregeln“, so die Sprecherin. Dringliche Hilfszüge hätten Vorrang, im Verspätungsfall „gleichwertiger Zugprodukte“ gelte die Regel ,schnell vor langsam’. Genauere Angaben über die Püntklichkeit in Ostfriesland blieb die Bahn schuldig, verwies aber auf die selbstveröffentlichten bundesweiten Pünktlichkeitswerte. Diesen ist zu entnehmen, dass die Bahn bei 88,7 Prozent aller gefahrenen Fern- und Regio-Fahrten im Juli pünktlich waren, beziehungsweise maximal 5 Minuten und 59 Sekunden verspätet waren.
