Emden - Vier Monate lang herrschte „tote Hose“ im Nachtclub „Cheri“ – bis Donnerstag. Da hatte das Etablissement wieder geöffnet – wenn auch nur für einen Tag der offenen Tür. Und natürlich sexfrei. Hintergrund der Aktion ist eine bundesweite Kampagne zur Wiedereröffnung der deutschen Bordelle. Bardame Tanja Meyer freute sich unter anderem über den Besuch des neu gegründeten Fördervereins „Emden Barrierefrei“. Aber auch weitere Bürger folgten der Einladung im laufe des Tages, unter ihnen Bürgermeister Friedrich Busch.
Die Räumlichkeiten des „Cheri“ können seit dem Corona-Lockdown nicht genutzt werden. Seit Mitte März gilt auch für die Prostituierten des Emder Bordells an der Nesserlander Straße ein striktes Berufsverbot. Im Regelfall empfingen vor der Corona-Pandemie acht bis zwölf Huren die Kundschaft im Barraum. „Zu Höchstzeiten boten aber auch schon zwanzig Frauen ihre Dienstleistungen bei uns an“, so Meyer. Mittlerweile sind bis auf zwei Frauen alle Sexarbeiterinnen zurück in ihre Heimat gereist.
Von „Modern Art“ über orientalisch angehaucht bis hin zur VIP-Wellnessoase: Die Besucher des Clubs „Cheri“ erwartete am Tag der offenen Tür eine kunterbunte Reise durch die Räumlichkeiten des lokalen Rotlichtmilieus. Bis dato beschränkt sich die Anzahl der Räume, in denen erotische Dienstleistungen angeboten werden, auf drei. „In naher Zukunft planen wir eine Erweiterung auf sieben, eines davon wird auf jeden Fall barrierefrei werden“, kündigte Meyer an.
In diesem Zusammenhang machte Tanja Meyer auch auf die Problematik des Sexverbots aufgrund der Corona-Pandemie aufmerksam: „Die Politik ist einfach zu verklemmt und nutzt die Situation aus, um Prostitution abzuschaffen. Unsere Branche hat keine Lobby mehr und wird stattdessen in die Illegalität getrieben“. Im Falle eines Missbrauchs sei polizeiliche Hilfe aufgrund des illegalen Angebots einer erotischen Dienstleistung nicht gegeben, betonte Meyer.
Neues Hygienekonzept für Sexarbeit
Ein vom Berufsverband erotische und sexuelle Dienstleistungen e.V. entwickeltes Hygienekonzept soll die Arbeit im Rotlichtmilieu demnächst wieder ermöglichen. Der Verband weist derzeit auf eine Ungleichbehandlung zwischen Sexarbeiterinnen und anderen Branchen mit körperlicher Nähe hin. Das Konzept umfasst neun Seiten und konkretisiert zu treffende vorbeugende Maßnahmen in den Bereichen von Sexarbeit in Wohnungen, Wohnwagen, Haus-sowie Hotelbesuchen und auf dem Straßenstrich.
Neben den allgemein bekannten Hygienemaßnahmen umfasst das Konzept den eindeutigen Hinweis auf ein beschränktes Angebot der erotischen Dienstleistung. Folglich sollen sexuelle Kontakte ausschließlich mit Mund-und Nasenbedeckung erfolgen. Orale Praktiken und Gesichtsnahe Dienstleistungen wie Küssen seien demnach vom Angebot ausgeschlossen.Während des Geschlechtsverkehrs muss zwischen den Köpfen der beteiligten Personen ein Mindestabstand von einer Unterarmlänge eingehalten werden.
Zwar ist das Hygienekonzept nicht konkret auf die Sexarbeit in einem Bordell ausgelegt, Tanja Meyer macht jedoch auf die Parallelen zwischen der erotischen Dienstleistung in einem Hotel und der Branche aufmerksam. Der einzige Unterschied sei der hauseigene Barraum eines Bordells: „Das ist zu vergleichen mit den Hygienemaßnahmen die seit Corona in der Gastronomie getroffen wurden“.
Maskenpflicht im Bordell
Abschreckend für die Kundschaft sei die Maskenpflicht in einem Bordell jedoch nicht: „Gerade im Domina-Bereich sind die Kunden doch schon längst an die Masken gewöhnt, da bestehen die allerdings aus Lack und Leder“, scherzte Meyer.
Inwiefern das Hygienekonzept vom Bundesverband erotische und sexuelle Dienstleistungen e.V. zur Wiederaufnahme der Sexarbeit beiträgt, bleibt abzuwarten. Klar ist: Die Situation der Prostituierten in Deutschland spitzt sich – spätestens seit den Protesten auf der Reeperbahn am vergangenen Wochenende – stetig zu.
